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No e Säckli? – Nein danke!

Das Parlament in Bern hat beschlossen, etwas zu tun gegen Plastik, den «Müll für die Ewigkeit». Andere tun bereits - Gespräche mit Angela Bühlmann vom ersten verpackungsfreien Laden der Ostschweiz und mit Gaby Belz, Initiantin der Aktion «Plastikfasten». Ein Beitrag aus dem Märzheft.
Von  Peter Surber

Unser Gartenstuhl, gute Qualität, Metallgestell mit bunter Plastikbespannung, hat den harten Winter nicht überstanden. Die vermeintlich «untöteligen» Plastikschnüre sind spröd geworden, manchenorts gerissen. Also ab in den Abfall? Das wäre bis vor kurzem keine Frage gewesen. Jetzt ist es eine. Denn Plastik ist ein Teufelszeug. Zum einen die Herstellung: Plastik ist quasi in Form gebrachtes Erdöl und braucht damit genau jene fossilen Ressourcen, die man schonen sollte. Zu schade zum Wegschmeissen, eigentlich. Und zum anderen die Entsorgung: Was nicht verbrannt wird, gelangt in die Natur zurück. Über 12 Millionen Tonnen Plastik landen laut WWF jährlich in den Weltmeeren und belasten Tier- und Pflanzenwelt.

«Plastik ist biologisch kaum abbaubar. Das rächt sich.» Mit einer Petition an die eidgenössischen Räte will die Organisation fair-fish gegen die Problematik angehen, dass die Plastikflut immer grösser wird und Tiere, Pflanzen und auch Menschen zunehmend mit Mikroplastik belastet sind. Die Petition ist am 7. Februar mit 2886 Unterschriften überreicht worden.

fair-fish.ch

Plastik ist «Müll für die Ewigkeit». So steht es in einem reich bebilderten Buch mit dem Titel Strandgut über Plastikfunde an norddeutschen Stränden. Kunststoff zersetzt sich nicht, sondern zerfällt in immer kleinere Teile. Bis ein Plastiksack sich in fürs Auge nicht mehr sichtbare Stücke aufgelöst hat, dauert es geschätzt bis zu 40 Jahre, bei einer Plastikflasche rund 450 Jahre. Und als Mikroplastik existieren die Wegwerfobjekte weiter, die Partikel mischen sich im Meer mit Wasser, Sand oder Algen und finden den Weg via Plankton in den Körper von Fischen oder Seevögeln. In der Nordsee, so steht es in einem Bericht des deutschen Bundesumweltamts, haben 96 Prozent der untersuchten Eissturmvögel Plastikteile im Magen – durchschnittlich 25 Stück. Auch im Boden ist Mikroplastik nachgewiesen. «Je kleiner die Teilchen, desto vielfältiger die Wege, auf denen sie in die Nahrungskette eintreten können», schreibt die Autorin des Buchs, Jennifer Timrott. «Alle Schadstoffe, die wir der Umwelt zumuten, schaden über kurz oder lang auch uns», hält die Schutzorganisation fair-fish fest.

Der Bundesrat ist am heutigen 5. März mit zwei Postulaten vom Nationalrat dazu verpflichtet worden, eine Strategie für einen ökologischen, effizienten und rentablen Umgang mit Kunststoffen bis 2030 auszuarbeiten. Zudem soll erforscht werden, auf welchen Wegen Mikroplastik in die Umwelt gerät.

Immerhin: Jetzt gibt es den KUH-Bag. KU steht für Kunststoff, H für Haushalt, die rosa Kuh grinst auf dem Sack seit dem 1. Januar 2019 in rund 30 Gemeinden der Abfallregion Ostschweiz (A-Region) – in der Stadt St.Gallen allerdings noch nicht. In den Sack gehören Flaschen und Verpackungen aller Art, auch Eimer oder Kanister, Taschen oder Folien, sofern sie nicht verschmutzt oder mit anderen Materialien verbunden sind. Dieser «reine» Plastik wird sortiert und rezikliert – «kuhl, easy, ökologisch» heisst der Slogan. Die Gartenstuhl-Plastikschnüre können also da rein, das beruhigt das Wegwerfgewissen zumindest ein bisschen.

Getreide, Öl, Spaghetti – alles «ohne»

In Angela Bühlmanns Laden in Trogen kann man den neuen Sack kaufen. Und man kann viel lernen über den Alltag ohne oder mit wenig Plastik. «Bio Ohne» heisst der Laden, den sie seit anderthalb Jahren in der umgebauten früheren Drogerie des Dorfs betreibt. «Ohne» heisst: Hier werden alle Produkte ohne Verpackung verkauft. Wer einkauft, bringt das Gefäss, die Flasche, den Stoffsack etc. mit. Zuerst wird das Leergut gewogen, dann füllt man sein Getreide, den frisch gemahlenen Kaffee oder die Dinkelspaghetti ein und lässt nochmal wiegen. Vollreis, Biohafer, Grünkern, Dinkelbulgur, Maisgriess, Popcorn, Kirchererbsen usw. lassen sich aus den hölzernen, an der Wand befestigten Behältern abfüllen, in grossen Tonnen steht Brotgetreide zum Mahlen bereit, eine Vielzahl von Nüssen und Trockenfrüchten lockt neben Gewürzen und Flüssigem.

Angela Bühlmann (Bild: pd).

Angela Bühlmann erklärt, wiegt, hilft beim Mahlen und ist die Ruhe selbst, auch an diesem Samstagvormittag, als Grossbetrieb herrscht im kleinen Laden. Wer so einkauft, braucht nicht nur die passenden Gefässe, sondern auch Zeit. Was wiederum relativ sei, sagt eine Kundin, die aus Wittenbach regelmässig nach Trogen kommt – denn sie kaufe dafür gezielt und für die ganze Woche ein.

Je weniger Verpackung, je mehr unbehandelte Naturprodukte, desto wichtiger ist die Hygiene. Für ihren «Bio Ohne»-Laden ist die Betreiberin regelmässig in Kontakt mit der Lebensmittelkontrolle, und bis jetzt gab es – «Holz aalange» – noch keinen Schadenfälle. Das Getreide allerdings will einmal in der Woche bewegt werden, um allfällige Schädlinge fernzuhalten. Andrerseits zeichne gerade dies ein Naturprodukt aus, dass die Natur noch vorhanden sei. «Behandelte Produkte haben auch ihre Problematik – nur sieht man ihnen das Gift nicht an.»

Angela Bühlmanns Laden in Trogen:

bio-ohne.ch

Die Idee, nicht nur biologisch, sondern auch ohne den ganzen Verpackungswust einkaufen zu können, habe sie lange mit sich herumgetragen, sagt Angela Bühlmann. Im Hauptberuf ist sie Betreuerin in einer heilpädagogischen Institution und Mutter zweier Kinder im Primarschulalter, die sich auch mal Gummibärchen am Kiosk kaufen und mit Lego spielen – denn von ideologischen Zwängereien hält sie nicht viel, von Idealismus allerdings schon.

Und dann ging es schnell: Innerhalb weniger Monate war «Bio-ohne» eingerichtet und eröffnet. Eine Pioniertat: Der Laden in Trogen ist der erste und bisher einzige seiner Art in der Ostschweiz. Entsprechend aufwendig und mit viel Überzeugungsarbeit verbunden sei es gewesen, das Netzwerk von Produzenten und Lieferanten aufzubauen. Zum Teil mussten sie erst davon überzeugt werden, grössere Mengen unverpackt zu verkaufen, oder es standen Hygienevorschriften im Weg (etwa bei ölhaltigen Gewürzen). Ihr Sortiment habe sich nach und nach erweitert und soll dies auch weiterhin tun. «Was noch fehlt, sind zum Beispiel Hygieneprodukte», sagt Angela Bühlmann. WC-Papier aus Bambus könnte ein nächstes Produkt im Laden sein.

Was aber grundsätzlich noch in vielen Köpfen fehlt: das Bewusstsein für die Langzeitfolgen unserer Wegwerfgesellschaft. «Der Rezyklierprozess ist noch in den Anfängen», sagt Bühlmann. Und ja: Sie mache sich Sorgen um unsere Zukunft. Der Verpackungswahn, die «dreckige» Erdölwirtschaft, die Verschwendung der Ressourcen sei das eine. Dazu kämen Giftstoffe und Pestizide, die zum Beispiel die Zahl der Insekten dezimierten. «Umweltgerechte Lebensart bedeutet für mich, achtsam mit unseren Ressourcen umzugehen, lernen auf Sachen zu verzichten, und Produkte zu boykottieren, die unter schleierhaften Herstellungsverfahren produziert werden – sei es Kleidung oder Lebensmittel», sagt Angela Bühlmann. Nachhaltiges Produzieren und Wiederverwerten müsste entsprechend stärker subventioniert werden, findet sie. «Bio müsste günstiger sein als ‹normale› Lebensmittel.»

Eine Woche fürs Plastik-Bewusstsein

«In kleinen Schritten vorwärts gehen für eine bessere Welt»: Das ist Angela Bühlmanns Devise. Sie könnte auch für Gaby Belz gelten. Die St.Galler Organisationsberaterin und Vordenkerin der Gemeinwohl-Ökonomie hat für Ende März/Anfang April ein einwöchiges «Plastikfasten» ausgerufen. Zum Start gibt es am 29. März eine Podiumsdiskussion in der Lokremise, die nach Auswegen aus dem alltäglichen Verpackungs-Irrsinn fragt.

Podiumsdiskussion Plastikfasten: 29. März, 18 Uhr, Lokremise St.Gallen
plastikfasten.ch, ostschweiz.gwoe.net

Anna Blattert, Gründerin von «post-fossil» und Designerin mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit, «Bio Ohne»-Betreiberin Angela Bühlmann und Dominic Truxius vom Klimastreik-Kollektiv Ostschweiz und Gaby Belz diskutieren unter Leitung von Saiten-Redaktorin Corinne Riedener Fragen wie: Bio, aber eingepackt in Plastik: Muss das wirklich sein? Wie weit ist die Entwicklung von ökologisch besser verträglichen Produkten? Was tut der Detailhandel, was können Konsumentinnen und Konsumenten tun?

Ja: was? Die eigene Einkaufstasche dabei haben, auf die notorische Frage «Wönd Sie no e Säckli?» mit Nein antworten, Gemüse auf dem Markt offen kaufen. Es gebe gerade beim Einkaufen ganz konkrete Möglichkeiten, etwas gegen die Wegwerfmentalität zu tun, sagt Gaby Belz. Gezielter, geplanter und weniger einkaufen: Damit wäre schon manches gewonnen. Gehe man ins Detail, werde die Situation aber komplex. Eine Drogeriekette benutzt zum Beispiel kompostierbare Tüten, deren Grundmaterial aus Mais hergestellt ist. Zwar ist das natürlich – aber sie brauchen mehr Material, die Maisproduktion beansprucht Boden und Wasser, die Transportwege sind lang. Oder, anderes Beispiel: Für leicht verderbliche Lebensmittel sind Verpackungen ein Segen. Eine faule Gurke, hat sich Gaby Belz sagen lassen müssen, richte mehr ökologischen Schaden an als eine verpackte Gurke…

Kurzum: Vorzüge können leicht in Nachteile umkippen in der verwickelten Welt, in der wir leben. Und so wichtig individuelles Handeln sei: Noch mehr Einfluss hätten die Grossverteiler – die sich wiederum mit dem Thema schwertun, aber immerhin mit Plastiksäcken zurückhaltender geworden sind. Oder internationale Handelsverträge, die Monokulturen fördern und funktionierende Märkte gefährden. «Ein komplexes Thema», sagt Gaby Belz; wer beim Joghurt im Plastikbecher anfängt, landet rasch einmal bei den grossen Ressourcen- und Verteilungsfragen, die sich auf dem «Plastic Planet» namens Erde stellen – ein Begriff, der mit dem gleichnamigen Film von Werner Boote 2009 vor zehn Jahren schon einmal in aller Munde war.

«Letzlich heisst es: weniger konsumieren»

Gaby Belz macht sich keine Illusionen – aber sie lässt sich auch nicht beirren durch all die Bedenken. Unlösbare Fragen, weiss sie aus ihrer Berufspraxis, sind die interessantesten Fragen. «Eine Woche ganz ohne Plastik ist fast nicht möglich», steht in der Ankündigung der St.Galler Plastikfasten-Aktion. «Es beginnt bei der Zahnpaste in der Tube und endet bei den gänzlich unsichtbaren Mikroplastikteilchen in Lebensmitteln oder vom Autopneu-Abrieb auf den Strassen. Möglich ist aber die Erhöhung der Aufmerksamkeit auf die Allgegenwart dieses Kunststoffs in unserem Alltag; ein neues Nachdenken über den Zusammenhang zwischen unseren Gewohnheiten, unserem Lebenstempo und den für unsere Mitwelt dringend notwendigen Verhaltensänderungen.»

«Letztlich kann es nur um einen Stopp des Wachstums gehen. Und das heisst, weniger zu konsumieren», sagt Gaby Belz. Womit wir wieder beim Gartenstuhl wären. Der wird jetzt nicht weggeschmissen, sondern neu bespannt. Mit einem abbaubaren Material möglichst. Das ist allerdings schwierig, denn Plastik ist nicht zufällig so verbreitet und scheinbar unersetzlich. Seinen Siegeszug in den letzten rund 100 Jahren verdankt er genau jenen Eigenschaften – Stabilität, Formbarkeit, Unzerstörbarkeit –, die ihn jetzt mehr und mehr zum globalen Problemfall machen.

Der hier leicht aktualisierte Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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