Seit Dezember fanden in über 270 Städten von Australien über die USA bis Japan Klimastreiks von Schülerinnen und Schülern statt, so auch in St.Gallen, organisiert vom Kollektiv Klimastreik Ostschweiz. Ihrem Aufruf zum ersten Streik am 21. Dezember folgten vor allem die Kanti- und Mittelschüler der Stadt St.Gallen, am zweiten Streik letzten Freitag haben sich auch Schülerinnen und Schüler der Kantonsschulen Wil und Wattwil und anderen Schulen beteiligt.
Die Schulstreiks folgen dem Beispiel der 15-jährigen schwedischen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, die an der Klimakonferenz der Vereinten Nationen im polnischen Katowice Anfang Dezember scharfe Worte zur Klimakatastrophe fand und auch die erste war, die jeweils am Freitagmorgen demonstrierte.
Etwa 500 Schülerinnen und Schüler sind letzten Freitag für das Klima durch St.Gallen gezogen. «Das war ein starkes Zeichen an die Bevölkerung und die Regierung des Kantons St.Gallen», schreibt das Kollektiv Klimastreik Ostschweiz auf Instagram. «Wir fordern die Regierung im Kanton St.Gallen dazu auf, zu diesem Ereignis Stellung zu nehmen und auf unsere Forderungen einzugehen. Wir verlangen ebenfalls, dass der Kanton St.Gallen den Klimanotstand ausruft. Das heisst konkret, dass der Kanton und die Städte die Klimakrise als globale Krise anerkennen und sich dazu verpflichten, die Bürger*innen im Kanton über die Krise zu informieren.»
Wer streikt, hat eine unentschuldigte Absenz
Stellung genommen hat die Regierung heute, genauer das Bildungsdepartement des Kantons St.Gallen. Aber nicht etwa mit dem Angebot eines Runden Tisches zum Thema Klima oder mit zusätzlichen Schullektionen bezüglich Eindämmung der Klimakatastrophe, sondern mit einer schulmeisterlichen Absenzenregelung im Fall von weiteren Klimastreiks. Man habe zwar «Verständnis für das Anliegen der Demonstranten», schreibt das Bildungsdepartement, «eine wiederholte Teilnahme am Streik wird aber nicht toleriert. Die Ausbildung und der ungestörte Schulbetrieb sollen Priorität haben.»
Bisher sei es so gewesen, dass die Schulleitungen eine einmalige Absenz für die Teilnahme am Streik tolerierten, heisst es in der Medienmitteilung. Diese habe jedoch belegt werden müssen. Wer auch am zweiten Streik letzten Freitag teilnehmen wollte, musste ein Gesuch samt Unterschrift der Eltern einreichen – und eine persönliche, schriftliche Stellungnahme.
Das Bildungsdepartement und die kantonale Rektorenkonferenz der Mittelschulen hätten Verständnis für die Sorge junger Menschen um ihre Zukunft, heisst es weiter. Man finde das politische und gesellschaftliche Engagement von Schülerinnen und Schülern wichtig und richtig, darum werde sich die Leiterin des Amts für Mittelschulen das Anliegen der Initiantinnen und Initianten «erläutern lassen».
Trotzdem: Eine wiederholte Streikteilnahme gehe zu Lasten der Ausbildung und des geordneten Schulbetriebs, das könnte man nicht tolerieren. «Grundsätzlich gilt für Schülerinnen und Schüler die Präsenzpflicht», so das Bildungsdepartement. «Die Teilnahme an einem weiteren Klimastreik hat darum künftig eine unentschuldigte Absenz zur Folge, falls das Fehlen im Unterricht nicht durch ein bereits bewilligtes Gesuch belegt werden kann.»
Die Jungen lassen sich nicht einschüchtern
«Diese Medienmitteilung ist ein Witz», sagt Manolito Steffen, Co-Präsident der Jungen Grünen des Kantons St.Gallen. «Nicht einmal die Schule will sich für unsere Zukunft einsetzen, wie es scheint. Es ist unsäglich, dass man nun per Absenzenregelung versucht, uns den Raum zu nehmen. Das können wir wiederum nicht tolerieren. Nun ist die Devise: Jetzt erst recht! Der nächste Klimastreik am 18. Januar wird fix stattfinden.»
Das ist auch Anna Miottos Devise. «Ich lasse mich sicher nicht einschüchtern von einer unentschuldigten Absenz. Wir werden uns weiter engagieren und lassen uns nicht von unserem Ziel abbringen.» Die 17-jährige Schülerin aus Wil ist Teil des Kollektivs Klimastreik Ostschweiz und war «nicht wirklich überrascht, aber sehr enttäuscht» von der heutigen Medienmitteilung. «Wir haben mehrmals das Gespräch gesucht mit den Schulleitungen», sagt sie. «Die ersten beiden Male haben wir auch streiken dürfen, ich verstehe diese Kehrtwende nicht.» Miotto vermutet, dass sich das Bildungsdepartement die neue Absenzenregelung in anderen Städten, beispielsweise in Basel, abgeschaut hat, wo man die Klimastreiks ebenfalls unterbinden will.
Dritter Klimastreik Ostschweiz: 18. Januar, 14 Uhr, Paul Grüninger-Platz, St.Gallen
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Auch Dominic Tobler versteht die Haltung des St.Galler Bildungsdepartements nicht. «Ich bin enttäuscht», sagt der 17-jährige Kantischüler aus Trogen, wo die Absenzenregelung bis jetzt noch nicht durchgesetzt wurde. Er ist ebenfalls Teil des Kollektivs Klimastreik Ostschweiz. «Ausserdem ist die Begründung falsch: Man sagt, der Streik würde den Bildungsauftrag gefährden, dabei unterstützt er die Meinungsbildung und -findung sogar.» Ihn selber hält die neue Absenzenregelung nicht vom Streiken ab, aber er befürchtet, dass andere, die das Anliegen eigentlich teilen, sich dadurch einschüchtern lassen könnten.
Dem hin und wieder geäusserten Vorwurf, dass die streikenden Schülerinnen und Schüler zwar fürs Klima auf die Strasse gehen, aber trotzdem um die Welt jetten, kann er nichts abgewinnen. «Man darf nicht alle über einen Kamm scheren», betont Dominic Tobler. «Niemand ist perfekt und vieles läuft falsch: Die einen haben ein Smartphone mit sogenannten seltenen Erden, andere tragen Kleider aus unfairer, nicht-nachhaltiger Produktion. Aber muss man nackt in einer Höhle leben, um die Gesellschaft zu kritisieren? Muss man vegan sein, um Massentierhaltung anzuprangern? Ich finde nicht. Das Ziel unseres Streiks ist nicht, perfekt zu sein, sondern dass der Klimanotstand ausgerufen wird und man die Klimakrise endlich als globale Krise anerkennt.»
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