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Eddie hat seinen Stand verlassen. Vielleicht.

Charles Pfahlbauer jr. über therapeutische Fondue-Abende, Bad News aus Amiland, Eddie Feldmann und meditativ-luzide Träumereien.
Von  Charles Pfahlbauer jr.

Wir wussten doch auch nicht weiter. Das wollte natürlich keiner zugeben, aber Sumpfbiber gestand an jenem Novemberabend in unserer Vereinshütte immerhin ein, dass ihm die Worte fehlten und er drum auch von uns nichts mehr hören wolle, von keinem. Fertig mit diesem hysterischen Geschwätz, schimpfte er, ihr macht alles nur noch schlimmer. Ruhe bewahren! Das war leicht gesagt, wenn rundum alles schwieg und sich verkrümelte. Doch immerhin den einen kleinlauten Vorschlag, den Harry Grimm Stunden zuvor gemacht hatte, den wollten wir einstimmig unterstützen: Jeder in unserer Runde sollte noch vor Weihnachten jeweils zwei Menschen, die er halbwegs kannte, aber nicht nur sympathisch fand, zu einem Fondue einladen. Das kettet die Bande oder verkäst wenigstens die Bruchstellen, zwinkerte Harry und brachte uns in der unendlichen Trostlosigkeit eine Sekunde zum Schmunzeln.

All die niederschmetternden Nachrichten, und all die Toten. Zuletzt war aus unserer amerikanischen Kolonie auch noch die Nachricht gekommen, dass Eddie seinen Stand im letzten guten Quartier verlassen habe. Vielleicht, muss man angesichts der vielen wirren und getürkten Meldungen derzeit sagen. Vielleicht, aber vermutlich schon vor Wochen, oder eher sogar vor Monaten, niemand wisse, was passiert sei und wo Eddie jetzt stecke, das alles schrieb uns mein Grossonkel und Namensgeber Charles Palebuilder. Auch er, Charles senior, wisse im Moment nicht weiter, goddammit. Unvorstellbar, weil er uns als Blaukrabbenfischer und Pfeilschwanzkrebsjäger auch in traurigsten Zeiten immer ein strahlendes Vorbild beharrlichen Tatendrangs gewesen war. The Power Of Positive Thinking! Nurmehr ein verblichenes Abziehbild auf einer gottverlassenen Autobahnraststätte. Wir waren wirklich erledigt. In der allgemeinen Ratlosigkeit machte sich im Hüttenelend dumpfbackige Erschöpfung breit, härterer Alkohol war auch keine Lösung, und der barmherzig einlullende Advent war noch mindestens ein Dutzend Föhnstürme und Dauerregennächte entfernt.

Am Ende trottete jeder zurück in seine private Hölle. Meinerseits tröstete ich mich mit einem neu entdeckten alten Eddie-Musiker aus dem Swissminiaturkanton Zug, Eddie Feldmann heisst er und trifft den Ton früherer Aufbrüche wie kein zweiter, und natürlich hörte ich einen alten Lieblingssong der Aeronauten, Eddie und ich, in dem es so versöhnlich heisst: «Und auch wenn es die Sonne mit allen gut meint, mein Freund Eddie und ich wissen, wo sie am besten scheint.» Und Braunauge meinte, sie versuche es jetzt halt doch mal mit einer Zen-Meditation, verbunden mit luziden Träumen. Das klang gut, und erst recht das schlaue Zitat von Albert Einstein, das sie als Zen-Anstoss nachschob: «Die Welt, die wir als Ergebnis unseres derzeitigen Denkens geschaffen haben, gibt uns Probleme auf, die nicht auf der gleichen Denkebene, auf der sie entstanden sind, gelöst werden können.» Ich war skeptisch, zumal ich selber eher mit verzweifelt gegenteiligen Bewegungen liebäugelte, also mit Boxen oder Karate oder Hauptsache Muckis, aber ich verkniff mir die Bemerkung, dass Einstein das doch sicher schon vor mindestens 70 Jahren gesagt und er doch kürzlich mit einem unehelichen Kind im Appenzellerland der Nachwelt ganz andere Ebenenprobleme aufgegeben habe. Ich war ein bisschen stolz, dass ich mich beherrscht hatte, aber ich wusste mit jeder Pore, dass ich Teil des Problems war. Und bald sollte ein Schlaf folgen, wie es noch keinen Schlaf gegeben hatte, unter einer gewaltigen Zen Arcade, an der Seite von Braunauge, und mit Eddie, der lauter gute neue Pläne für seinen Stand hatte.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

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