Kategorie
Autor:innen
Jahr

Frischer Schub für die Frauengeschichte

«Ich bin Historikerin, weil mich die Gegenwart interessiert»: Das sagte Caroline Arni, Professorin für Geschichte an der Uni Basel, im Gespräch im Ostschweizer Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte. Dort wurde am Samstag das 20-jährige Bestehen gefeiert. von Gabriele Barbey
Von  Gastbeitrag
Marina Widmer, Leiterin des Frauenarchivs, im Gespräch mit Christina Genova. (Bilder: Jean-Pierre Barbey)

Hartnäckigkeit gehört zur Soziologin Marina Widmer, die seit 20 Jahren immer wieder in neuen Kooperationen Ostschweizer Frauengeschichte lebendig werden lässt, dies in ihrer Funktion als Geschäftsführerin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz.

In einem ersten Teil der Jubiläumsfeier im Garten der Florastrasse im St. Galler Linsebühlquartier liess sich Marina Widmer von Christina Genova befragen, Vorstandsmitglied im Frauenarchiv und Kulturjournalistin. Im Gespräch wurde dem Publikum schnell klar, dass es eine von Widmers Hauptaufgaben war und ist, Geld für die Weiterführung und Kontinuität des Archivs aufzutreiben. Für 2021 etwa ist eine Ausstellung über Ostschweizer Frauen- und Geschlechtergeschichte von 1848 bis heute geplant – im Hinblick auf 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz.

Vom Strandgut der Geschichte

Danach wurde Marina Widmer selber zur Interviewerin. Sie hatte Caroline Arni, Professorin für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Uni Basel, zum Gespräch geladen. Arni ist 2018 mit ihrem Buch Pränatale Zeiten (Schwabe Verlag) aufgefallen. Als gefragte Gesprächspartnerin steckt sie ihr Publikum mit ihrer Begeisterung für Geschichte an, für feministische Geschichte wohlverstanden.

Caroline Arni.

Wieso also Geschichte studieren und dann auch noch zielstrebig Professorin in Basel werden? lautete Widmers erste Frage an Arni. Weil Geschichte thematisch nicht festgelegt sei. Weil sie nicht gradlinig fortschreite, sondern voller Wendungen und Lücken sei. Und um diese Lücken zu füllen, historisch plausibel zu füllen, brauche man Fantasie, sagt Caroline Arni. Die Zusammenhänge müsse man sich vorstellen können, mit Spürsinn aus Fragmenten Geschichte schreiben.

Dazu gehöre auch, sich einzulassen auf die Poesie des Archiv-Strandgutes (wovon vorher schon Marina Widmer die eine oder andere Anekdote zum Besten gegeben hatte), das immer wieder angeschwemmt werde.  Über ihre Karriere bis zur Professur in Basel mochte Arni nicht viele Worte verlieren, das sei nicht so spannend, meinte sie, aus der es sonst nur so sprudelte.

Wer forscht, putzt nicht

Als Professorin hat Arni sich einen Berufstraum erfüllt – aber, wie sie ehrlich sagt, auf Kosten anderer. Diese pointierte Aussage illustrierte die zweifache Mutter mit dem trivialen Beispiel, dass sie eine Putzfrau beschäftigt, also Hausarbeit delegiert an andere Frauen. Ja, die Partizipation der Frauen an Erwerbsarbeit sei zwar gestiegen. Dies aber bewirke, dass sich gleichzeitig die unbezahlte und die schlecht bezahlte Arbeit unter verschiedenen Gruppen neu verteile. Was doch heisse, dass Hausarbeit immer wieder neu politisiert werden müsse, betonte Arni mit Verve und dachte vermutlich an die in anderen Gesprächen thematisierte «Care-Chain».

Neue Politisierung

«Frauen- und Geschlechtergeschichte» – sind das noch aktuelle Begriffe? Interviewerin Marina Widmer stellte diese Frage, die ihr als Archivleiterin auf der Zunge liegen musste. Arni erläuterte, wie sich das Verständnis und die Begrifflichkeiten von Frauengeschichte im Laufe der Jahrzehnte ständig entwickelten.

Als Studentinnen anfangs der Neunzigerjahre hätten sie gedacht, Geschlechtergeschichte sei das «Avanciertere» im Vergleich zur reinen Frauengeschichte. Wie man dann in den Nullerjahren das Geschlecht neutraler sehen wollte … das war alles nicht falsch, sagte sie, und es tönte unaufgeregt, deeskalierend. Aber was passiert jetzt, heute? Arnis Doktorandinnen wollen nun nicht mehr Geschlechtergeschichte betreiben, sondern ausdrücklich Frauengeschichte. Also habe sie anders gedacht und sehe es ein, sagt die 49-jährige Professorin: «Eine neue Politisierung ist im Gang, das gibt frischen Schub für die Frauengeschichte.»

Die letzte Frage an die Historikerin betraf den Begriff der rekursiven Geschichtsschreibung. Arni befasst sich  gegenwärtig mit den sogenannten Saint-Simonistinnen, die kurz nach 1830 In Frankreich aktiv waren, auch Zeitschriften gründeten. Sie forscht danach, welche Fragen für diese frühsozialistischen Arbeiterinnen und Mütter (Mutterschaft!) relevant waren. Denn die Fragen einer Professorin von 2019 sind nicht unbedingt die Fragen, die sich katholische Arbeiterinnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestellt haben. Also kehrt Arni die Forschungslogik um: «Die Gegenwart ist der Stoff. Und die Fragen kommen aus der Vergangenheit.

frauenarchivostschweiz.ch

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2