Kategorie
Autor:innen
Jahr

Streikbike und Strafanzeigen

Seit einem halben Jahr streiken Schülerinnen und Schüler in der Ostschweiz, um den Klimawandel zu bekämpfen. Gestern fand der Klimastreik erstmals auf Velos statt. Ein Bericht über laute, junge Leute und Ärger mit der Stadtpolizei. von Andri Bösch
Von  Gastbeitrag , 
Bilder: Andri Bösch

Sonnenschein am Güterbahnhof, im Hintergrund der gelbe Lattichcontainer und davor Fahrräder en masse: Das Kollektiv Klimastreik Ostschweiz hat zur Velodemo gerufen, gekommen sind knapp hundert Menschen mit ihren Drahteseln.

Zwischen Velos, E-Bikes, Kickboards und einem Tandem wird die neuste Patentlösung für Demos präsentiert: A4-Blätter, bedruckt mit den altbekannten Forderungen des Klimastreiks, die Mensch sich dann auf den Rücken oder ans Fahrrad kleben kann. «Pfui!» hört man schon die Klimastreikkritiker rufen; den Schülerinnen und Schülern scheint das egal zu sein. Längst ist hier ein Bewusstsein dafür entstanden, dass der Klimawandel allein durch individuelle Konsumentscheide nicht aufgehalten werden kann.

«Es ist zwölf, es ist nicht mehr fünfvorzwölf, es ist zwölf», dringt zu hartem Bass aus den Boxen. Einer von vielen Tracks aus der «Fridays for Future»-Spotify-Playlist.

Solihupen & Veloklingeln

Die 20-jährige Ornella schreitet zum Mikrofon und gibt einen Poetry Slam zum Besten. «Mir laufed durch d’Stadt, es isch Klimastreik, es isch kein Spass, (…) es isch en Fakt wo me sött ghöre – s’Lebe uf dere Welt wird irgendwenn ufhöre. Jetzt isch Ziit, mir müend handle.»

Und gehandelt wird hier heute. Das Megafon ready, die Transpis ausgepackt und das Cargo-Bike vollgeladen mit Boxen und Vuvuzela, fährt der Tross los vom Güterbahnhof hinein in die Stadt.

Den Zungenbrecher «system change not climate change» brüllen die Streikenden regelrecht bei der Fahrt durch die Marktgasse, fast alle Leute bleiben verdutzt stehen, schauen den Velos nach, viele zücken das Smartphone.

Die Autos an den zu passierenden Kreuzungen haben auch jetzt wieder stehenzubleiben – im Gegensatz zum riesigen Frauen*streik vom letzten Freitag jedoch wesentlich kürzer. Dafür gibt es auch heute wieder ein erfreuliches Solidaritätshupen.

«Unkooperativ & unfähig»

Nach gut zwanzig Minuten ist die Fahrt vorbei, die Menge hält beim Vadian in der Marktgasse, wohlbehütet von der st.güllischen Stadtpolizei, welche sich – mal abgesehen vom einem Polizist mit Motorrad – ebenfalls vorbildlich mit Velos hinter der Demo herbewegte.

Weniger gesittet hingegen scheint es zwischen Klimastreikenden und der Polizei im Hintergrund zu- und herzugehen. Einzelpersonen des Klimastreikkollektivs seien gemäss eigener Aussage immer wieder Zielscheibe von Repressalien.

Mensch erinnere sich an den letzten Streik vom 24. Mai 2019: Der Demonstrationszug lief über den Kornhausplatz und besetzte anschliessend für eine knappe Viertelstunde die Kreuzung zwischen St.Leonhard-  und Kornhausstrasse. Dort wurde Musik gehört und zusammen gesungen. Ein utopischer Moment. Und ein schöner Ausblick darauf, wie vielfältig der durch Strassen beschlagnahmte Platz genutzt werden könnte, würden nicht so viele Autos die Stadt verstopfen.

Dominic Truxius, Mitglied des Kollektivs und an jenem Tag Inhaber der Demonstrationsbewilligung, bezahlte diese Aktion hingegen mit einer Anzeige durch die Stadtpolizei. Nicht die erste, wie er nach der Velodemo erzählt. Mittlerweile seien ihm vier Anzeigen aufgebrummt worden. Drei wegen Übernutzung des öffentlichen Raumes, eine wegen Zuwiderhandlung polizeilicher Anweisungen, wobei zwei Anzeigen «kulanterweise» zu einer zusammengefügt wurden.

Man merke sich aus Selbstschutz folgendes: Hänge niemals ein Transparent an eine Brücke; stehe niemals in einer Gruppe am Kornhausplatz und halte dabei ein Transparent in den Händen; verteile niemals zu viert (sic!) Flyer am gleichen Ort in St.Gallen; sei niemals Bewilligungsinhaber einer Demonstration, die auf einer Strassenkreuzung verweilt.

Des Weiteren darf Truxius nach eigener Angabe nun keine Demonstrationen mehr organisieren. «Die Stadtpolizei betitelte mein Verhalten nach der letzten Demo als ‹unkooperativ und unfähig›», sagt Truxius. Man fragt sich zurecht, wer genau hier eigentlich unfähig ist, wenn sich die Stadtpolizei auf solch hohle Paragrafen wie «Übernutzung des öffentlichen Raumes» bezieht. Derartig gesuchte «Vergehen» sind nichts weiter als klassische Beispiele staatlicher Delegitimierungs- und Illegalisierungsstrategien von politischem Aktivismus.

Für Truxius ist indessen klar: «Es ist nicht relevant, ob etwas als legal oder illegal gilt, es geht darum, Mittel zu finden, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.» Und auch Anna Miotto, ebenfalls Mitglied des Kollektivs und an der gestrigen Demo in der Funktion der Medienkontaktperson, verurteilt das Verhalten der Polizei: «Wir finden das total daneben, insbesondere dass sich die Repressionsversuche gegen Einzelpersonen richten. Wir sind ein Kollektiv und agieren nur als solches.»

Ein Halbjahresjubiläum?

«Dreimaldrei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune, ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt…» – «…bis sie zerfällt!», rufen Paula und Belinda ins Mikrofon unter dem Vadian. 2080 werden die beiden 79 Jahre alt sein, der Regenwald abgeholzt, die Arktis winzig klein und die Nutelladose leer.

«Wir warten auf den Richtungswechsel, warum ist davon nichts zu sehen?», fragen sie. «Kohlekraftwerke stünden still, wenn die Politik das so will, auf Kerosin gäbe es eine Steuer, Fliegen wäre teuer, Biogemüse würde zum Standard, was ihr alles in der Hand habt! Ich dachte immer, ich wär’ allein, die da so gross und wir so klein. Doch heute sehe ich, dass das nicht stimmt, denn wir sind viele und wir sind laut. Ja, wir sind gross und die Welt ist so klein. Und was wir mit ihr machen, bestimmt niemand allein. Wir fordern eine Welt, die uns in fünfzig Jahren noch gefällt!»

Genau auf den Tag ein halbes Jahr ist es her – damals am 21. Dezember 2018 – als die Schülerinnen und Schüler an der Kantonsschule am Burggraben das erste Mal den Klimastreik ausriefen.

Die Bewegung in der Ostschweiz hat sich seither etabliert, ist lauter, stärker, sichtbarer geworden, übt Druck aus auf Politik und Gesellschaft. Und trägt ihren Protest voller Selbstvertrauen auf die Strasse. Das ist gut so, denn für den Kampf gegen die Ausbeutung und letztliche Zerstörung der Erde bleibt – wir wissen es alle – nicht mehr viel Zeit.

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1