Der Blick geht vom Sprungturm in die Ferne – Wasser, soweit das Auge reicht, eine Lust zum Reinspringen. Aber das Wasser ist nur Kulisse, rechts und links der Bühne saalhoch aufragend. Der Pool in der Mitte ist leer, eine sandfarbene Trockenheit.
Berit, die Betreiberin des Freibads, wartet darauf, dass sich ihr Becken nach der Reparatur wieder füllt. Anna Blumer mimt am Anfang noch Normalität, sucht sich ein Badekleid im Laden, bietet der rätselhaften Besucherin (Anja Tobler) Schwimmunterricht an. Aus der Kabine von Radio Regenbogen trällert Somewhere over the rainbow.
Aber das Wasser kommt nicht. Die Rohre, die sich über die Bühne hinziehen, bleiben leer.
Kampf um jeden Tropfen
In Maria Ursprungs Auftragsstück für das Theater St.Gallen Die nicht geregnet werden tritt ein, was für Hunderte Millionen von Menschen bereits heute Tatsache ist: Das Wasser bleibt aus. Die Radiosprecherin (Grazia Pergoletti) liefert die News: 43,5 Grad im Juni, Rekord, «und weiter bleibt es sehr sehr heiss». Der Politiker (Tobias Graupner) sagt es mit bürokratisch gestikulierenden Armen: «Die Hitze. Die Böden. Die Menschen. Und kein Regen. Sie verstehen.»
Aber mit dem Verstehen ist es im Stück nicht weit her. Nur noch die grosse Katastrophe könne die Leute zur Vernunft bringen, sagt die Wissenschaftlerin (Birgit Bücker) – sie habe es probiert, sei damit aber allein geblieben. Die Zeichen waren klar, alle sehen sie, «aber es ist, als könnte man sich dagegen entscheiden, als könnte man wegsehen und hoffen, dass sich alles von selber erledigt.»
Kampf ums Wasser, vorne Anja Tobler und Pascale Pfeuti.
Im Stück gibt es dieses Wegsehen nicht mehr. Während das Radio noch mit Supertramps Hit Oh no, it’s raining again auf gute Laune macht, verwandelt der Durst Menschen in Feinde. Nachbarn bedrängen Berit, weil diese angeblich Wasser gebunkert hat. Eine Motorradgang jagt Ines und Era die letzten tropfenden Eisvorräte ab.
Radiomann Julius Schröder berichtet mit trockener Zunge von den Vögeln in Peru, die wegen des Klimawandels in immer höhere Bergregionen ziehen, bis nur noch der Himmel bleibt – doch aus dem regnet es jetzt Asche. Ein Feuer treibt die Menschen in die Keller und Häuser. Dann: Stromausfall.
Schwere Thematik, leicht inszeniert
Marie Bues und Jonas Knecht inszenieren dieses Horrorszenario mit leichter Hand. Die Schauplätze wechseln so rasant wie die Sätze und Satzfetzen, die sich die Spieler:innen zuwerfen oder chorisch sprechen. Bühne und Kostüme (von Indra Nauck) haben Witz, die Musik (Albrecht Ziepert) treibt das Geschehen voran. Und was musikalisch im St.Galler Ensemble steckt, hört man nicht nur in den Radioschlagern, sondern auch im legendenumwobenen, vielstimmigen Miserere von Allegri, das in einer Chor-Prozession fast beiläufig gesungen wird.
In Ursprungs dichter Text-Partitur tragen die Figuren verrätselte Namen, Pascale Pfeuti ist Kiebitz, Anja Tobler ist Goldregenpfeifer, zwei bedrohte Vogelarten. Auch Kamera, Mikrofon, Motorrad, Verwaltung, Gartenzaun und Freibad «reden», und allen voran Wolke, jene Wolke, mit der alles anfängt und aufhört, mit den Tropfen, «die nicht geregnet werden», mit dem Glas, das sich eines Tages nicht mehr füllt.
Hoffen auf die Katastrophe: Birgit Bücker.
Das vordergründige, immer panischer werdende Geschehen unterlagert die Autorin mit privaten Geschichten wie jener der Schwestern Ines und Era. Darüberhinaus stösst sie kluge Fragen an, etwa zur Rolle der Medien, lässt den Politiker über Katastrophen-Eskalation referieren und darüber, was wäre, wenn Wasser seinen neoliberalen Marktpreis hätte.
Das Stück zeigt Menschen im Katastrophenmodus – aktueller könnte Theater kaum sein. Aber eine Lösung, wie man das «Öl des 21. Jahrhunderts» retten und die drohende Wasserknappheit abwenden könnte, bietet die Autorin nicht an.
Politische Antworten hätte am 7. Juni ein Podium im St.Galler Palace geben sollen, begleitend zum Theaterstück, unter dem Titel «Wann geht uns das Wasser aus?». Es ist nun aber kurzfristig abgesagt worden und soll wenn möglich später nachgeholt werden. Sicher ist: Das Thema bleibt brennend.
«Die Zeichen waren da»
Die «Antwort», die das Stück im Schlussteil in Form einer Parabel gibt, ist komplex. In einer dystopischen Zukunft, in einer ausgetrockneten Stadt taucht eine Fremde auf und schart die Menschen mit ihrer Erzählung von der grossen Vereinigung der Tropfen um sich. Das Versprechen eines neuen Einsseins mit der Natur, «dunkel, gefährlich und schön», schlägt alle in ihren Bann – bloss ein zehnjähriges Mädchen erkennt die Lüge, warnt davor, dass die Wolke alles Lebendige stiehlt und den Untergang bringt.
«Hört auf!», schreit das Mädchen. Doch vergeblich, die Tropfen bleiben tatenlos, warten darauf, bis sie irgendwann «geregnet werden». «Wir hätten hören können, hinsehen, handeln – die Zeichen waren da.» Im sowieso schon stickigen Lokremisensaal spürt man diese Zeichen nach zwei Theaterstunden auf der Zunge und im Rachen und überall.
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