Mindestens zehn Jahre hatte ich vergeblich nach ihnen Ausschau gehalten, war in feuchten Wäldern in jedes Bachbett und jede Wegrinne gestolpert und über unzählige Laubbeigen und Abhänge gekrochen. Doch jetzt endlich war mir die Begegnung wieder einmal vergönnt, mit gleich zwei höchst lebendigen Prachtskerlen: Den ersten, einen wahrhaft Grossen von gegen 20 Zentimeter Länge, erspähte ich im Buchenwald am Osthang des Monte Lema unweit einer Alp mit dem erquicklichen Namen Fontana, wie er, auf einen Laubhügel hochgekraxelt, seinerseits Ausschau hielt, stolz wie ein kleiner Saurier; der zweite, etwa handgross, vielleicht sein jüngerer Bruder oder auch die Tochter, wer weiss das schon, kroch nur eine Armlänge entfernt Kreise scheinbar orientierungslos vor einer Laubhöhle. Feuersalamander, in echt, Salamandra salamandra, tiefschwarzglattgelbe Schwanzlurch-Glückseligkeit! Unter den Lieblingstieren eines der allerliebsten, in manchen Momenten noch vor Dachs, Uhu und Steinkauz. Natürlich war ich hin und weg, auch Braunauge jauchzte vergnügt, und wir liessen es nicht lange bei der Beobachtung bleiben. Zusammen legten wir uns ins Laub und liessen die Urviecher über unsere Jacken und später garament nackten Oberkörper laufen, schon unsere Urahnen wussten, dass es nichts Besseres gegen Hautpilz gibt, die munteren Passagen von Maldorors Gesängen leise im Hinterkopf. Bis uns ein diffuses Brennen der Haut daran erinnerte, dass die ja ein leichtgiftiges Sekret absondern können. Zugegeben, wir hatten es etwas übertrieben mit der tierischen Freude, und wir liessen es dann auch gut sein und die beiden Kerle wieder in ihre feuchtlaubfröhliche Freiheit entkriechen.
Wir liefen weiter, warfen uns die wenigen italienischen Wörter zu, die wir am Morgen gelernt hatten, besonders schön lautmalerisch: Torrente, für Wild- oder Gebirgsbach, da ist die Turbulenz drin im Wort, und auch der Horror, der bald folgen sollte. Weiter, weiter, den Hohlweg rauf, doch etwas hatte sich merklich verändert. Ein Wind war aufgekommen, dunkle Wolken zogen auf, Nebelschwaden umschlangen die alten Buchen, die nun immer bedrohlicher erschienen. Manche, meinten wir, streckten sich nach uns. Unter all den Buchen ein paar vereinzelte Kastanien, aber ihre wenigen Marroni klein oder dann wurmstichig. Auf einer Anhöhe unvermittelt Ruinen einer Siedlung; drei, vier Gemäuer, lose Steine, die Überreste eines Stalles. Dort stand eine geisterhafte Figur: ein uraltes Männchen, langbärtig und schieläugig und offenbar stumm, es beobachtete uns bewegungslos, ohne den Hauch eines Winks, schon gar nicht eines freundlichen. Wir versuchten möglichst unauffällig zu passieren und machten Tempo; als wir uns nach einigen hastigen Dutzend Metern umdrehten, war das Männchen verschwunden. Spurlos, wie ein Spuk, der nur eingebildet war. Wir haben die Dämonen geweckt, du weisst doch, mit diesen Feuermolchen ist letztlich nicht gut Laub fressen, versuchte Braunauge ein Spässchen. Doch zum Lachen war uns längst nicht mehr zumute. Den Steilhang keuchend hinter uns, rannten wir am Ende fast eine Stunde, bis wir endlich, bis auf die Knochen erschöpft, den Weiler mit der Postautohaltestelle erreichten.
Abends, halbwegs erleichtert in unserer Hütte am Langen See, erfreulicher Besuch von Harry Grimm und Sumpfbiber. Die hatten wie erwartet wenig gute Nachrichten aus der Ostrandzone: Im Trubel der Kuhmesse das wehleidig-gähnige Hurra-Ostrandzonen-Geheul der regierenden Ost-Orks für einen Bundesratssitz, derweil der Club im Halbschuhstadion kaum noch Fussball spielt, dafür jetzt diesen öligen Austrovolksalpenrocker Gabairgendwie engagiert hat. Was für eine Affiche: Mausis, zieht schon mal das Dirndl an, ihr könnt hernach dann auch gleich ostwärts auswandern.
Immerhin, sagte Harry, seien im Toggenburg soeben die letzten der zehntausend Bäume des sogenannten Helvetia-Schutzwaldengagements gepflanzt worden. Der Regierungsork Da Mann habe eigenhändig zehn Weisstannen gepflanzt, es gebe ja gar nichts Besseres gegen all die Naturgefahren wie Hochwasser, Murgänge, Rüfen, Lawinen und Steinschlag. Gerade wenn dort Wildbäche wie der Dürrenbach wüteten. Oder wie der Förster sagte: «Die Weisstanne mit ihrem tief reichenden Wurzelwerk ist für die Stabilität der Schutzwälder äusserst wichtig.» Harry war dabei, er kaufte brav mehrere Baumpässe, für zehn Franken schon gibt’s einen zusätzlichen Baum im Gebiet Ölstein in Unterwasser. Das war, Irrtum vorbehalten, einen Tag, bevor Unterwasser ein wenig übers Toggenburg hinaus Schlagzeilen machte. Und man sich fragte, ob die Versicherung Helvetia für den Schutzwald auch einmal eine Aktion lancieren könnte, wo man für einen Zehnerlappen eine Halle abbrechen kann. Oder ein paar Weisstannen den Hang herunter kugeln könnten, wenn eine Halle so toll voll ist mit Ostglatzen. Aber eben, da wussten wir noch nichts von der Invasion, sondern nur, dass es eben doch keine Dämonen gibt. Jedenfalls nicht solche wie das Langbartmännchen in der torrentig-salamandrigen Fontana-Alp.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
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Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.