Saiten funktioniert als Kollektiv – seit 25 Jahren. Das heisst: keine (oder zumindest: flache) Hierarchien, Einheitslohn und eine Diskussions- und Entscheidungskultur, die möglichst solidarisch und rundum respektvoll ist beziehungsweise sein soll. Die schöne Theorie besteht den Praxistest nicht immer gleichermassen kratzerfrei – aber immerhin erfolgreich seit 25 Jahren. Und auf diesem Kurs schippert der Saitenkahn auch weiter.
Diese Jubiläumsausgabe beschäftigt sich aus gegebenem Anlass mit Kollektiven. Wie können selbstorganisierte Gruppen, Teams, Gemeinschaften möglichst hierarchiefrei, kooperativ und gewaltfrei funktionieren? Wie fallen Entscheidungen, wie löst man Konflikte, wo liegen die informellen Stolpersteine? Was uns interessierte, waren zukunftstaugliche Arbeits- und Lebensmodelle ohne das übliche Oben-Unten. Denn wie sagte ein kluger Mensch kürzlich so träf: «Demokratie muss nicht nur als politisches System, sondern auch als Lebensform installiert werden.»
Drei solcher Projekte sind im Heft porträtiert: die St.Galler Buchhandlung Comedia, Genossenschaft der ersten Stunde, das IT-Unternehmen Liip, das sich holokratisch organisiert, und die Lebensgemeinschaft Nextgen in Trogen, die den Kollektiv-Gedanken umfassend bis in den Kleiderschrank zu verwirklichen sucht. Dazu gibt Soziokratie-Expertin Katja Breitenmoser Auskunft, wir stellen Hans Widmers Andere Stadt vor und wollten wissen, wie Basisdemokratie heute gelebt wird – am Beispiel des Kollektivs, das derzeit den St.Galler Frauenstreik vorbereitet.
Ganz ohne Nabelschau geht es natürlich auch nicht, zu finden auf den Seiten 37 bis 39. Aber nicht vergangenheitsbesoffen, sondern zukunftsgerichtet. Wir haben einiges angedacht und ausgeheckt fürs Jubeljahr und darüber hinaus, unter anderem eine Medienwerkstatt, ein Saitenkalender-Upgrade, eine Ostschweizer Kultur-IG – und ein neues Saitengewand, was unschwer zu erkennen ist. Gefeiert wird selbstverständlich auch, nämlich am 6. April im Kulturkonsulat und im ehemaligen Kino Rex, dem EXREX, das danach bis Ende Juni für Zwischennutzungen zu haben ist. Mehr zum Fest hier.
Ausserdem im Heft: Die Sonderausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen», Begegnungen mit der Schriftstellerin Helen Meier, die im April ihren 90. Geburtstag feiert, das Sterbehilfe-Stück am Theater St.Gallen, die filmische Reise ins Herz eines zaudernden Aktivisten und Post aus Dahab.
Roman Hertler, Corinne Riedener und Peter Surber
Reaktionen/PositionenRedeplatz mit Eva BachmannStimmrechtNebenbei gayWarum?InnensichtenParteilos und Schnoris I–III
Soziokratie 3.0: Katja Breitenmoser über Hierarchien, die Lust am Konflikt und eine holländische Spitex-Organisation.Von Corinne Riedener
Das Software-Unternehmen Liip arbeitet nach der Holokratie-Verfassung.Von Roman Hertler
Wie die St.Galler Frauen niederschwellig und basisdemokratisch den Streik planen.Von Jenny Heeb und Andrea Scheck
Die St.Galler Genossenschaftsbuchhandlung Comedia ist 36 Jahre alt und wird heute noch im Kollektiv geführt – mit weit weniger Diskussionen als früher allerdings.Von Sina Bühler
Die neue Arbeits- und Wohnutopie von Hans Widmer alias P.M.Von Peter Surber
Die Nextgen Community versucht eine kollektive und gewaltfreie Form des Zusammenlebens. Ein Besuch im Bauernhaus in Trogen.Von Peter Surber
Saiten-Jubiläumsstrauss: Der Kalender, die Medienwerkstatt, das Redesign, der Comic, der Recherchefonds, die IG-Kultur Ost.Von Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler und Michael Felix Grieder
Flaschenpost aus Dahab.Von Kathrin Reimann
Die Sonderausstellung «Kinder im KZ Bergen-Belsen» kommt nach St.Gallen.Von Roman Hertler
Elio Riccas zweites Album Lovely Underground. Von David Nägeli
Bassistin Martina Berther über die Lust am Experiment, Frauen in der Musikszene und den Vaterschaftsurlaub.Von Corinne Riedener
Der weisse Vogel, der Hut und die Prinzessin: Begegnungen mit Helen Meier.Von Charles Linsmayer und Peter Surber
Ivo Ledergerber bringt zu seinem 80. Geburtstag lyrische Alltagsgrübeleien im Waldgut-Verlag heraus.Von Richard Butz
Christian Labharts Passion: Eine Reise durch die letzten 50 Jahre – und ins Innere eines zaudernden Aktivisten.Von Corinne Riedener
Sterben helfen am Theater St.Gallen: ein Probenbericht.Von Peter Surber
Salvatore Vitale in der Fotostiftung Winterthur.Von Kristin Schmidt
Die Stadtprojektionen gehen in die dritte Runde, diesmal in den St.Galler Quartieren Lachen und St.Otmar.Von Andri Bösch
Am Schalter im April: Kino – Eine Zeitreise.
Boulevard
Abgesang
KreuzweiseworteKellers GeschichtenPfahlbauerComic
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.