Wie so oft. Rundherum waren alle weiter: Ab dem 20. Jahrhundert wurden in Europa die Bürgerrechte Schritt für Schritt zu Bürgerinnenrechten, Finnland machte 1906 den Anfang mit dem Frauenstimmrecht, Italien 1945 den vorläufigen Schluss. Die Schweiz brauchte knapp 30 Jahre länger – auf nationaler Ebene. Nur Portugal war noch später dran, dort war es 1974 so weit.
Die Schweizer Lücke zwischen der Einführung des Männerwahlrechts und der Einführung des Frauenwahlrechts ist jedenfalls peinlich gross: 123 Jahre. In Dänemark zum Beispiel wurde das allgemeine Wahlrecht für beide Geschlechter zeitgleich eingeführt, das war 1915. In Grossbritannien beträgt der Unterschied zehn Jahre, in Japan 20 und in den USA 50. Frankreich, die Wiege der «Gleichheit» und der «Brüderlichkeit», hat die Menschenrechte ebenfalls lange als reine Männerrechte ausgelegt: Da vergingen 96 Jahre bis zur Einführung des Frauenstimmrechts 1944.
Die Schweiz ruhte sich derweil auf ihrer «direkten Demokratie» aus und zeigte sich von den Entwicklungen rundherum wenig beeindruckt – bis heute fühlt man sich kaum bemüssigt, sich an den andern ein Vorbild zu nehmen, so auch was Kinderbetreuung oder Lohngleichheit angeht. Umso wichtiger ist da die internationale Vernetzung und der Austausch mit den Menschen mit Migrationsgeschichte vor der eigenen Haustür. Sie bringen elementare Perspektiven mit ein. Das wusste auch die Schweizer Frauenbewegung von damals und pflegte darum regen Kontakt zu den Migrantinnen und ihren Mitstreiterinnen im Ausland.
Internationale Gründungshilfe
Ein Beispiel für diese Vernetzung ist Gertrude Guillaume-Schack, die auch in der Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte» (mehr dazu ab Seite 20 im Februarheft) portraitiert wird. Sie wird 1845 im damaligen Schlesien geboren, lebt später in Frankreich, Deutschland und Grossbritannien und ist eine prägende Figur in der Frauenbewegung. Als Frauenrechtlerin und Aktivistin der Zweiten Internationale tourt sie durch viele Länder Europas und «hinterlässt, wo immer sie auftritt, einen Arbeiterinnenverein», heisst es im Portrait – jener in St.Gallen wurde auf ihr Betreiben hin 1886 gegründet. Es war der erste in der Schweiz, danach folgten Winterthur, Zürich, Bern und Basel.
Gertrude Guillaume-Schack. (Bild: Frauenarchiv)
Guillaume-Schacks Steckenpferd ist der Kampf gegen die Prostitution. Inspiriert von der britischen Feministin Josephine Butler gründet sie im März 1880 den «Deutschen Kulturbund» als Filiale der Fédération abolitionniste internationale, die sich gegen die sexuelle Doppelmoral engagiert. Der Kulturbund richtet zahlreiche Veranstaltungen aus, Guillaume-Schack reist durch Europa und spricht als eine der ersten Frauen öffentlich und vor grossem Publikum, insbesondere vor Arbeiterinnen, über Sexualität und die Situation der Prostituierten.
«Die erste Ursache der Prostitution liegt ohne Zweifel in der ungünstigen Stellung der Frau dem Manne gegenüber (…), und es ist daher logisch unmöglich, dass der Unsittlichkeit dadurch entgegen gearbeitet werden kann, dass man die Stellung der Frau noch ungünstiger macht und sie allein deswegen zur Rechenschaft zieht», kritisiert sie in ihrem Vortrag Ein Wort zur Sittlichkeit, gehalten im Mai 1880. «Es heisst die Frauen unter Sitte trieben gewerbsmässige Prostitution, ich habe aber aus eigner Anschauung gefunden, dass mit ihnen vielmehr Gewerbe getrieben wird, als sie dasselbe treiben.»
Schicht für Schicht seziert Guillaume-Schack das System der Unterdrückung. Sie prangert nicht nur Recht und Gesellschaft an, die die Frauen in die Prostitution drängen, sie zeigt auch immer wieder mit dem Finger auf die Polizei, die sich zur Nutzniesserin macht, Prostitutions-Karteien führt und die Frauen zu regelmässigen ärztlichen Untersuchungen zwingt, damit sie keine Krankheiten verbreiten. Darum fordert sie wenigstens weibliche Ärzte für derartige Untersuchungen, wobei sie jedoch bezweifelt, dass diese sich bereit erklären würden, solche durchzuführen.
«Doch begnügt sich die Polizei nicht allein mit der Beschränkung der Freiheit der Frau, sie geht so weit, einen Gewaltakt an ihrem Körper zu begehen und sie zur ärztlichen Untersuchung zu zwingen, um ein gefahrloseres Spielzeug für die Männer aus ihr zu schaffen», sagt Guillaume-Schack. «Die Polizei kann nach Gutdünken über die Ehre, die Freiheit, den Körper der Frau verfügen, und den einzigen Schutz, den wir Frauen vor ihrer Willkür haben, bildet die Ehrenhaftigkeit der Polizeibeamten und unserer Umgebung ebenda, wo sich dieselbe zu scheuen hat, die Furcht der Polizei vor der Oeffentlichkeit. Menschenrechte haben wir nicht.» Kein Wunder, verbietet die Sittenpolizei Guillaume-Schacks Veranstaltungen oft wegen «Erregung öffentlichen Ärgernisses».
Perspektiven, die ein modernes Land nicht ignorieren kann
Heute befürworten viele Feministinnen zwar die Prostitution bzw. Sexarbeit, doch Gertrude Guillaume-Schack und andere haben so oder so einen wichtigen Beitrag zur Debatte geleistet, gerade auch in der behäbigen Schweiz. Nicht zuletzt hat sie immer wieder hartnäckig auf die Zusammenhänge zwischen Armut und Prostitution hingewiesen – was für heutige Feministinnen ebenfalls ein Thema ist. Dazu lohnt sich das Buch Ich bin Sexarbeiterin, wo die Frauen für einmal selber zu Wort kommen, statt dass über sie geredet wird.
Das Beispiel Guillaume-Schack zeigt, wie wichtig die internationale Vernetzung war und ist. Dazu gehört auch der Austausch mit Migrantinnen, ob nun eingebürgert oder nicht. Sie alle hinterlassen Spuren und bringen Perspektiven ein, welche sich ein modernes Land nicht leisten kann zu ignorieren.
Zum Beispiel Maria-Luisa Imfeld-Gobbi. Sie kam 1958 von Italien in die Schweiz, liess sich später in St.Gallen nieder und arbeitete ab 1970 bei der Ostschweizer «Verlags AG» und später beim «Tagblatt» als Korrektorin. Bekannt ist sie vor allem für ihre vielgelesene Kolumne «Notizie per gli Italiani», die sie dort über 25 Jahre lang geschrieben und damit einen wichtigen Beitrag zum italienischen Selbstverständnis und auch zur gegenseitigen Verständigung geleistet hat.
Maria-Luisa Imfeld-Gobbi. (Bild: Frauenarchiv)
Meist befasste sie sich mit Alltagsproblemen der italienischen Gemeinde, mit dem politischen Geschehen in der Schweiz und Italien und der globalen Politik. Einige Jahre führt Maria-Lusia Imfeld ausserdem eine kleine Buchhandlung, die zum Treffpunkt für die St.Galler Mitglieder der Schweizer Sektion der Sozialistischen Partei Italiens wurde. Auch von ihr – der «Stimme der Italienerinnen in der Ostschweiz» – hängt ein Portrait in der Ausstellung «Klug und kühn».
Weg mit der Vorstellung von der «weissen» Schweiz
Und heute? Gibt es immer noch zu wenige migrantische Stimmen in der Öffentlichkeit, in den Redaktionen, in der Politik – vor allem die weiblichen fehlen. Es gibt keine «Notizen für Eritreerinnen», keine «Notizen für Afghaninnen» oder «Notizen für Kurdinnen» in den Zeitungen und Newsportalen. Wenn es sie gibt, sind sie meist eher versteckt in den Untiefen des Internets und erreichen so höchstens die Eritreerinnen, Afghaninnen oder Kurdinnen, aber kaum die Schweizerinnen, die diese Perspektiven so nötig hätten.
Also wie weiter? Endlich die Wahnvorstellung von der «weissen» Schweiz aufgeben. Es gibt sie nicht. Dazu gehört auch, dass sich der «Weisse Feminismus» mit seinen Privilegien auseinandersetzt, diese reflektiert und Platz für alle macht. Nichtweisse Frauen in der Schweiz erleben nicht nur die «klassischen» sexistischen Herabwürdigungen, sondern auch solche rassistischer Art. Zudem werden sie bis heute prekarisiert und exotisiert und sind daher – wenn überhaupt – vor allem in der Sexindustrie sichtbar.
Der Kern des zeitgemässen Feminismus muss es sein, sicherzustellen, dass ALLE Frauen einen Platz am Tisch haben, nicht nur die Weissen, die Gutverdienenden, die Hochgebildeten, die Cis-Frauen oder jene ohne Kopftuch. Und so ist es auch in der Demokratie: Alle Betroffenen müssen mitreden können, auch die Jugendlichen und all jene ohne Schweizer Pass. Die Entscheidungen müssen von jenen getroffen werden, auf die sie sich auswirken. Wenn wir also fragen, wie wir den feministischen Kampf in die Zukunft befördern können, ist die Antwort klar: Wir müssen für das Stimm- und Wahlrecht für alle erkämpfen. Alles andere ist keine Demokratie.
Zum Schluss noch eine Liste aller Nachteile für die Schweiz, würde das Stimm- und Wahlrecht für alle in der Schweiz wohnhaften Menschen eingeführt:
Weiterlesen:
Joni Seager: Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen: 164 Infografiken und Karten. Hanser Verlag, München 2020. Englische Erstausgabe: Myriad Editions, Oxford 2018
Marina Widmer, Giuliano Alghisi, Fausto Tisato und Rolando Ferrarese (Hrsg.): Grazie a voi – Fotografien zur italienischen Migration in der Schweiz. Limmat Verlag Zürich 2016
Appell Sexarbeit-ist-Arbeit.ch (Hrsg.): Ich bin Sexarbeiterin. Portraits und Texte. Limmat Verlag, Zürich 2020
Fork Burke, Myriam Diara & Franziska Schutzbach: I Will Be Different Every Time. Schwarze Frauen in Biel. Verlag die brotsuppe, Biel 2020
Musiktheater
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«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
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