Hartnäckigkeit gehört zur Soziologin Marina Widmer, die seit 20 Jahren immer wieder in neuen Kooperationen Ostschweizer Frauengeschichte lebendig werden lässt, dies in ihrer Funktion als Geschäftsführerin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz.
In einem ersten Teil der Jubiläumsfeier im Garten der Florastrasse im St. Galler Linsebühlquartier liess sich Marina Widmer von Christina Genova befragen, Vorstandsmitglied im Frauenarchiv und Kulturjournalistin. Im Gespräch wurde dem Publikum schnell klar, dass es eine von Widmers Hauptaufgaben war und ist, Geld für die Weiterführung und Kontinuität des Archivs aufzutreiben. Für 2021 etwa ist eine Ausstellung über Ostschweizer Frauen- und Geschlechtergeschichte von 1848 bis heute geplant – im Hinblick auf 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz.
Vom Strandgut der Geschichte
Danach wurde Marina Widmer selber zur Interviewerin. Sie hatte Caroline Arni, Professorin für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Uni Basel, zum Gespräch geladen. Arni ist 2018 mit ihrem Buch Pränatale Zeiten (Schwabe Verlag) aufgefallen. Als gefragte Gesprächspartnerin steckt sie ihr Publikum mit ihrer Begeisterung für Geschichte an, für feministische Geschichte wohlverstanden.
Caroline Arni.
Wieso also Geschichte studieren und dann auch noch zielstrebig Professorin in Basel werden? lautete Widmers erste Frage an Arni. Weil Geschichte thematisch nicht festgelegt sei. Weil sie nicht gradlinig fortschreite, sondern voller Wendungen und Lücken sei. Und um diese Lücken zu füllen, historisch plausibel zu füllen, brauche man Fantasie, sagt Caroline Arni. Die Zusammenhänge müsse man sich vorstellen können, mit Spürsinn aus Fragmenten Geschichte schreiben.
Dazu gehöre auch, sich einzulassen auf die Poesie des Archiv-Strandgutes (wovon vorher schon Marina Widmer die eine oder andere Anekdote zum Besten gegeben hatte), das immer wieder angeschwemmt werde. Über ihre Karriere bis zur Professur in Basel mochte Arni nicht viele Worte verlieren, das sei nicht so spannend, meinte sie, aus der es sonst nur so sprudelte.
Wer forscht, putzt nicht
Als Professorin hat Arni sich einen Berufstraum erfüllt – aber, wie sie ehrlich sagt, auf Kosten anderer. Diese pointierte Aussage illustrierte die zweifache Mutter mit dem trivialen Beispiel, dass sie eine Putzfrau beschäftigt, also Hausarbeit delegiert an andere Frauen. Ja, die Partizipation der Frauen an Erwerbsarbeit sei zwar gestiegen. Dies aber bewirke, dass sich gleichzeitig die unbezahlte und die schlecht bezahlte Arbeit unter verschiedenen Gruppen neu verteile. Was doch heisse, dass Hausarbeit immer wieder neu politisiert werden müsse, betonte Arni mit Verve und dachte vermutlich an die in anderen Gesprächen thematisierte «Care-Chain».
Neue Politisierung
«Frauen- und Geschlechtergeschichte» – sind das noch aktuelle Begriffe? Interviewerin Marina Widmer stellte diese Frage, die ihr als Archivleiterin auf der Zunge liegen musste. Arni erläuterte, wie sich das Verständnis und die Begrifflichkeiten von Frauengeschichte im Laufe der Jahrzehnte ständig entwickelten.
Als Studentinnen anfangs der Neunzigerjahre hätten sie gedacht, Geschlechtergeschichte sei das «Avanciertere» im Vergleich zur reinen Frauengeschichte. Wie man dann in den Nullerjahren das Geschlecht neutraler sehen wollte … das war alles nicht falsch, sagte sie, und es tönte unaufgeregt, deeskalierend. Aber was passiert jetzt, heute? Arnis Doktorandinnen wollen nun nicht mehr Geschlechtergeschichte betreiben, sondern ausdrücklich Frauengeschichte. Also habe sie anders gedacht und sehe es ein, sagt die 49-jährige Professorin: «Eine neue Politisierung ist im Gang, das gibt frischen Schub für die Frauengeschichte.»
Die letzte Frage an die Historikerin betraf den Begriff der rekursiven Geschichtsschreibung. Arni befasst sich gegenwärtig mit den sogenannten Saint-Simonistinnen, die kurz nach 1830 In Frankreich aktiv waren, auch Zeitschriften gründeten. Sie forscht danach, welche Fragen für diese frühsozialistischen Arbeiterinnen und Mütter (Mutterschaft!) relevant waren. Denn die Fragen einer Professorin von 2019 sind nicht unbedingt die Fragen, die sich katholische Arbeiterinnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestellt haben. Also kehrt Arni die Forschungslogik um: «Die Gegenwart ist der Stoff. Und die Fragen kommen aus der Vergangenheit.
frauenarchivostschweiz.ch
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