Rietli an 12:12, Halt auf Verlangen – Rietli ab 12:26. Dazwischen liegen, Ein- und Ausstieg abgezogen, zwölf kurze oder lange, jedenfalls entscheidende Minuten. Minuten, in denen die unscheinbare Bahnstation kurz vor dem Stoss, an der Strecke Altstätten-Gais im Juni zwölf Mal ihr blaues Wunder erleben wird. Der Initiant Patrick Kessler, Kontrabassist und unermüdlicher musikalischer Anreger, wohnt nicht weit vom Tatort, von seinem Atelier fällt der Blick auf den kleinen Bahnhof.
Sein Projekt skizziert er so: «Ein Fahrgast steigt aus. Der wartende Kontrabassist, Patrick Kessler, lädt zum Duell vor Ort. Begegnung auf Augenhöhe, mittags um zwölf. Als aussteigende Fahrgäste werden Musikerinnen und Musiker aus dem Umfeld des Chuchchepati Orchestra eingeladen. Um 12:26 kommt der Zug aus der Gegenrichtung zurück. Der Sound verklingt. Einsteigen – abfahren.»
Hochkarätige Duo-Konstellationen
Duo-Konstellationen unterschiedlichster Art und mit diversen Instrumenten (Drums, Posaune, Kontrabass, Stimme und andere) sind zu erwarten. Eingeladen hat Kessler in der Reihenfolge ihres Duells: Martina Berther, Saadet Türköz, Simon Grab, Barry Guy, Mario Hänni, Jaronas Höhener, Camille Emaille, Hans Koch, Norbert Möslang, Julian Sartorius, Mats Gustafsson und Dieb 13 (der Wiener Musiker Dieter Kovačič). Das Ganze nennt sich «Low Noon», angelehnt an das legendäre Bahnhofduell im Western High Noon von Fred Zinnemann aus dem Jahr 1952.
Infos und Termine: chuchchepati.ch
Die filmische Parallele sieht Kessler im gemeinsamen Schauplatz, einer verlassenen Bahnstation im Irgendwo, und im spannungsgeladenen Warten. Das Ergebnis allerdings soll friedlich sein: zwölf zwölfminütige Improvisationen, aus dem Moment und aus der Notwendigkeit der zeitlichen Verdichtung entstanden.
Mit der heimischen Landschaft und ihrem Klang-Potential hat Kessler Erfahrung: Bereits zweimal organisierte er im Hochmoor beim Rietli das Festival «Klang Moor Schopfe», in dem leerstehende Heuschober mit Klanginstallationen neu belebt wurden.
Doch noch mit Publikum
Kessler lässt die zwölf Konzerte aufnehmen, der Fotograf Martin Benz dokumentiert sie zusätzlich mit seiner Lochkamera. Das Ergebnis soll ein Vinyl-Album sein. Zudem werden die Konzerte auf der Website des Chuchchepati Orchestra laufend dokumentiert.
Damit war das Projekt coronatauglich aufgegleist und hätte auch unter dem Regime des Versammlungsverbots stattfinden können. Nach dem Bundesratsentscheid vom 27. Mai ist aber klar, und Kessler bestätigt es: Das Publikum kann live dabei sein.
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