P.M. – unter diesem Pseudonym war in den 80er-Jahren die Utopie bolo’bolo erschienen, bis heute ein Kultbuch des Stadt-Denkens. Ende 2017 brachte der Autor, nun unter seinem bürgerlichen Namen Hans Widmer, ein dickes Buch heraus, das die Stadt der Zukunft bis ins Detail entwirft.
Die Qualitäten dieser Stadt schildert Widmer so: «Wir wollen also schöne, dichte, spannende Städte, die Gemütlichkeit mit Grossstadtglamour, Langsamkeit mit Tempo, pompöse Gestaltung mit Schmuddelecken, Höhe mit Tiefe, Produktivität mit Musse, Gerechtigkeit mit Unterschiedlichkeit, Zuverlässigkeit mit Freiheit, lokale Verhocktheit mit globalem Austausch verbinden und sich in einem antifragilen Gleichgewicht halten. Wir wollen Städte, die uns leicht entlassen, aber auch gerne wieder aufnehmen. Wir wollen keine klebrigen Städte.»
Organisiert in Nachbarschaften
Der Lebensmittelpunkt werde sich in solchen Städten aus den personalisierten Wohnräumen hinaus in Nachbarschaften und Quartiere verlagern. Individuelle «Wohnschlösser» würden hinfällig. «Bewohnbare Städte gleichen Städten wie Marrakesch, Fez, Venedig oder dem alten Kyoto. Kaum verlässt du das Haus, bist du schon mitten in einer Vielzahl von Aktivitäten. Diese Aktivitäten müssen nicht kommerziell sein: Nachbarschaften sind selbst polyvalente Unternehmungen.»
Hans Widmer: Die Andere Stadt, mit Beiträgen von Hans Widmer, Bettina Dyttrich, Marcel Hänggi u.a. Paranoia City Verlag Zürich, 2017, Fr. 50.–
Die Nachbarschaft ist die Keimzelle der Widmer’schen Stadt. Sie umfasst im Schnitt 500 Bewohnerinnen, ist sozial durchlässig, bietet eine breite Palette von Wohnformen, ist demokratisch strukturiert, man übernimmt gegenseitig soziale und kulturelle Aufgaben, und ein Mikrozentrum dient im Verbund mit regionalen Landwirtschaftsbetrieben der Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs. Eine grössere Zahl von Nachbarschaften bilden das Quartier, das 10’000 bis 50’000 Personen zählt und alle zivilgesellschaftlichen Dienstleistungen erbringt. «Der Ort, wo das Quartier denkt, ist das ABC. Was ABC heisst, weiss niemand genau. Einige glauben, es stehe für Anti-Boredom-Center, andere halten es für ein Autonomes Bürger Centrum. Das ABC ist nicht materiell orientiert, sondern intellektuell, kulturell und politisch. Es ist jeden Tag 24 Stunden offen. Seine permanente Präsenz ist ein Teil seiner Wirksamkeit. Dadurch entsteht jene städtische Geborgenheit, die von führenden Urbanisten gefordert wird. Das ABC ist die moderne Agorà.»
Commons: Gemeingüter gehören allen
Grundlage der anderen Stadt ist eine andere Ökonomie. Und diese wiederum basiert auf Commons. Commons sind Güter, die niemandem allein gehören. Es sind gemeinschaftlich genutzte Ressourcen, die sowohl materiellen als auch immateriellen Charakter haben können. Dazu gehören Gemeingüter wie Luft, Natur oder Strassen, öffentliche Dienstleistungen wie Spitäler, Verkehrsmittel, Energie, Wasser, Bildung, Kultur, Gerichte oder Polizei sowie gemeinnützige Institutionen wie Wohngenossenschaften, Stiftungen, Hilfsorganisationen oder Vereine.
Illustriert wurde das Buch von Maria Rehli, gestaltet von Camille Decrey.
Statt Waren werden Commons produziert. Und alle Menschen werden in die Gestaltung von wirtschaftlichen Vorgängen einbezogen. «Das braucht mehr Zeit, mehr Kommunikationskompetenz, neue Institutionen», schreibt Widmer. Commons existieren nicht einfach, sie müssen immer wieder neu hergestellt werden, sie basieren auf Vereinbarungen. Bei Commons geht es um Teilen statt Tauschen. «Und da Menschen unterschiedlich sind, heisst Teilen immer auch Umverteilen.»
Ändern werden sich auch die Arbeitsbedingungen selbst. Wenn Profitdruck und die Konkurrenz zwischen einzelnen Unternehmungen wegfielen, dann könnten nichthierarchische Teams viel produktiver arbeiten. Diese Arbeitsform, auch Peer-to-Peer genannt, werde heute schon als die effektivste anerkannt.
Widmer bilanziert: «Die Commons-Stadt ist die Rückkehr zur Essenz des Stadtlebens: Kooperation zum allgemeinen Wohl. Städte sind der ideale Rahmen, um diese Kooperation direkt, unmittelbar und transparent-demokratisch zu gestalten.» Städte nur als Wohn- oder Konsumstädte seien dagegen nicht commons-tauglich.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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