Die Ökosysteme sind dort draussen, denken wir. Im Nationalpark, im Wald, vielleicht noch im Garten. Wir stehen der Welt gegenüber, als wären wir kein Teil von ihr, oft etwas einsam. Wenn wir das Fenster zumachen, scheint uns nichts mehr mit dem Wetter, dem Staub, den Tieren zu verbinden. Ein lineares Denken, das die Menschen als Akteurinnen sieht, die von aussen in die Welt eingreifen, hat spätestens seit der Aufklärung Wissenschaft und Wirtschaft geprägt. Und es verursacht immer mehr Probleme.
In Wirklichkeit sind wir selbst Ökosysteme. In einem menschlichen Körper leben mehr Bakterien- als eigene Körperzellen. Es gibt keine Individuen, alles lebt auf- und ineinander. Wir sind nie allein.
Wie jeder Körper ist auch jede Stadt ein Ökosystem – sogar wenn in ihr kein einziger Baum mehr wächst. Wenn sich Siedlungen ausbreiten, wo vorher Wald war, vermischen sich die Räume, und Tiere aus dem Wald können Menschen mit ihren Erregern anstecken, wie es wahrscheinlich beim neuen Coronavirus passiert ist.
In Pandemiezeiten ist vielen brutal bewusst geworden, dass die Trennung zwischen Natur und Kultur, die den Westen so stark prägt, eine Illusion ist. Und dass die daraus entstandene harte Grenze zwischen Naturwissenschaften auf der einen, Sozial- und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite nicht gerade hilft beim Versuch, die Welt zu verstehen.
Die Landschaft schützt die Pflanze
Das lineare Denken hat auch die Agronomie der letzten 200 Jahre geprägt. Man erforschte, welche Nährstoffe die Pflanzen brauchen, und versuchte sie möglichst exakt zu dosieren. Man identifizierte schädliche Insekten, Bakterien und Pilze und suchte Gifte, um sie zu eliminieren. Doch weil Ökosysteme nicht linear funktionieren, sondern als Ursache-Wirkungs-Geflechte mit undurchschaubaren Rückkopplungen, führt das immer wieder zu Kollateralschäden.
Immer deutlicher wird, dass Böden nicht nur Stickstoff, Phosphor und Kali brauchen, sondern unbedingt auch ein vielfältiges Bodenleben. Pestizide bedrohen die Trinkwasserqualität, und viele Insekten und Unkräuter werden resistent gegen die Gifte, mit denen sie bekämpft werden.
Das hat viele Landwirtinnen nachdenklich gemacht – und manche dazu bewogen, biologisch zu wirtschaften. Auch im Biolandbau sind Pestizide zugelassen, allerdings müssen sie natürlichen Ursprungs sein. Doch die Umstellung auf Biopflanzenschutz sollte nicht einfach eine Umstellung auf etwas weniger problematische Mittel sein. Im Idealfall ist sie ein Übergang vom linearen zum Ökosystemdenken.
Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick hat schon vor über 15 Jahren eine Pflanzenschutzstrategie entwickelt, die sich als Pyramide darstellen lässt. Basis der Pyramide sind Naturschutz und Nachhaltigkeit: Komplexe, artenreiche Landschaften bilden die Grundlage des Pflanzenschutzes, denn in ihnen leben viel mehr natürliche Gegenspieler jener Insekten, die für die Landwirtschaft zum Problem werden können. Diese Gegenspieler, etwa Schlupfwespen, gehen oft makaber vor: Sie legen ihre Eier in lebende Insekten, ihre Nachkommen fressen diese von innen auf.
Auf der nächsten Stufe stehen Kulturmassnahmen, Standort- und Sortenwahl. Da geht es einerseits darum, robuste Sorten zu wählen, die zum Beispiel nicht anfällig auf Pilzkrankheiten sind. Es geht aber noch um mehr: Wo steht der Apfelbaum? Wie schnell trocknen seine Blätter nach dem Regen? Stehen um ihn herum noch tausend andere der gleichen Sorte oder ist der Obstgarten vielfältiger? Zu den Kulturmassnahmen gehören raffinierte Tricks: Wer im Innern der Baumkrone alle Knospen entfernt, macht den Blattläusen das Leben schwer – sie müssen sich auf die Äste hinauswagen und werden dort eher gefressen.
Raffinierte Mischungen
Dann kommt die direkte Förderung von Nützlingen, etwa mit raffinierten Blumenmischungen, die man in die Kohlfelder sät und die mit ihrem Nektar die Feinde der Kohlschädlinge anlocken. Wenn das nicht reicht, können hilfreiche Insekten, Bakterien und Viren auch direkt freigesetzt werden – oder Sexuallockstoffe, die Insekten verwirren. Erst ganz am Schluss, wenn all das nicht reicht, sollen biologische Pestizide angewendet werden.
Natürlich funktioniert Pflanzenschutz auch auf vielen Biobetrieben nicht so. Der ökologische Anspruch clasht mit dem ökonomischen Druck, der auf den Höfen lastet: Vielfältige Produktionssysteme sind anspruchsvoller zu bewirtschaften, erschweren den Einsatz von Maschinen, verschiedene Apfelsorten in einer Reihe können die Erntehelferinnen verwirren. Es ist auch viel einfacher, ein Mittel zu kaufen, als zu versuchen, ein Ökosystem zu verstehen. Aber vielleicht schafft der Einsatz des Mittels neue Probleme, zerreisst die Netze von hilfreichen Spinnen, fördert eine Pilzkrankheit.
Ökosysteme sind anstrengend, bedrohlich, eine Zumutung. Aber sie können helfen, einen klügeren Umgang mit der Welt zu finden.
Der Wolf ist zurück – auch im Kanton St.Gallen. Was ist davon zu halten? Wir stellen zwei Positionen zur Debatte: Wolfskennerin Bettina Dyttrichs Appell an einen klugen Umgang mit Grossraubtieren. Und Rolf Bossarts Gedanken zu verquerer Tierethik.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus