Saiten im Oktober: Dem Wolf auf der Spur
Die Debatte um den Wolf polarisiert die (Ost-)Schweiz. Und verändert die Arbeit der Hirt:innen. Ausserdem im Oktober: Der Bücherherbst mit acht Lesetipps für die kalten Tage, das Interview mit Roman Riklin anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der St.Gallischen Kulturstiftung, drei Ausstellungen zum Zweiten Weltkrieg im Rheintal und das Debütalbum von Riana.
Die Bilder hat Daria Frick im Spätsommer auf einer Alp im Kanton St.Gallen gemacht.
Es war einmal ein Land zwischen Bergen und Seen. Die Bewohner:innen des Landes waren sehr freundlich, aber auch sehr zurückhaltend, wenn es darum ging ihren Reichtum zu (ver-)teilen – und davon hatten sie reichlich. Als ein Raubtier über die Berge schlich und sich besonders im Osten des Landes ausbreitete, schrien die Landwirt:innen auf: Das Tier frisst unsere Schafe und verängstigt unsere Kinder! Doch war das Land so höflich, dass sich viele über die Anwesenheit des Tiers freuten, Entscheidungen stets schwerfielen und die Leute so gar nicht verstehen wollten, was die Bauern und Bäuerinnen da riefen. Gelehrte empfahlen Zäune und Hunde zum Schutz der Tiere, was wiederum den Grossteil der Bäuer:innen erzürnte: zu teuer, zu aufwändig!
Und so entflammte inmitten der Idylle ein Streit, an dem sich alsbald alle Bewohner:innen des Landes beteiligten. Nur das Raubtier selbst hielt sich raus, lächelte hin und wieder in die Wildtierkameras und hinterliess seine tödlichen Spuren in den Alpen, wo es weiterhin ungeschützte Tiere frass.
Die Moral von der Geschichte, die nicht so märchenhafte Version und der Ansatz eines Urteils sind Schwerpunkt dieses Heftes. Er offenbart, wie aufgeladen die Diskussion um den Wolf ist und wie heikel das Abwägen aller Argumente – als würde man einen Herdenschutzzaun ablecken. Das zeigt sich besonders auch im Gespräch mit zwei Hirt:innen unter anderem darüber, wie der Wolf ihre Arbeit verändert hat.
Ausserdem läuten wir den Herbst ein mit einer Auswahl neuer Bücher von Ostschweizer Autor:innen, die sich gut vor dem Kamin lesen lassen, während draussen die ersten Blätter von den Bäumen fallen.
Genauso gut liest sich auch das restliche Heft. Beispielsweise die Fortsetzung der Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich» mit einem Text über die aktuellen Ausstellungen im Museum Prestegg und im Liechtensteinischen Landesmuseum von Roman Hertler. Oder das Gespräch, dass David Gadze mit dem Autor, Musiker und Komponisten Roman Riklin geführt hat – über Anerkennung, Humor und seine alte Heimat St.Gallen. Sehr viel kälter als hier war es bei Sylvie Bruggmann, die uns eine Flaschenpost aus Grönland geschickt hat.
Daria Frick
Positionen
«Das war ein absoluter Schock» Redeplatz mit Jonas Knecht
Stimmrecht: Waaghaus wagtvon Liliia Matviiv
24/7 Traumacore: Here's to another year of bitte lass mich in Ruh'von Mia Nägeli
Perspektiven
Ein Raubtier auf der Anklagebank: In der Ostschweiz geht der Wolf um. Während die einen mehr Abschüsse fordern, reden die anderen von einem friedlichen Miteinander. Doch was ist möglich – und was nötig? Und geht es wirklich um die Schuld des Tiers? von Daria Frick
«Der Wolf schafft Arbeitsplätze»: Aline und Peter* sind Hirt:innen auf einer Alp im Kanton St.Gallen. Der Wolf hat den Beruf stark verändert. Wie und weshalb Herdenschutz ein heikles Thema ist, erklären sie im Gespräch. von Daria Frick
Flaschenpost aus Grönland: Bei den schnellen Gletschern von Sylvie Bruggmann
Drei Ausstellungen – zwei in Altstätten, eine in Vaduz – erinnern an die Zeit während des Zweiten Weltkriegs im Rheintal. Der Fokus liegt auf persönlichen Erinnerungen von Zeitzeug:innen. Auch kritische Themen werden nicht ausgespart. von Roman Hertler
Soldaten in Gasmasken 1938 vor dem Museumseingang der Prestegg in Altstätten. (Bild: pd/Gemeindearchiv Diepoldsau)
Kultur
Neue Bücher aus der Ostschweiz, mit Beiträgen von Eva Bachmann, Veronika Fischer, Gallus FreiTomić, David Gadze, Andi Giger, Brigitte Schmid-Gugler und Laura Vogt
Viola Poli zeigt im Bücherherbst Fotografien aus ihrer künstlerischen Forschung zur Entwicklung biologisch abbaubarer Materialien.
«Ich erzähle meine Geschichte bewusst als Glückssträhne»: Der St. Galler Musiker, Komponist und Autor Roman Riklin erhält den diesjährigen Kunstpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. Interview: David Gadze
Sich selbst sein: Auf ihrem Debüt baut Riana Song für Song ihre Selbstzweifel und Unsicherheiten ab. Und erstmals singt die Appenzeller Musikerin ausschliesslich im Innerrhoder Dialekt. von David Gadze
Fabriken schauen (V): Die Gebäude, in denen Wasser gepumpt, abgefüllt und gereinigt wird, fallen oft auf. Viele sind Zeugen früherer, aber auch aktueller Baukultur. von René Hornung
Plattentipps: Analog im Oktober. von Lidija Dragojević, Tobias Imbach und Philipp Buob
Boulevard: Gezeichnet bis ausgezeichnet. von Josip Gossip
Abgesang
Kellers Geschichten: Bettlertrunk
Comic von Julia Kubik: Show and tell
Wie schwierig bei Traditionen der Balanceakt zwischen Wandel und Stillstand ist, zeigen eine Reportage von der Alpfahrt auf die Sämtisalp und eine soziokulturelle Analyse auf das immaterielle Kulturerbe am Beispiel der Appenzeller Landsgemeinde. Ausserdem im September: Frontisten in der Ostschweiz, ein Filmfestival der Klimaseniorinnen, die Neueröffnung des Theaters 111, das neue Buch von Jessica Jurassica und das neue Album von Elio Ricca.
Das Kulturmuseum St.Gallen unter Direktor Peter Fux befindet sich derzeit in einem Spannungsfeld zwischen Neuausrichtung, kolonialem Erbe und Personalfragen. Ausserdem im Sommerheft: Wie der Frauenfussball in der Ostschweiz von der EM profitieren könnte sowie die unverzichtbaren Sommertipps.
Die Schweiz hat ein Problem mit der von Männern ausgeübten Gewalt an Frauen. Auch darum braucht es weiterhin Proteste, wie am 14. Juni. Ausserdem im Juniheft: Die Geschichte zweier St.Galler Nazifreunde und ein Rück- bzw. Ausblick auf die Festspiele – und weshalb sie in die Gallusstadt gehören.
Der grosse Schwerpunkt zur Eröffnung des Klanghauses, in Kooperation mit der Klangwelt Toggenburg. Ausserdem im Wonnemonat Mai: 40 Jahre Kunsthalle, ein St.Galler Geschäftsmann im Dritten Reich, ein neuer Morgen in der Kellerbühne und der Jazzfrühling.
Was kommt nach dem Tod? Was hatten St.Galler Geistliche mit den Nazis zu schaffen? Und was hat es mit Graubündens neuem Schnee auf sich? Alles nachzulesen im neuen Heft. Ausserdem im April: die Neue von Stahlberger, GAFFA in Arbon und Tüchel in Argentinien.
Die Jubiläumsnummer in Kooperation mit der Kantonsbibliothek. Ausserdem im belesenen März: Emil Abderhalden und andere Rassenhygieniker, die erste Design Week St.Gallen und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, dem KAFF in Frauenfeld und dem Toggenburg.
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.