«Ich fühle mich ohnmächtig», sagt Juso-Nationalratskandidatin Andrea Scheck am Freitagnachmittag auf dem Gallusplatz zum Auftakt der mittlerweile xten Klimademo in St.Gallen. «Ohnmächtig, wenn ich im Stadtparlament sitze, wo die bürgerlichen alten Herren ‹wohlwollend› meinen Einsatz fürs Klima loben. Herablassend witzeln sie, ob ich auch in die Ferien fliege – und stimmen nachher ohne einen Moment des Zweifels gegen die Ausrufung des Klimanotstands.»
Scheck kritisiert das «Schneckentempo», in dem die Politik arbeite und die Kapitalismusgläubigkeit der Mächtigen. «Seit fast 30 Jahren fordern Leute Klimaziele, Konzepte und politische Massnahmen, und seit fast 30 Jahren ignorieren Menschen an der Macht das Problem – weil es unsere aktuelle Lebensweise, unsere Überproduktion und das kapitalistische Märchen vom ewigen Wachstum in Frage stellen würde.»
Um nicht nochmal 30 Jahre ignoriert zu werden, müsse man von anderen sozialen Bewegungen lernen. Von Feministinnen, Bürgerrechtlerinnen, Freiheitskämpferinnen, von Leuten wie Rosa Parks, Marsha P. Johnson und Emmeline Pankhurst. «Sie haben sich an Parlamente gekettet, Hungerstreiks durchgeführt, Autos blockiert, Märsche organisiert, Widerstandsbewegungen aufgebaut, das Gesetz gebrochen.» Weil gesellschaftliche Veränderungen nicht durch Bitten gewonnen, sondern erkämpft werden.
Klimastreiken schön und gut, sagt Scheck, aber man müsse noch viel weiter gehen: «Wenn die Parlamente nicht handeln, handeln wir ausserhalb der Parlamente. Wenn die Produktionsweise die Umwelt zerstört, blockieren wir die Produktion. Wenn das Gesetz ungerecht ist, brechen wir das Gesetz.»
«Diese Bank ist blockiert»
Schecks Aufruf tönt wie die Vorankündigung zu dem, was später an der Klimademo passiert: Kurz vor dem Ende mischen sich etwa ein Dutzend Vermummte unter die Demonstrierenden. Beim Multertor, vor der UBS-Filiale, stoppt der Umzug, aber nicht für ein paar Anti-Banken-Parolen wie die Male zuvor, sondern um diesmal ein noch deutlicheres Zeichen zu setzen: «Diese Bank ist blockiert», steht auf einem grossen Transparent, das die Aktivistinnen und Aktivisten zwischen die repräsentativen Marmorsäulen am UBS-Gebäude hängen.
Augenblicke später sitzen Dutzende Menschen vor dem Eingang der Bank, vermummt und unvermummt, jung und etwas weniger jung. Weitere Transparente werden hochgehalten, auch eine Solidaritätsbekundung mit dem bedrohten autonomen kurdischen Gebiet Rojava. Einige verwirrte Bankkundinnen suchen sich einen Weg durch die Blockade, drinnen wird eifrig telefoniert, draussen bleiben immer mehr Menschen stehen. Die Stimmung ist gut und friedlich. Vor dem Globus spielen Kinder und Hunde.
Mit dieser Blockade wolle man das Umtreiben der Grossbanken Credit Suisse und UBS kritisieren, verkündet eine Aktivistin per Megafon. Diese beiden Banken seien innerhalb eines Jahres für 20 Mal mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als der ganze Rest der Schweiz. Sie investierten in menschenverachtende Projekte. «Deshalb müssen wir offenen Widerstand leisten und klarmachen, dass solch ein Wirtschaften weder länger erwünscht noch tragbar ist. Wir nehmen uns heute diesen Platz und blockieren diese Bank. Nicht, um etwas zu zerstören, sondern um gemeinsam etwas zu erschaffen.» Die Menge applaudiert.
Die Blockade sei unabhängig und nicht vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz geplant worden, sondern «von einer friedlichen Gruppe von Klimagerechtigkeitsaktivist*innen», so die Ansage. Die Polizei steht anfangs etwas ratlos vor der Bank, diskutiert da und dort, bleibt aber ruhig und hält sich zurück. Auch die UBS-Angestellten geben sich betont locker, fast grossväterlich. Hauptsache, die Kundinnen kommen durch den Seiteneingang doch noch zu ihren Geschäften.
Klimachor am Multertor
Hans Fässler gibt den Bänkelsänger, viele singen die bekannten Melodien mit: What shall we do with the carbon banker? What shall we do with de SUV drivers? With the climate change deniers? Bella Ciao in der Klimaversion darf natürlich auch nicht fehlen und eine CO2-Version von Brechts Und weil der Mensch ein Mensch ist. Zum Schluss folgt ein Klassiker, der genauso gut auch ein paar hundert Meter weiter, in der Halle 45, hätte gesungen werden können: Lueget vo Bärgä und Tal – «Oh, wie sind d’Gletscher so tot».
Gegen 15 Uhr gehen die ersten zur Schlusskundgebung Richtung Paul-Grüninger-Platz, wo es auch für alle Essen gibt, vegetarisch, versteht sich – die Blockade am Multertor bleibt. Aufgelöst wird sie schliesslich um 16:20 Uhr, friedlich und ohne grosse Diskussion, nachdem die Polizei mit Räumung gedroht hat.
Mehr zum Thema im Klima-Dossier von Saiten.
Auf dem Grüninger-Platz bedankt sich Léonie Schubiger bei den Anwesenden. 250 bis 300 sind es gemäss Schätzungen der Polizei. «Mega cool, dass so viele hier sind! Da sieht man mal wieder, dass wir keine faulen, schulschwänzenden Kinder sind, sondern auch in unseren Ferien auf die Strasse gehen, statt uns an der Olma einen Hot Dog zu gönnen und Autoscooter zu fahren.»
Die Klimastreikbewegung werde sich weiter gegen schlafende Politikerinnen und Politiker und ihre leeren Versprechungen wehren, erklärt Schubiger. «Wenn es nötig ist, auch mit zivilem Ungehorsam. Das heisst nicht, dass wir unnötig kriminell werden, sondern dass wir uns bewusst dazu entscheiden, die Grenze zu überschreiten.»
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