Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der DJ mit den gefrorenen Schallplatten

Klangkunst in der Natur: Noch bis Sonntag zeigen in Gais am «Klang Moor Schopfe»-Festival Künstlerinnen und Künstler ihre Klanginstallationen. Musikalisch steht ein elektronisches Wochenende mit verschiedenen Live-Acts und Turntable-Performances auf dem Programm.
Von  Philipp Bürkler , 
Schopf im Regen. (Bild: Philipp Bürkler)

Der chilenische Performance-Künstler Daniel Reyes León ist kein gewöhnlicher DJ. Als Instrument benutzt er zwar zwei Turntables und einen Mixer, wie so üblich für einen DJ. Hier enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Seine Schallplatten sind nämlich nicht aus schwarzem Vinyl, sondern aus weissem Eis.

«Es ist gefrorenes Wasser, das ich aus einem See in der chilenischen Atacama-Wüste mitgenommen habe», klärt León. Mit seiner Performance macht er auf die Wasserknappheit in der Wüste aufmerksam.

Auf seine Do-It-Yourself-Eisplatten hat León Johann Sebastian Bachs «Wohltemperiertes Klavier» aus dem 18. Jahrhundert gepresst. Für die Herstellung wendete er das gleiche Verfahren an, wie es beispielsweise Kunstgiesser für Bronzeskulpturen tun. «Ich habe eine echte Bach-Schallplatte mit flüssigem Latex übergossen, die mir dann als Negativform für die Plattenrillen der Eisplatten diente.» In die elastische Latexform leerte er schlussendlich das kostbare Wasser aus der Wüste. Nach einiger Zeit im Tiefkühler ist die Platte auch schon «frischgepresst» und spielbereit.

«Wohltemperiertes Klavier» auf Eis: Der chilenische Künstler Daniel Leon legt Eis-Platten aus gefrorenem Atacama-Wasser auf.

Hochmoor und Atmosphäre wirken inspirierend

Während León den rauschenden Bach auf seinen Plattentellern drehen liess, begleitete ihn die mit ihm befreundete Künstlerin Luisa Lemgruber aus Brasilien an einem Sampler. Lemgruber manipulierte parallel den Sound, den die Tropfen eines langsam schmelzenden und im Raum hängenden Eisklotzes aus Atacama-Wasser generierten, die in eine Glasschüssel fielen. Kommenden Sonntag nimmt León seine «Freezing Records» übrigens nochmals aus der Tiefkühltruhe und zeigt eine weitere Performance am «Klang Moor Schopfe» in Gais.

«Klang Moor Schopfe» ist nicht nur eines der innovativsten Audiokunst-Festivals, sondern auch ein Ort, der intensiv auf die Künstlerinnen und Künstler wirkt. Alle schwärmen von der guten Atmosphäre am Festival und der einmaligen Landschaft, die zusätzlich inspirierend wirkt.

Die meisten Kunstschaffenden haben sich für ihre Installationen in einem der zwölf Schöpfe von der Umgebung anregen lassen. Ausserdem schafft die Zeit, die Kunstschaffenden während zehn Tagen in Gais gemeinsam verbringen, sowie der soziale Austausch Raum für weitere Projekte und Kollaborationen.

Elektronische Live-Sets und Performances runden Festival ab

Zu einer spontanen Kollaboration kommt es bereits am Samstag, wenn die Genfer Elektronic-Performerin Julie Semoroz und die brasilianische Klangkünstlerin Luisa Lemgruber gemeinsam ein Konzert geben, obwohl sie beide als Solokünstlerinnen auf dem Programm gelistet sind. Die beiden haben sich erst während des Festivals in Gais kennengelernt.

Musikalisch spannend wird auch der Freitagabend. Festivalleiter Patrick Kessler hat den legendären Genfer «Club 12» nach Gais geladen und den Künstlern eine Carte Blanche gegeben. Auf der Bühne stehen die beiden Electronic-Duos «Left Bank» und «Office de pute» sowie der Solokünstler Dennis Rollet. Sie gestalten gemeinsam die grosse Clubnacht im Schützenhaus.

Die brasilianische Klangkünstlerin Luisa Lemgruber bearbeitet Atacama-Eis mit Feuer und einem Sampler.

Am Samstag gibt es neben verschiedenen Podiumsdiskussionen, beispielsweise mit Ludwig Berger über die akustische Kommunikation von Bienen oder mit Daniel Reyes León, Luisa Lemgruber und Benjamin Muzzin über das Wasserprojekt Atacama X Amazon X Alps, das die Wasserknappheit im Amazonas, in der Atacama-Wüste und den Schweizer Alpen thematisiert, vor allem diverse Live-Acts.

Unter anderem angesagt ist einer der seltenen Auftritte des Westschweizer Künstlers Dimitri de Perrot, der eine Turntable-Performance zeigt. Nachdem «Klang Moor Schopfe» vor einer Woche von der dänischen Saxophonistin Mette Rasmussen musikalisch eröffnet wurde, schliesst sich am Sonntag der Kreis mit dem schwedischen Saxophonisten Mats Gustafsson. Gustafsson, einer der innovativsten Künstler im Bereich zeitgenössischer Musik und Leiter mehrerer Orchester und Jazz-Formationen, wird das diesjährige Festival mit einer Soloshow «ausblasen».

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Sands Murray Wassink 1996

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights