, 11. November 2020
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Schopfe, Töne, Suppen

Kuration war das Thema bei den Förderpreisen 2020 der Internationalen Bodenseekonferenz IBK. Gewonnen haben fast ausschliesslich Projekte nicht in den Metropolen, sondern im ländlichen Raum – bemerkenswert!

Der Künstler Ludwig Berger überträgt die Geräusche aus dem Bienenstock in den Schopf, 2019. (Bild: Glenn Bristol)

Die Internationale Bodenseekonferenz vergibt jährlich Förderpreise in unterschiedlichen Sparten. Das Löbliche daran: Die Vergabe der mit je 10’000 Franken dotierten Preise ist grosszügig, sieben der jeweils rund zwanzig Nominierten bekommen einen Preis. Und das Einzugsgebiet ist riesig, es umfasst neben den Ostschweizer Kantonen inklusive Zürich und dem Fürstentum Liechtenstein auch die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg und das Vorarlberg. Das heisst: Bereits die Nomination ist eine Auszeichnung. Wer hier besteht, ist auch im internationalen Vergleich top.

2020 galt die Ausschreibung der Kuration. Gesucht waren experimentelle Formen und zukunftsträchtige Ansätze des Kuratierens. Und obenaus schwangen dabei auffälligerweise nicht Künstlerinnen oder Institutionen aus den Metropolen – gewonnen haben fast durchwegs Projekte im ländlichen Raum.

«Kuratieren heisst, Sorge zu tragen und Verantwortung zu übernehmen für das Zustandekommen und den Inhalt eines spezifischen Kulturangebots», sagt die Vorarlberger Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink. Ausgezeichnet würden Initiativen, welche in der Programmierung neue Wege gehen – «mit dem Mut zum Experiment, das auch scheitern kann».

Klangvoll im Moor

Viel beachtet (und auch von Saiten hier oder hier mehrfach besprochen): das Projekt «Klang Moor Schopfe» von Patrick Kessler. Der Kontrabassist lud 2017 und 2019 Klangforscherinnen aus der halben Welt ins Hochmoor von Gais ein und liess sie einen der dort stehenden, nicht mehr gebrauchten Schopfe bespielen. Die Jury überzeugte «die Verbindung von spezifischer Audioforschung mit Audiokunst, welche in die Landschaft dringt und situations- und ortsbezogene Installationen zeigt». 2021 ist die nächste Durchführung geplant.

Nomadisch interdisziplinär

In Liechtenstein wird der Verein Schichtwechsel ausgezeichnet, der seit 1989 existiert und seit 2011 von einem vierköpfigen Frauenteam an wechselnden Orten Projekte lanciert – stets interdisziplinär und mit experimentellem Charakter. Veranstaltungstitel wie «Wo das Gras grüner ist» oder «Über Religion und Politik wird nicht geredet – hier wird gearbeitet» zeugen nach dem Urteil der Jury «von einer intelligenten, pointierten und humorvollen Auseinandersetzung».

Literarisch grenzenlos

Gleich zweimal ist Vorarlberg unter den Preisträgern. Zum einen ist es das literatur:vorarlberg netzwerk, das in einem erst noch zu renovierenden Gebäude in Hohenems Literatur vermittelt. Auszug aus dem Jurybericht: «Wenn in ‚to be continued‘ über 100 SchülerInnen aus sechs europäischen Städten an einer fiktiven Fortsetzungsgeschichte schreiben, dann wird literarisches Schaffen als ein Tun erlebbar, das Grenzziehungen aller Art überwinden kann.»

In Tälern und Dörfern

Zum andern bekommt Dietmar Nigsch für das von ihm geleitete Festival Walser Herbst einen Förderpreis. «Der Walser Herbst bringt Leute zusammen – in abgelegenen Tälern und Dörfern. Das ist eine kuratorische Verpflichtung, die jenseits des urbanen Imperativs des ausschliesslich Neuen liegt, einem Engagement für Menschen und deren Geschichten», schreibt die Jury.

Sparten und Menschen verbindend

Ebenfalls abseits der Zentren betreibt die Thurgauer Künstlerin und Vermittlerin Judit Villiger ihr Haus zur Glocke. Es steht in Steckborn und füllt die kleinen Räume mit stets wechselnden Aktivitäten. «Als Aktionsraum, in dem gearbeitet, gekocht, gegessen und sich ausgetauscht wird, bietet das Haus zur Glocke Räume für offene Formen des Kunstschaffens als kollaborativen Prozess. Der Kunstraum wird so zum Ort des Aufeinandertreffens von Menschen, Räumen, Haltungen», heisst es im Jurybericht.

Neue und Alte Musik

Etwas weiter westlich, in Schaffhausen, wirkt die Camerata variabile, die sich die Vermittlung zeitgenössischer Klassik auf die Fahne geschrieben hat. «Die Camerata Variabile entdeckt vergessen gegangene Musikstücke und ermöglicht zugleich durch die präzise Setzung und Verflechtung der Themen, die Neue Musik im Kontext der Tradition, aber auch ihrer Zeitgenossenschaft zu verorten.»

Die Kunst des Zuhörens

Schliesslich, nominiert vom Kanton St.Gallen und in Zürich tätig: Anna Frei. Sie betreibt seit 2014 den OOR Records Laden in Zürich, einen genossenschaftlich-kollektiv organisierten Platten- und Kunstbuchladen. «Zentral ist dabei die Idee des Zuhörens als einer Praxis, als eines politischen Akts, als Spiegel von Machtstrukturen», schreibt die Jury.

Vergeben werden konnten die Preise coronabedingt nicht – die für den 4. November geplante Feier wurde abgesagt. Und der Anspruch der IBK, den grenzüberschreitenden Kulturaustausch rund um den Bodensee zu fördern, ist mit der Pandemie auf eine bis dahin unausdenkliche Art in Frage gestellt – zumindest vorübergehend.

Als Ersatz informiert eine Publikation über alle Preisträgerinnen und Preisträger, hier das pdf: IBK20-Broschuere-RZdigital-1.

Und Kurzporträts der Ausgezeichneten sind zu einem Film zusammengeschnitten worden:

 

 

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