Mit einem Mikrofon in der Hand lässt sich Stefan Paulus durch die Hügel, Töbel und Dörfer des Appenzellerlands treiben. Herkömmliche Wege sind nicht sein Ding: Im Winter folgt er manchmal Tierspuren im Schnee. Und immer wieder stösst er auf seinen ziellosen Streifzügen auf Klänge, die er aufnimmt. Das kann Regengeprassel, Windrauschen, aber auch das Atmen von Kühen sein. Sogar aus Steinen holt er mit Tonabnehmern Klänge heraus. Paulus ist «Field Recorder» und damit Ethnologe, Naturforscher und Musiker zugleich.
Paulus hat nicht nur im Appenzellerland einen verschlungenen Weg hinter sich: Vor gut einem Jahr verliess der 37-jährige Deutsche St.Pauli und zügelte mit seiner Freundin nach Gais. Vom pulsierenden Hamburger Stadtviertel in die Ausserrhoder Provinz – warum macht einer so etwas? «Ich wollte näher bei der Natur und bei den Bergen sein», sagt Paulus. Mittlerweile hat er sich noch tiefer ins Gebüsch geschlagen und lebt in einem Bauernhaus auf dem Rechberg bei Herisau.
Appenzeller Klänge in New York und Brasilia
Das Resultat seines Schaffens ist meditativ bis psychedelisch: Teils veröffentlicht Paulus seine Aufnahmen unbearbeitet, teils unterlegt er sie mit düster schwebenden Klängen einer elektronischen Orgel, sogenannte Dronen-Sounds. So oder so lädt die Musik (wenn man sie denn so nennen will) zu einer Reise im Kopf ein: Augen zu und wegdriften.
Solche Kopfreisen zu Appenzeller Klängen konnten diesen Sommer Menschen auf der ganzen Welt unternehmen. Für die Field Recording-Radiosendung «Framework:afilded» produzierte Paulus eine Sendung über einen Jahreszyklus in seiner neuen Heimat: vom Schmelzen des Schnees im Frühling bis zum Alpabzug und Viehmarkt im Spätsommer und der klirrenden Stille des Winters. (Podcast zum Anhören/Downloaden hier.) «Ich wollte ein Jahr mit all seinen Jahreszeiten, Festen, Riten und Klängen dokumentieren», sagt Paulus.
Die Sendung wurde unter anderem von Radiostationen in Vancouver, New York, London, Tartu (Estland), Lissabon und Brüssel ausgestrahlt. «Ich finde es noch witzig, dass Zuhörerinnen und Zuhörer in Brasilien oder New York ganz unvermittelt ein Zäuerli zu hören bekommen», sagt Paulus. Auch einen Crashkurs in Landeskunde gabs dazu: «Appenzell is a small mountain county in the eastern part of the Swiss Alps.» – Solche und andere Informationsschnipsel werden immer wieder in die Sendung eingestreut.
Eine Probe aus Paulus‘ Schaffen: Ein Field Recording vom Silvesterchlausen.
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Und zwei Field Recordings, die mit Orgeldrones unterlegt sind:
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Auf der Bühne gab’s eine Bierdose an den Kopf
Den Field Recordern geht es aber um mehr als blosses Dokumentieren und Vermitteln: «Es ist letztlich ein Versuch, über den Klang das Bewusstsein zu erweitern und neue Welten und Gedanken zu entdecken», sagt Paulus. «Wir alle leben ja in stark strukturierten Welten: Das fängt schon im Kindergarten an und zieht sich durchs ganze Leben.»
So versucht er auch beim «Sound Hunting» (also der Jagd nach Klängen) vorgegebene Strukturen im Kopf und im Alltag aufbrechen. Das ziellose Driften durch die Umwelt (das kann durchaus auch eine Stadt sein) soll neue Einsichten ermöglichen.
Paulus gibt sich solchen «Drifts» immer wieder konsequent hin: So fuhr er vor einigen Jahren mit einem Freund nach Murmansk. Von der russischen Stadt nördlich des Polarkreises aus suchten sie sich Orte auf den äusserst rudimentären Karten aus. Die abenteuerlichen Wege dahin durch das russische Hinterland waren letztlich das Ziel. Und während eines Aufenthalts als Gastwissenschaftler an der kalifornischen Unversity of Berkeley fuhr Paulus öfters über die Bucht in die Metropole San Francisco – wo er Drifts durch zerfallende Industrieviertel und Ghettos unternahm.
Der Drift durch Murmansk:
Dieser Ansatz von «Rausgehen und einfach machen» kommt nicht von ungefähr: Paulus kam bei Konzerten in autonomen Jugendzentren früh mit Punk und experimenteller Musik in Kontakt. Das Aufnehmen und Verfremden von Klängen wie Bohrmaschinen und Hammerschlägen hat etwa in der Noise-Musik Tradition.
Selber auf der Bühne mit seinen Sounds sieht man Paulus nur selten. «Beim ersten Auftritt habe ich eine Bierdose an den Kopf gekriegt», erinnert er sich und lacht. Er mache halt eher introvertierte, vielleicht auch anstrengende Musik, sei weiteren Live-Auftritten aber nicht völlig abgeneigt. «Mal schauen, was sich in der Schweiz so ergibt.» Bis dahin also gilt: Kopfhörer auf und (weg-)driften.
Blog von Paulus mit Soundschnipseln und Beiträgen zu Field Recording, Driften etc: http://nowhere-nowhere.org/.
Titelbild: Der Field Recorder Paulus auf Sound-Jagd, für einmal nicht im Appenzellerland, sondenr auf der Nordseeinsel Borkum. (Bild: Nicole Hey/zvg)
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