New York, Belgrad, Berlin, Wien, Köln, Genf, Lausanne, Bern, Zürich, St. Gallen und Gais: Aus diesen unterschiedlich dicht besiedelten «Zentren», dem Acht-Millionen-New-York und dem 3000-Seelen-Dorf-Gais, kommen die Künstlerinnen und Künstler, die bis Sonntag ihre Soundinstallationen in den landwirtschaftlichen Schopfen zeigen. Die Schopfe wurden früher von den Bauern genutzt, um nach dem Alpabzug im Herbst die Kühe auf niedrigem Terrain nochmals grasen zu lassen, bevor sie dann über den Winter im Stall untergebracht wurden.
Die kleinen Häuschen, die der Streusiedlungs-Legende nach dem Säntis-Riesen, der über die Täler und Hügel stapfte, aus dem Sack fielen und wie Spielzeug aussehen, bieten die ideale Kulisse für ein Klangfestival.
Bild: Jacques Erlanger
Der Rundgang zu den einzelnen Schopfen, die alle im Umkreis von rund 500 Metern liegen, führt in das Gaiser Hochmoorgebiet. Nach der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren gruben die Gletscher Mulden in die Landschaft, die sich mit Wasser und Staub füllten und sich über die Jahrtausende zur heutigen Vegetation entwickelten. Zwischen den Schopfen kommt man vorbei an Gehölzen, hört rauschende Bäche, von der Ferne bimmelnde Kuhglocken oder das gedämpfte Rauschen der Autos auf der Schnellstrasse über den Stoss.
Wie tönt der Krieg?
Und dann: Maschinengewehre. Der erste Schopf wird vom Künstlerkollektiv Norient bespielt. In einem ehemaligen Schiessstand sind ab Kopfhörer Reportagen und Soundcollagen zum Thema Krieg zu hören. Wie tönt schiessen? Ein Sportschütze, für den das Gewehr ein Sportgerät ist und Schiessen Spass und Konzentration bedeutet, nimmt einen Schuss anders wahr als ein Kriegsopfer oder ein Flüchtling, für die ein Schuss Tod, Grausamkeit, Traumatisierung bedeutet. Die Lokalität des Schiessstandes könnte für diese Thematik und für den Clash zwischen der einst bäuerlich organisierten Welt des Appenzellerlandes und der Innovationskraft der urbanen Kunst nicht besser gewählt sein.
Der Schopf von Olga Kokcharova. (Bild: Kasimir Höhener)
Auf andere Weise wird die Landschaft im Schopf der Lausanner Künstlerin Vanessa Lorenzo Toquero lebendig: Hier können sich die Besucherinnen und Besucher über eine klingende Moosfläche bewegen. Das Moos wird zum «lebenden Instrument». Roman Signer wiederum lässt ein Rohr hornen, der Schopf wird zum Schiff, das Moor zum Meer.
Abendlicher Klaviersturz
Wer den Nachmittag in den zehn Schopfen verbracht hat, kann am Abend im Schützenhaus jeweils einen der Künstler live erleben. Die Tradition richtet ihren Fokus auf die Schopfe und den unbezahlbaren Wert der Appenzeller Landschaft, während die Musikerinnen und Musiker diesen Erholungsraum spielerisch und kreativ nutzen, um mit ihren elektronischen Tools die Beziehung zwischen Mensch und Klang, Technologie und Natur, dem Aussen und Innen zu erforschen und neu zu denken.
Bis 10. September. Infos unter: klangmoorschopfe.ch
Am vergangenen Freitag spielte der Kölner Techno-Pionier Wolfgang Voigt eine Art Soundcollage mit Computer und Keyboard. Noch experimenteller war das Kurzkonzert des Genfer Pianisten Jaques Demierre am Sonntagabend. Die Zuschauer durften sich dort hinlegen, wo die Schützen normalerweise ihre Gewehre konzentriert Richtung Zielscheibe richten, bevor sie mit dem Finger den Abzug betätigen. Ein Traktor kippte ein weisses Klavier in den morastigen Boden direkt vor das Schützenhaus. Demierre tippte, zupfte und klopfte auf den Klimperkasten und erzeugte eine Soundlandschaft, die visuell durch die Wälder und die 300 Meter entfernte Zielscheibe getragen wurde.
Der Schopf von Norbert Möslang. (Bild: Kasimir Höhener)
Morgen Abend performt die Belgrader Elektronik-Künstlerin Svetlana Maras, die ebenfalls einen Schopf bespielt. Am Freitag lassen WeSpoke & Hackuarium zusammen mit Vanessa Lorenzo Toquero Moos und Hefe erklingen. Am Samstag steht das Palace St. Gallen hinter der Bar, während der St. Galler Soundkünstler Norbert Möslang und die Genfer Audiokünstlerin Olga Kokcharova das Schützenhaus mit ihren Sounds zum Vibrieren bringen.
«Nimmt mi scho wonder»
Wer sich in den Klangmoorschopfen umsieht, bemerkt sofort die herzliche und familiäre Atmosphäre. Jeder kennt jeden, sogar der Nachbarsbauer ist da und schaut, was in seinen Schopfen abgeht. «Momol, nimmt mi scho wonder, wa die do machid, s eint oder ander Konzert gang i scho go lose…»
Wer es bis Sonntag nicht nach Gais schafft, verpasst ein Festival, wie es in seiner Eigenart und dank der grandiosen Landschaft einmalig ist. Und nicht vergessen: No Sneakers, walking shoes only.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.