Manuel Stahlbergers Klimawandel müsste es eigentlich gleich ergehen wie dem End-90er-Hit We’re Going to Ibiza! von den Vengaboys: ab damit in die Charts. Am heutigen internationalen Klimastreik in St.Gallen war der Klimawandel gleich dreimal zu hören, am Schluss in einer Version von Liedermacher Simon Hotz. Die anderen Streikregionen in der Schweiz dürften auch ihre Freude an diesem Lied haben, am pointierten Inhalt. Abgesehen vom Rheintal. Wird dort eigentlich auch gestreikt?
Fast 120 Länder haben am internationalen Streiktag teilgenommen. Hunderttausende junge Menschen in aller Welt sind auf die Strasse gegangen und haben für griffige Massnahmen im Kampf gegen die Klimakatastrophe gestreikt. In St.Gallen waren es rund 700. Das grosse Thema hier: die erneute Weigerung von Stadtrat und Stadtparlament, den Klimanotstand auszurufen – was die Stadt Wil letzte Woche getan hat.
Die Enttäuschung über die Stadt St.Gallen sei gross, sagt das Kollektiv Klimastreik Ostschweiz. Der Entscheid zeige, dass die Anliegen der Streikenden von der Politik nicht ernstgenommen werden. Seit fünf Monaten werde nun gestreikt in der Schweiz, sagt Anna Miotto vom Streikkollektiv. «Wir Klimastreikenden stecken so viel Mühe und Arbeit hinein, nehmen Sanktionen aufgrund der Streiks auf uns, wir geben wirklich alles dafür, dass in St.Gallen und in der Schweiz griffige Massnahmen entwickelt werden. Und was ist die Antwort darauf? Nichts.»
«Was ist los mit der Schweiz, was ist los mit der Welt?», fragt Miotto. «Nach jahrelanger gekonnter Ignoranz scheint die Politik immer noch nicht einsichtig. Wer denkt, er kenne die Fakten besser als tausende Wissenschaftlerinnen, wer Greta Thunberg als erfolgreichstes Marketingprodukt der letzten Jahre und uns Klimastreikende als Instrument linker Parteien bezeichnet, muss doch einfach dumm sein. Ignorant, naiv und nicht nur auf einem, sondern auf beiden Augen blind.»
Die Kreuzung St.Leonhardstrasse/Kornahausstrasse wurde von den Demonstrierenden etwa 10 Minuten lang blockiert. Unter anderem sangen sie eine «Klimaversion» des Klassikers Bella Ciao.
Auch Stadtparlamentarierin und Nationalratskandidatin Franziska Ryser von den Jungen Grünen kritisierte die Stadt St.Gallen. Die zweistündige Parlamentsdebatte am Dienstag zur «grössten Krise unserer Generation» habe «genau nichts» ergeben. «Man forderte Taten statt Worte. Aber am Schluss waren Worte das einzige, was im Parlament verloren wurde.» Stadtrat und Stadtparlament hätten es nicht geschafft, ein Zeichen zu setzen für die Zukunft. Die Politik habe nicht verstanden, worum es den Streikenden gehe: «System change, not climate change.»
Ryser fordert grundlegende Veränderungen. «Wir wollen nicht weitermachen wie die Generationen vor uns. Wir wollen kein Ressourcen-intensives Leben führen und es hier und dort mit etwas grüner Garnitur kaschieren. Es reicht nicht, einmal in der Woche auf Fleisch zu verzichten und stattdessen einen südamerikanischen Soja-Salat mit Erdnuss-Avocado-Dressing zu geniessen. Es reicht nicht, das grosse Eigenheim mit Garten und Doppelgarage auf dem Land mit einigen Solarpanels zu bestücken, um die Klimakatastrophe abzuwenden.» Dafür brauche es neue Wohnformen, neue Essgewohnheiten, neue Lebensmodelle.
Von den Klimastreikenden werde immer wieder gefordert, dass sie konkrete Lösungen liefern, so auch am vergangenen Dienstag, als rund 20 Klimaaktivistinnen und -aktivisten auf der Tribüne im Stadtparlament sassen. Doch jetzt sei Schluss mit diesem Abschieben der Verantwortung, sagt Ryser. «Wir wissen, was zu tun ist: Wir brauchen einen CO2-neutralen Finanzplatz ohne Investitionen in fossile Energieträger. Wir müssen dem Klimaschaden endlich einen Preis geben, Kerosin besteuern und Flugticket- und CO2-Abgaben erheben. Und wir dürfen nicht noch zusätzliche Autobahnen bauen, während gleichzeitig die Preise für die GA steigen.»
Auch der UBS und der CS haben die Streikenden ein kleines Ständchen gebracht.
Auch Manolito Steffen, Co-Präsident der Jungen Grünen, kritisiert den Finanzplatz Schweiz: «Die Schweiz nimmt als grösster Finanzplatz der Welt ihre Verantwortung nicht wahr – weder bei Kriegsgeschäften, noch bei Investitionen in fossile Energien. Allein Credit Suisse und UBS verursachen durch ihre Investitionen mehr Treibhausgase als die ganze Schweiz in einem Jahr ausstösst.» Dafür sei auch die rechtsbürgerliche Politik verantwortlich, die nicht einmal im Traum daran denke, diese Geschäfte zu unterbinden.
Von der Stadt St.Gallen sei er ebenfalls sehr enttäuscht, sagt Steffen. Insbesondere vom Stadtrat, der sich aufgrund der neuen Mehrheitsverhältnisse erstmals hätte für einen Klima Notstand aussprechen können. Aber auch vom Parlament, das «wegen einem SPler die Chance auf eine wichtige Stossrichtung verpasst hat». Und von der Stadtparlamentspräsidentin Barbara Frei, die sich im Stichentscheid gegen das Klima gestellt hat. «Denkt bei den nächsten Wahlen an die handlungswilligen Parteien und Politiker», ermahnt er die Streikenden zum Schluss.
Der nächste Streik findet am 7. Juni statt.
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