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Notizen eines seltsam riechenden Sommers

Jessica Jurassicas Lifestyle ist geprägt von vollen Aschenbechern und leeren Proseccodosen. Über ihren Konsum, ihre Fuckboys und die prekären Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb schreibt sie auf Twitter, Facebook und Instagram. Heute erscheint ihr Debütroman Das Ideal des Kaputten.
Von  Veronika Fischer , 
Jessica Jurassica. (Bild: Nikolaj Leu)

Wer Jessica Jurassica in den Sozialen Medien folgt, kennt eine junge Frau in Sturmhaube und Armeehosen, die schonungslos offen über ihren exzessiven Lebensstil schreibt. Themen, denen man in Gesprächen morgens um fünf auf den Toiletten von irgendwelchen angeranzten Clubs begegnet, in einem harschen, schroffen, selbstironischen Ton gehalten.

In ihrem Debutroman Das Ideal des Kaputten geht sie über dieses selbsterzeugte und auch mittlerweile selbstüberholte Bild hinaus und erzählt in leiseren und tiefschürfenderen Tönen von einem seltsam riechenden Sommer:

«Die Stadt roch seltsam und meine Wohnung, meine Mitbewohner, die Männer, mit denen ich schlief – mein ganzes Leben roch seltsam. Und auf meine Haut hatte sich ein glänzender Film gelegt, den ich einfach nicht wegbekam und der seltsam roch.»

Davon ausgehend springt sie in der Zeit, zurück in die Kindheit im Appenzellerland mit linkspolitischen Aussteigereltern, die einen Hof im Nowhere bewirtschaften, über eine heftige Pubertät bis hin in den Alltag einer Endzwanzigerin, die nach einem lustlosen geisteswissenschaftlichen Studium anfängt, von und mit der Kunst zu leben.

Jessica Jurassica ist eine Kunstfigur. Nie sieht man mehr als ihre Augenpartie und ihre Lippen. Nimmt man den Namen als Metapher, so wird deutlich, dass es sich hierbei um mehr handelt als um ein blosses Pseudonym: «Jessica» ist ein Klischee-Mädchen, vielleicht das Pendant zu «Kevin». Ein Girl also, das mal eine Zahnspange hatte und bauchfreie Tops und Glitzerlidschatten.

Dem gegenüber steht «Jurassica»: das Grauen, etwas Monströses, steinzeitlich alt, vermeintlich ausgestorben und bedrohlich – wenn du nicht aufpasst, beisst es dir den Arm ab oder noch mehr. Zusammengesetzt klingt das nicht nur nice, sondern vereint vom Girly-Girl zur Furie die breite Palette der Weiblichkeit.

Zwischen Trip(!)-Advisor und Gesellschaftsanalyse

Doch wer steckt hinter dieser Kunstfigur? Beim Lesen des Romans drängt sich diese Frage auf und damit auch, wie autobiografisch der Text zu lesen ist. Durch die intimen Einblicke erhält man immer wieder das Gefühl, unerlaubt in einem Tagebuch zu blättern, was sich einerseits verboten anfühlt, aber irgendwie halt auch ganz geil ist. Mal gibt es Stellen, bei denen es sich eher um eine Reisedokumentation oder um eine Coming-of-Age-Story handelt, dann ist es wieder eine feministische Sozial- und Gesellschaftskritik, dann wird der Kulturbetrieb analysiert und dem folgt eine sprichwörtlich traumhaft anmutende Szene über einen Ayahuasca-Trip.

Die Autorin in ihrer natürlichen Umgebung. (Bild: die yungen huren dot hiv)

Das Genre ist also denkbar schwer festzulegen, da der Text vielschichtig ist und nicht in eine Schublade gesteckt werden kann. Für eine reine Erzählung ist er zu analytisch, für eine Abhandlung zu dokumentarisch. Hier ein Ausschnitt, der alle genannten Komponenten enthalten dürfte:

«Als ich menstruierend in der Fascho-Wohnung in Torre del Greco sass, hatte er mir vom Pool irgendwo an der mexikanischen Ostküste geschrieben: ‹vorhin habe ich gedacht du bist so etwas wie/ eine seelenverwandte/ aber dann dachte ich fuck das hört sich so/ schrecklich an und/ ob es nicht besser wäre/ wärst du einfach meine bitch und ich dein fuckboy/ weil seelenverwandtschaft so schrecklich klingt/ nach strand und yoga und sich gegenseitig/ gedichte vorlesen/ auch wenn die menschen ja immer zu einem sagen:/ geht es dir nur ums ficken/ oder habe ich auch andere qualitäten?’ Ich schrieb ihm zurück vom Ikea-Tisch mit Sicht auf die Insel Capri: ‚bitch und fuckboy/ das klingt so ein bisschen nach lowlife/ nach sich gemeinsam oder gegenseitig zugrunde richten/ nach lines ziehen und knutschen in einer dunklen ecke/ am bahnhof mittwochnachts/ aber vielleicht ist das gut/ weil die menschen ja immer zu einem sagen:/ geht es dir nur ums schreiben/ oder habe ich auch andere qualitäten?›»

Der Titel des Buchs stammt von der gleichnamigen Essaysammlung des Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel, der über Italien in den 1920er Jahren schreibt. Bei ihm bezieht sich das Ideal des Kaputten auf neapolitanische Alltagsgegenstände, die zweckentfremdet oder nicht professionell repariert verwendet wurden. Durch diese kreative Lebensweise sieht Sohn-Rethel die Neapolitaner als Antagonisten der durchtechnologisierten und perfektionierten Arbeitswelt der Postmoderne.

Bei Jessica Jurassica lässt sich eine Übertragung dieses Ansatzes auf eine innere Ebene konstruieren: Wo andere auf Achtsamkeit und Yoga-Retreats setzen, auf vegane Superbowls und Mental-Health-Seminare, da inszeniert sich Jurassica mit einer Anti-Ästhetik aus überquellenden Aschenbechern, leeren Proseccodosen und einem Drogenkonsum, der sich «Sie» schreibt.

Peter Stamm wird wie nebenbei plattgemacht

Ihr selbstgewählter Antagonist im Literaturbetrieb ist der Bestsellerautor Peter Stamm, mit dem Jessica Jurassica genau zwei Gemeinsamkeiten verbinden. Die eine nennt sie selbst, es ist der Fakt, dass der Bodensee sie beide schon als Kind langweilte.

Auf dieses Zitat von Peter Stamm aufbauend verfasst Jessica Jurassica in Buenos Aires literarische Texte und veröffentlicht diese auf der Reisebewertungsplattform Tripadvisor. Zuerst über ein Restaurant namens Bodensee, es folgen weitere Touri-Spots. Ein geniales Format, das unter anderem zeigt, wie eigenmächtig junge Autoren und Autorinnen heute über das Medium Internet publizieren können, ohne der Abhängigkeit vom Kulturbetrieb ausgesetzt zu sein.

(Bild: die yungen huren dot hiv)

Die zweite Gemeinsamkeit, die Jurassica mit Stamm verbindet, ist die Fähigkeit, über Nicht-Funktionales zu schreiben. Stamms Texte handeln nie vom Liebesglück, von grossen Freuden oder emotionalen Höhenflügen, und auch Jessica Jurassica wird wortkarg, sobald sie Phänomene anspricht, die gut zu laufen scheinen.

Über Liebeskummer und dysfunktionale Beziehungsstrukturen scheint sie die Seiten mit Leichtigkeit zu füllen, aber als sie bemerkt, dass sie sich in einen Musiker namens D. verliebt und er sich auch in sie (wenn man einigermassen vertraut ist mit ihrer Biografie, weiss man, wer hier beschrieben wird, das Kürzel hier zu lüften, fühlt sich aber an, als würde man das Geheimnis einer Freundin weitererzählen, von daher lest selbst!), sobald es also um diese Liebesbeziehung geht, wird es auf einmal still. Eine der wenigen Infos, die man erhält, ist, dass sie ihren Rucksack in die Ecke seines Zimmers wirft und später dann ihre Kleider obendrauf. Ok, Peter Stamm hätte sich bestimmt auch in dieser Situation noch in ausufernder Larmoyanz verloren, darauf verzichtet Jessica Jurassica – zum Glück!

Das «Feindbild Peter Stamm» ist insofern spätestens mit Das Ideal des Kaputten überholt, da Jessica Jurassica davon ausgeht, dass Stamm «alles in den Schoss fiel, [und er] es nahm, weil es ihm zustand». Sie hingegen sieht sich selbst als Literatin, die schwer kämpft, um erfolgreich zu werden.

Weiter im Text beschreibt sie aber dann, wie es zur Veröffentlichung ihres Debutromans kam: «[…] also schrieb ich irgendwann im Facebook-Chat an den Verleger, mit dem ich mich kurz vor dem Shutdown an der Langstrasse getroffen hatte: Lieber A., falls die Situation nicht auch den Verlagsbetrieb komplett auf den Kopf stellt, würde ich dein Angebot annehmen und Das Ideal des Kaputten gerne im Frühjahr 2021 bei deinem Verlag sehen. Ich bin ja jetzt arbeitslos, also habe ich Zeit. Herzlich, JJ»

Über diese Leichtigkeit dürfte sich Peter Stamm nur leise wundern, hat er doch mit Hilfe einer Agentur über zwei Jahre erfolglos Verlage angeschrieben und wurde erst über den Umweg einer Übersetzung ins Englische überhaupt publiziert.

Nicht aufhören, unbequem zu sein

Dieses Spiel, das Jurassica hier mit Stamm durchzieht, kann als generelle Metapher für das Patriarchat begriffen werden. Auch in weiteren Passagen zeigt die Autorin, wie es ist, als junge Frau in einer männerdominierten Welt aufzuwachsen, ihre Rolle zu finden und sich zu etablieren – sei dies im Kulturbetrieb, in der Sexualität oder im Alltag. Mit einer pointierten Treffsicherheit und Tiefe zeigt sie die Problematiken, die sich stellen, und beschreibt gleichzeitig einen Weg, wie man diese Hindernisse umschiffen und plattwalzen kann, siehe Peter Stamm.

Jessica Jurassica: Das Ideal des Kaputten, Lectorbooks 2021

Und hier zeigt sich das eigentlich Überraschende des Romans: Während sich die meisten jungen, feministischen Autorinnen gut darin bewegen, Defizite zu beschreiben und an den Pranger zu stellen, so geschieht es doch ausgesprochen selten, dass auch ein Lösungsansatz dargestellt wird. Dieser schwingt im Ideal des Kaputten subtil mit und wird doch unmissverständlich klar – Fluchten aus dem patriarchalen System werden konkret genannt: toxische Liebesverhältnisse beenden, langjährige Freundschaften pflegen, auf Tamedia wichsen, reisen, Drogen nehmen und den eigenen Horizont erweitern, die eigene Herkunft als Ressource nutzen, nicht aufhören, unbequem zu sein, nicht aufhören zu schreiben und überhaupt: nicht aufhören.

Literarisch spielt Jessica Jurassica viel mit Wiederholungen, was den einzelnen Kapiteln sowie dem gesamten Text Abgeschlossenheit und Klarheit gibt, trotz der sprunghaften Erzählstruktur. Allein das spricht für ein gutes Handwerkszeug und dafür, dass die Autorin kann, was sie tut. Durch das Spiel mit dem Multimedialen (Facebook-Chats, Emails, Instagram-Stories, Tripadvisor-Bewertungen, Twitterfeeds etc.) bedient sich Jurassica eines literarisch wenig besprochenen und kaum anerkannten Ausdrucksstils und prägt damit ein neues Schreiben. Zusammen mit Anna Stern hat der Verlag Lectorbooks also zwei der spannendsten Jungliteratinnen der Gegenwart unter Vertrag.

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