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«Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen»

Manolito Steffen über den Hitzesommer, den Klimawandel und warum es nach Ansicht der Jungen Grünen fünf vor zwölf ist.
Von  Peter Surber
Manolito Steffen, fotografiert von Andri Bösch.

Saiten: Hattest Du Freude am Hitzesommer?


Manolito Steffen: Natürlich hat die Hitze gewisse Vorzüge, aber insgesamt empfinde ich Temperaturen über 30 Grad als extrem unangenehm. Und die Auswirkungen auf das Klima sind natürlich alles andere als gut und schön.

Von den Jungen Grünen hat man allerdings nichts gehört in diesem Hitzesommer.

Doch. Die Jungen Grünen Schweiz haben eine Petition lanciert (rise-for-climate.ch) mit der Forderung, dass die Schweiz 50’000 Klimaflüchtlinge aufnehmen soll. Sie würde damit einen ganz kleinen Teil ihrer Verantwortung wahrnehmen und den Menschen in Not helfen, die von Ernteausfällen, Hungersnöten, Überschwemmungen betroffen sind. Menschen, die ihre Lebensgrundlage verloren haben. Sie aufzunehmen, könnte die Schweiz problemlos verkraften.

Was ist sonst zu tun gegen die Klimaerwärmung?


Wir haben einen Haufen Forderungen, zum Beispiel, bis 2050 den CO2-Ausstoss pro Kopf massiv zu senken. In Sachen CO2-Ausstoss gehört die Schweiz zu den schlimmsten Ländern. Wir fordern auch, dass Pensionskassen nicht mehr in fossile Energien investieren.

Gegner sagen: Die Schweiz könne global nichts ändern, die Auswirkung solcher Massnahmen sei minim.

Sicher ist der Einfluss der Schweiz nicht gewaltig, aber der Einwand ist trotzdem Quatsch. Denn auf der einen Seite spüren wir die Klimaveränderung auch in unserem Land, etwa in Form von Erdrutschen, Waldbränden oder der Trockenheit auf den Feldern. Auf der anderen Seite können wir nicht bloss mit dem Finger auf die USA oder China zeigen, sondern haben als reiches und innovatives Land die Möglichkeit, eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Helfen nur noch Verbote – oder müsste man nicht stärker
mit Anreizen arbeiten, zum Beispiel in der Solartechnik oder mit klimaneutralen Bauten?

Beide Faktoren sind wichtig. Das Allerwichtigste ist, dass die Menschen selber zur Einsicht kommen, was ihr Handeln auslöst. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Weg über Anreize allein nicht ausreicht. Wir stagnieren, der CO2-Ausstoss steigt immer mehr, unsere Siedlungsfläche wird immer grösser, obwohl es dafür keinen plausiblen Grund gibt.

Gerade ist die sogenannte Gletscherinitiative lanciert worden. Sie will das Ziel, bis 2050 alle fossilen Energieträger zu verbieten, in die Verfassung schreiben. Unterstützt Du die Initiative?

Absolut. Es ist genau die Forderung, die die Grünen schon seit langem stellen, so in unserem Klimaschutzpapier. Sie steht auch im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015. Bloss fehlen dort die griffigen Instrumente. Die Gletscher- Fläche hat sich seit 160 Jahren halbiert; auch bei einem harten CO2-Verbot werden sie weiter schmelzen.

Skeptiker sagen: Solche Veränderungen hat es schon immer gegeben.

Wer das behauptet, ignoriert, dass sich die Atmosphäre mit einer bisher nie dagewesenen Geschwindigkeit erwärmt. Der Faktor Mensch spielt unbestritten eine Rolle, wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Mit der Erwärmung steigt der Meerespegel, dadurch wird viel Lebensraum verloren gehen. Aber auch die Wasser- und damit die Energieversorgung in den Alpen wird schwieriger werden.

Macht Dir das persönlich Angst?


Ja. Der Gletscherschwund, das sind erschreckende Ansich-ten und noch erschreckendere Aussichten, wie es weiterge- hen wird in den nächsten Jahrzehnten.

Und wie gehst du mit dieser Angst um?

Ich wandle sie in politischen Aktivismus um. Zum Beispiel mit dem Einsatz für die Zersiedelungsinitiative.

Was hat sie mit dem Klimawandel zu tun?


Die Zersiedelung ist umweltpolitisch eines der grössten Probleme. Jeden Tag wird eine Fläche in der Grösse von acht Fussballfeldern in der Schweiz zugebaut, das ist fast 1 Quadratmeter pro Sekunde. Die Folgen: Es gibt weniger bezahlbaren Wohnraum in den Zentren, die Wege zum Arbeiten oder Einkaufen werden immer länger, das verursacht zusätzliche Emissionen. Und die Zersiedlung bedroht die Artenvielfalt und die Landwirtschaft. Die Initiative will zudem Nachhaltigkeit, Begrünung und Gemeinschaftsökonomie in den Quartieren fördern.

Am 23. September stimmen wir über die Fairfood-Initiative ab. Siehst du in ihr auch eine klimapolitische Stossrichtung?

Absolut. Die Initiative will, dass Produkte aus regionaler und nachhaltiger Produktion einen Marktvorteil haben. Heute importiert die Schweiz ungefähr 50 Prozent ihrer Lebensmittel. Wir fordern, dass die Deklaration verbessert wird und dass auch für Auslandprodukte soziale und ökologische Standards gelten müssen. Also keine Produkte aus Massentierhaltung, aus Monokulturen, die den Boden schädigen, oder aus ausbeuterischen Arbeitsbedingungen.

Bei all den Themen geht es eigentlich um die grosse Frage nach dem richtigen Leben…

Genau. Und das Problem ist, dass sich bei dieser Frage niemand gern dreinreden lässt. Aber in Sachen Klima gibt es grossen Handlungsbedarf. Es braucht eine Bildungsoffensive im Bereich der Umwelt. Wir müssen unsere Energieeffizienz steigern, um den Umstieg zu den erneuerbaren Energien schnell genug zu schaffen. International fordern wir zum einen eine CO2-Steuer auf den Flug- und den Schiffsverkehr. Und zum andern, dass die Schweiz die ärmeren Länder finanziell unterstützt, damit sie ihren Teil zum Klimawandel beitragen können.

Forderungen sind aber noch keine Aktionen. Ich hätte mir zum Beispiel vorstellen können, dass ihr ein Transparent über die St.Galler Stadtautobahn spannt als Protest gegen die 500 Millionen Franken, mit denen sie repariert werden soll. Sind solche Aktionen nicht euer Ding?

Doch, wir machen solche Aktionen. Im Kanton Zürich haben die Grünen gerade 2.Klass-Gemüse verteilt, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, was alles an Essbarem weggeschmissen wird. Es braucht den Aktionismus, aber es braucht auch den politischen Weg.

Manolito Steffen, 1999, ist Co-Präsident der Jungen Grünen des Kantons St.Gallen und Kampagnensekretär für die Zersiedelungsinitiative. Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

 

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