Man schätze zwar das Engagement der jungen Menschen. «Aber eine Debatte mit Zwischenrufen und Gebrüll zu übertönen und sie damit zu verunmöglichen, wird schärfstens verurteilt.» So steht es in der am 19. Februar eingereichten Interpellation. Unterzeichnerinnen: die Fraktionen von FDP, CVP-GLP und SVP. Der Bericht zum Vorfall hier.
Forderung nach Strafanzeige
Noch mehr als am «Gebrüll» stossen sich die Interpellanten an der Tatsache, dass die Jugendlichen verbotenerweise ein Transparent mit dabei hatten. Hat die Kontrolle versagt? fragt die Interpellation das Ratspräsidium. Beziehungsweise: Auf welchen «verschlungenen Pfaden» ist das Pièce de résistance in den Saal gekommen? Und wie soll das Einschleusen solcher Objekte «oder auch anderer verbotener Gegenstände und Propagandamaterial» künftig verhindert werden?
Schliesslich die Frage: «Ist das Präsidium bereit, im Fall vom 18. Februar 2019 Strafanzeige einzureichen?»
Letzteres würde nicht zu Ratspräsidentin Imelda Stadler passen, die an diesem Montag besonnen und de-eskalierend reagiert hat. Es wäre auch komplett unverhältnismässig. Und es wäre demokratiefeindlich – Demokratie basiert zwar, wie die Interpellation mahnt, darauf, «konstruktiv mitzuarbeiten». Aber dazu gehört, dass widerstrebende und auch mal un-konstruktive Stimmen ebenfalls zu Wort kommen. Umso mehr, als man U18 im Parlament noch gar nicht mitarbeiten kann. Und das St.Galler Kantonsparlament manchmal durchaus destruktive Entscheide fällt, siehe zum Beispiel die Kulturplafonierung.
Der Klimastreik ist gut, weil er Dinge in Gang bringt. Widerstand inklusive – die Interpellation ist drum auch verständlich und in Ordnung. Jugendbewegungen haben es seit jeher an sich, dass sie die Grenzen des Erlaubten strapazieren und dem erwachsenen Establishment Angst einjagen.
Lob der Unsicherheit
Angst wovor? Erhellendes dazu kann man bei Nathalie Knapp und ihrem Buch Der unendliche Augenblick finden, erschienen 2015. Untertitel: «Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind.» In der menschlichen Entwicklung, sagt Knapp, sei die Pubertät eine solche Zeit der Unsicherheit. Sie führt dazu, dass Jugendliche «naturgemäss» anders ticken als Erwachsene. Nämlich sowohl kreativer als auch gelassener.
«Die neurobiologische Verwandlung verleiht Jugendlichen eine spezifische Fähigkeit, die für kreative Prozesse jeglicher Art von grosser Bedeutung ist: Sie sind in der Lage, unsichere Situationen oder ungeklärte Fragen über einen längeren Zeitraum auszuhalten. Sie besitzen ein hohes Mass an Unsicherheitstoleranz, also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten und ungelöste Probleme zu ertragen.»
Zu ertragen – oder sich kreativ dagegen zu wehren, müsste man ergänzen… Knapp zitiert die Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswick und deren Einsicht (bereits 1949), «dass die Fähigkeit der Unsicherheits- oder auch Ambiguitätstoleranz eine der entscheidenden Ressourcen im Umgang mit problematischen Situationen, Konflikten und Veränderungen ist».
Jugendliche seien, so Knapp, «emotional, experimentierfreudig und wahrnehmungsstark – für eine kurze kostbare Zeit». Sie könnten zugleich selbstbewusst und voller Zweifel sein, naiv-nachdenklich oder konstruktiv-unzufrieden. Solche scheinbaren Widersprüche und «paradoxalen» Charakterzüge seien typisch für diese Lebensphase.
Im Gegensatz dazu herrsche später häufig ein Zwang zu Eindeutigkeit. «Wir Erwachsenen wollen Selbstsicherheit ohne Zweifel, Kreativität ohne Unsicherheit, Glück ohne Leiden. Um Fehler zu vermeiden, halten wir uns daher an erprobte Wege, statt neue zu erkunden. Unsere Lebensroutine suggeriert uns dauerhafte Stabilität, und wir vergessen, dass gerade unsichere, unklare und widersprüchliche Situationen unser schöpferisches Potenzial aktivieren. Nur wenn wir nicht wissen, wie es geht, suchen wir nach neuen Wegen.»
Das Neue entsteht aus dem Chaos
Neuro-logisch also, dass die Jungen «schöpferisch» und assoziativ agieren und nicht an gesellschaftlichen Normen und Denkgewohnheiten kleben, die sie selber nicht geschaffen haben. Logisch aber auch, dass das den Erwachsenen nicht passt oder sie beunruhigt. Was ein «Geschenk» der Jugend sei, müsse man sich als Erwachsener später wieder «hart erarbeiten», schreibt Knapp.
Den Mitgliedern des Kantonsrats drum ins Ohr gesagt: Bevor Sie sich an die harte Arbeit machen, wieder schöpferischer denken zu lernen – freuen Sie sich am kreativen Protestieren und am politischen Engagement Ihrer Kinder oder Enkel! Denn, nochmal Nathalie Knapp: «Ohne das mentale Chaos der Jugendzeit, die damit verbundene emotionale Kraft, die Fähigkeit zur Gelassenheit und die altersbedingte Balance der beiden Denkstile, wäre unsere Kultur ganz sicher um einiges ärmer.»
Ohne Chaos kann nichts entstehen. Ohne Ordnung kann nichts bestehen. Der Satz, sinngemäss, stammt von Albert Einstein (der seine wichtigsten Erkenntnisse zur Relativitätstheorie mit 26 Jahren publiziert hat).
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