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«Hey, isch si geil?»

Warum mich Frauenstimmrecht und feministische Solidarität nicht sonderlich, aber dann doch interessieren. von Jessica Jurassica
Von  Jessica Jurassica
Jessica Jurassica. (Bild: co)

Auf Twitter schlägt einer vor, man solle doch für die kommenden 50 Jahren nur Frauen abstimmen lassen, das wäre doch nur gerecht und die Welt würde wohl auch ganz grundsätzlich eine gerechtere werden. Ein sogenannter Komiker kommentiert darunter, dass Schlechtes mit Schlechtem zu vergelten nicht gerade von Weitsicht zeuge. Und ich frage mich, wie jemand, dessen Hauptberuf Clown ist, sowas nicht einfach lustig finden und die Klappe halten kann.

Eigentlich interessiert mich das Frauenstimmrecht nicht sonderlich, es ist ein langweiliges, trockenes Thema. Auch die Frauen, die für das Frauenstimmrecht gekämpft haben, interessieren mich nicht wirklich, die meisten von ihnen waren bürgerliche Frauen aus gutem Haus. Natürlich habe ich diesen Frauen und ihren Kämpfen viel zu verdanken, aber ihre bürgerliche Lebensrealität interessiert mich halt einfach nicht.

Vor Kurzem bin ich wieder einmal über folgende Aussage einer Frau gestolpert: «Ich sehe mich nicht als Feministin, der Begriff Feminismus ist mir zu militant.» Und wenn ich so etwas lese, interessiere ich mich dann doch plötzlich wieder für bürgerliche Frauenrechtlerinnen und ich muss daran denken, dass Iris von Roten, als sie 1958 in ihrem Buch Frauen im Laufgitter militante Forderungen wie volle wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen stellte, mehr oder weniger für den Rest ihres Lebens gesellschaftlich ausgelöscht wurde und sich sogar die meisten Schweizer Frauenrechtlerinnen von ihr distanziert hatten.

In der Inbox eine Mail von einem Dokumentarfilmer: Er will mich in einem Film mit dem Arbeitstitel «Wild Wise Women» dokumentieren. Es soll um Frauen gehen, die krasse Sachen machen, zum Beispiel auf einem Boot wohnen, sich öffentlich für irgendetwas einsetzen oder eine Sturmmaske tragen.

Ich treffe mich mit ihm und er fragt, was es denn mit diesem Feminismus auf sich habe. Als ich ihm erzähle, dass dort, wo ich aufgewachsen bin, das Frauenstimmrecht drei Jahre vor meiner Geburt eingeführt wurde, kann er es kaum glauben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mein Auftreten und meine Arbeit wirklich als so crazy empfinde, ob man Männer, die ähnliche Dinge tun, auch als wild und weise framen würde und woher die Faszination kommt. Also melde ich mich nicht mehr bei ihm.

Irgendwann schreibt er mir, dass er mich wirklich sehr gerne dabeihätte und übrigens läge ihm das Thema am Herzen, schliesslich sei seine Tante eine bekannte Feministin gewesen und schliesslich habe er drei Töchter. Mir wäre lieber, Männer bräuchten nicht eine Tante, die feministische Bücher geschrieben hat, und drei Töchter, um sich für Feminismus zu interessieren.

Jessica Jurassica, 1993, ist Literatin, Musikerin und Künstlerin. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen und lebt heute in Bern. Im März erscheint, nach Verbotene Frucht im Bundeshaus, ihr Buch Das Ideal des Kaputten bei Lectorbooks.

Eigentlich interessiert mich Feminismus nicht gross, jedenfalls nicht intrinsisch. Ich beschäftige mich nicht, weil ich eine geile Zeit haben will, mit Feminismus. Feminismus ist kein Hobby, es ist etwas, das sich aufdrängt, wenn man in diesem Land eine Frau oder minimal sensibel für strukturelle Ungerechtigkeiten ist. Manchmal bin ich müde und dann will ich einfach nur Künstlerin sein oder Autorin oder Musikerin. Aber das Attribut «weiblich» lässt sich nicht abschütteln.

Ich habe mir eine aggressiv wirkende, androgyne Figur geschaffen und verweigere mich mit diesem Akt der Selbstermächtigung gängigen Weiblichkeitsidealen. Aber auch die Sturmmaske und die oft harte, vulgäre Sprache negieren meine Weiblichkeit nicht. Im Gegenteil, Menschen, die mich persönlich kennen, bekommen immer mal wieder dieselbe Frage zu hören: «Hey, isch si geil?» Ich bin also trotzdem noch eine Frau, obwohl ich kaum Weiblichkeit reproduziere.

Man könnte fast denken, dass die Gesellschaft überfordert ist, sobald eine Frau aktiv etwas tut, das auf irgendeine Weise den Erwartungen widerspricht, sich öffentlich äussert zum Beispiel, und aus dieser Überforderung heraus der Körper ins Spiel gebracht wird. Die mühselige misogyne Geschichte der Schweiz, zu der die schleppende Einführung des Frauenstimmrechts gehört, hat eine Shitload von internalisiertem Sexismus hinterlassen. Männer treffen politische Entscheidungen, Männer verdienen Geld, Männer schreiben Bücher, Männer stehen auf Bühnen. Frauen hingegen werden auf ihre Körper reduziert: fickbar sein und Kinder auf die Welt bringen. Und verdammt nochmal die Klappe halten.

Ein Redaktor einer grossen Schweizer Zeitung weigert sich, mich in der Headline Autorin oder Künstlerin zu nennen, er findet das zu seriös, lieber nennt er mich einfach «Frau». Er sagt mir, ich müsse dankbar sein für die Plattform, die ich eigentlich nicht verdient hätte. Aber ich bin nicht dankbar für die unbezahlte Arbeit, die ich in ein Interview investieren muss, an dem ein Medienkonzern verdienen wird. Im Gegenteil: Ich will Entschädigung für jeden scheiss misogynen Kommentar in der Kommentarspalte.

Eigentlich interessiert mich feministische Solidarität nicht gross, denn Feminismus ist kein Hobby, Feminismus ist Arbeit und ich arbeite sowieso schon viel zu viel. Aber dann fällt mir wieder ein, wie die Männer in meinem näheren Umfeld reagiert haben, als ich zum ersten Mal mit einem Text viral ging und sich so etwas wie Erfolg abzuzeichnen begann. Sie reagierten wahlweise mit Desinteresse, Missgunst, Ablehnung oder paternalistischem Stolz. Manchmal gaben sie mir zu verstehen, dass ich nur erfolgreich bin, weil ich eine Frau bin, weil ich konfrontativ feministisch bin. Das sei halt Trend im Moment. Und wenn ich mich mit solchen Aussagen konfrontiert sehe, bin ich trotz des ganzen Überdrusses und der Müdigkeit froh um feministische Netzwerke, um Abende in Clubs, die von Frauen geschmissen werden, und um die Solidarität zwischen Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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