Kategorie
Autor:innen
Jahr

Moorgesang und Techno im Schopf

Wenn Kuhdraht klingt und das Moos singt: Für zehn Tage im September wird das Hochmoor von Gais zum Klangkörper. In zehn alten Holzschopfen trifft sich die musikalische Avantgarde.
Von  Peter Surber

Im Schützenhaus herrscht Schummerlicht. Die Pokale stehen beisammen, ein Pfeil führt zur «Waffen-Reinigung», eine Schallschutztüre zum Schiessraum. Die Moorwiesen rundherum sind noch ungemäht. Wie Findlinge ragen aus ihnen die Hütten heraus, fast gleichmässig verteilt über die Ebene. «Schopfe» heissen sie im Volksmund, und so heisst jetzt auch das Musikprojekt, das aus den bescheidenen Hütten für zehn Tage einen Kultur-Parcours macht: «Klang Moor Schopfe».

Wenn Patrick Kessler eine der knarrenden Türen öffnet, tut sich eine verschwundene Zeit auf. Einst wurde hier das gemähte Heu gelagert, in einigen waren zudem Rinder untergebracht oder stapelten sich Wagen, Hornschlitten und sonstiges Gerät. Lange her, auch wenn hier und dort noch die Spuren der früheren Nutzung sichtbar sind. Einer der Schopfe hat sich im feuchten Untergrund schief gestellt, ein anderer hatte einen kaputten Boden – jetzt, da das Projekt näher rückte, hätten die Besitzer jedoch fast überall noch Hand angelegt und ihren Schopf ausgebessert, sagt Patrick Kessler.

Zehn mal Klangkunst in zehn Hütten

Zehn dieser Hütten im Umkreis des Schützenhauses und der Station Schachen zwischen Gais und Stoss hat Patrick Kessler ausgewählt, hat mit den Besitzern gesprochen und sie überzeugt, ihren Schopf zur Verfügung zu stellen. Die Idee sei schon lange da gewesen, Jahre habe es gedauert bis zu ihrer Realisierung, sagt Kessler. Er wohnt seit bald zwanzig Jahre mit der Familie am Hang gegenüber, man kennt ihn und er kennt die Leute – «sonst wäre das Projekt nicht möglich gewesen».

Klang Moor Schopfe

vom 1. bis 9. September, Hochmoor Gais

Vernissage: Do 31. August ab 17 Uhr mit «Sumpf Sumpf Sumpf – Beats aus dem Moor» von Julian Sartorius.

klangmoorschopfe.ch

Zehn Kunstschaffende, einzeln oder als Kollektiv, konnten anschliessend je einen der Schopfe auswählen und realisieren hier jetzt Dinge, die man so mit einiger Sicherheit noch nie zu hören und zu sehen bekommen hat. In die archaische Holz- und Moorlandschaft zieht die Avantgarde ein. Den Kontrast kann man erahnen in der Hütte, die bei unserem Besuch bereits fertig eingerichtet ist: Der Berner Multikünstler Zimoun hat zwischen Oberboden und Dach insgesamt 360 Meter Kuhdraht eingespannt, eine Art Saiteninstrument, das mit kleinen Motoren und Filzbällen in Schwingung versetzt wird und den ganzen Schopf zum Resonanzkörper macht.

Das Berner Klangforscher-Netzwerk Norient nistet sich in einem weiteren Schopf ein mit Fernrohren und Videos. Die sibirische Musikerin Olga Kokcharova lauscht den Moosen Klänge ab. Albert Oehlen, der in Gais lebende Maler, realisiert zusammen mit dem Kölner Technopionier Wolfgang Voigt eine klingende Projektion; in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ist Roman Signer mit «Ein tiefer Ton» da, etwas weiter entfernt Norbert Möslang mit «aether_grooves» als dritter der einheimischen Klangkünstler.

Die Belgrader Musikerin Svetlana Maraš arbeitet mit Wassermaschine und Hydrophonen, der Österreicher Rubert Huber komponiert einen «Moorgesang», Jason Kahn nimmt Landschaftstöne auf, und die in Lausanne lebende Spanierin Vanessa Toquero kommt mit «Living Instruments» nach Gais: Ein gezüchteter Moosteppich, flüssige Mikroorganismen und Kohlenstoffgas verwandeln sich in der Liveperformance in Musikinstrumente und erschaffen eine klingende Fotosynthese.

Für Klangfreaks und Wanderer

So abenteuerlich wie diese Kombinationen nimmt sich auch das umfangreiche Rahmenprogramm aus. Es behandelt Klang in allen Variationen, aber auch das Moor (mit Moosforscher und Ornithologen) und den Schopf (mit baukulturellen Informationen). Pianist Jacques Demierre konzertiert auf einem den schiefen Schopfen nachempfundenen schrägen Klavier. Andere Konzerte und Diskussionen finden im komfortablen Vereinslokal der Sportschützen Gais statt, das für die zehn Tage zum Festzentrum wird, wo es Tickets und Verpflegung gibt. Patrick Kessler und Jacques Erlanger, der das Projekt mitorganisiert, haben es «Piccolo Arsenale» getauft.

Die Zusammenarbeit mit Vereinen und der Gaiser Bevölkerung ist Kessler genauso ein Anliegen wie, ein möglichst vielfältiges Publikum zu erreichen: Musikfreundinnen, Kunstinteressierte, aber auch die Wanderer, deren Weg zum Stoss oder auf den Hirschberg an den Schopfen vorbeiführt. «Zielpublikum sind die, die diese Landschaft schätzen – und die vielleicht sonst keinen Schritt in eine Kunst- oder Tonhalle setzen würden.»

Gerade dies könnte aber auch Kritiker auf den Plan rufen: noch eine Naturlandschaft mehr, die mit Kultur beglückt wird? Kessler ist die Frage bewusst; seine Antwort ist die Art und Weise, wie er und die eingeladenen Kunstschaffenden ans Werk gehen: mit höchstem Respekt vor den Schopfen und ihrer Umgebung. Die Interventionen sollen sich einfügen, nicht aufdrängen.

Im schallgeschützten Schützenhaus (links auf dem Bild unten), in das wir nach dem Rundgang zurückkehren, steht in grosser Schrift an der Wand: «Gehörschutz tragen». Für die Klang Moor Schopfe wird das Gegenteil gefragt sein: scharf gespitzte Ohren und offene Sinne.

Bilder: pd / Su.

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Edition 1 • 2017 – Klang—Moor—Schopfe,  

… Kulturmagazin Saiten Online 14. August 2017 …

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol – Schafft es der FCSG in die Play­offs?

Nach dem 3:1-Hin­spiel-Er­folg steht die Tü­re zu den Con­fe­rence-Le­ague-Play­offs weit of­fen. Schrei­tet der FCSG hin­durch? Das Rück­spiel ab 20 Uhr live im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf