, 8. September 2020
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St.Fiden: Planung ohne Stadtplanung

Mit 368‘000 Franken soll die Stadt eine «vertiefte» Machbarkeitsstudie für die Überdeckung am Bahnhof St.Fiden mitfinanzieren. Die Baulobby hat sich beim Stadtrat durchgesetzt – gegen den Rat der Experten und offensichtlich gegen den Willen der Stadtplanung.

Seit 2018 bekannt: Am Montag haben Stadtrat und Hauseigentümerverband das Ergebnis der Testplanung des Zürcher Architektur- und Planungsbüros KCAP nochmal vorgestellt.

Selbst Stadtpräsident Thomas Scheitlin fand es aussergewöhnlich, dass an der Medieninformation über eine weitere Machbarkeitsstudie zur Autobahn- und Gleisüberbauung in St.Fiden an seiner Seite nicht die Fachleute von der Stadtplanung, sondern der Präsident des städtischen Hauseigentümerverbandes, Christoph Solenthaler, sass.

Die Interpretation dieser Situation ist nicht weit hergeholt: Die Fachleute der Stadtplanung halten nichts von einer «vertieften» Machbarkeitsstudie, denn schon jetzt liegen alle Informationen auf dem Tisch.

Man weiss seit der 2018 publizierten Testplanung, dass ein «Deckel» über der Autobahn und den Gleisen des Bahnhofs St.Fiden zwar technisch machbar wäre, dass das so entstehende zusätzliche Bauland aber derart teuer würde, dass sich letztlich wohl kein Investor finden wird, der hier bauen würde.

Der wichtigste Player, die SBB, die sonst auf ihren Arealen gerne gross investiert, sagt klar: Lohnt sich nicht. Wer sich an die Zürcher HB-Südwest-Pläne erinnert, die die Gleise des Hauptbahnhofs überdecken wollten, und wer weiss, wie glorios das Projekt bachab ging, wundert sich darüber, dass die Überdeckung St.Fiden so lange im Gespräch bleibt.

Und nicht nur die SBB, auch die Migros, die hier gerne expandieren würde, ist ausgestiegen. Beide sind nicht mehr bereit, sich an weiteren Studien finanziell zu beteiligen. Auch der Kanton macht nicht mit.

Drei Büros haben nachgerechnet – es lohnt sich nicht

Die «Visionäre» reden in feinstem Wirtschaftssprech von einem «Leuchtturmprojekt mit internationaler Ausstrahlung». Sie setzen sich hier für eine «prozessorientierte, modulare und aufwärtskompatible Stadtteilentwicklung unter Einbezug verschiedener Akteure (Staat, Eigentümerinnen und Eigentümer, Nutzende) ein».

Dass das kaum gelingen kann, haben inzwischen drei ausgewiesene Fachbüros vorgerechnet, die die erste Studie im Sinne von Zweitmeinungen überprüften. Deren Urteile sind klar: hohe Kosten wegen der komplizierten technischen Anforderungen, wegen des schlechten Baugrunds im Talboden von St.Fiden und wegen der vielen Auflagen durch die Bahn.

Das Projekt verlange enorme Anfangsinvestitionen, sei nicht etappierbar, habe eine lange Bauzeit und sei ein finanzielles Risiko. Der Deckel müsste aus Renditegründen sehr dicht bebaut werden – ob das die Bevölkerung akzeptieren würde, sei eine weitere Unsicherheit.

Kurz: Die drei Fachbüros raten unisono: Übung abbrechen.

Who-is-who der örtlichen Baulobby macht Druck

Die örtliche Baulobby will das aber nicht hören. Sie hat offensichtlich so lange politisch Druck gemacht, bis der Stadtrat sich bereit erklärte, dem Parlament nochmals einen Kredit vorzulegen – ohne auf die Stadtplanung zu hören, die wohl deshalb nicht mit am Tisch der Medieninformation sass.

Fast 885‘000 Franken sollen die vertieften Abklärungen kosten – wer den Auftrag dafür bekommt und ob er ausgeschrieben oder unter der Hand vergeben wird, wird dem Parlament nicht erklärt.

Vielleicht wird die Studie ja auch zu einem Selbstbedienungsladen. Denn die Liste der Firmen, die sich an den Kosten beteiligen werden, liest sich wie das who-is-who der lokalen Investmentgesellschaften und Planungsbüros: Fortimo, Mettler2Invest und Nüesch Development zahlen je 130’000 Franken. Die Kantonalbank beteiligt sich mit 100’000. Der städtische Gewerbeverband, der Hauseigentümerverband und die Wirtschaft Region St.Gallen (WISG) beteiligen sich mit noch je 20’000 Franken. Die Stadt aber soll mit 368’000 gut 40 Prozent der Kosten übernehmen.

Scheitlins Abschiedsgeschenk?

Diesen «Meccano» hatten wir gerade bei den Olma-Notkredit-Millionen: Ständig von der Notwendigkeit des Sparens reden und überall kürzen. Das Kinderfest 2021 absagen, die Renovationen von Kunstmuseum und Volksbad um Jahre hinausschieben, Stellen in der Stadtverwaltung vakant lassen, Gelder für die Kulturschaffenden und an die familienergänzende Betreuung kürzen – aber noch rasch 368’000 Franken für eine Studie ausgeben, die von Fachleuten als sinnlos bezeichnet wird.

Sollte das Stadtparlament am 22. September dazu Ja sagen, würde es ein grosszügiges Abschiedsgeschenk des abtretenden Stadtpräsidenten an die Baulobby bewilligen.

2 Kommentare zu St.Fiden: Planung ohne Stadtplanung

  • Susanne Hoare sagt:

    Das tönt ja übelst! Widerstand muss sich formieren. Bitte macht euch ein Bild, was auf dem Areal Bach anderes möglich werden kann: Begehung mit dem Heimatschutz am kommenden 15.9. Details hier: https://events.heimatschutz.ch/de/veranstaltung/areal-bach

  • Was wir überdecken müssten, ist nun seit 35 Jahren die Autobahn. Die wirkt mit ihrem Lärm extrem störend. Erich Ziltener hat das als letzter Stadtrat einigermassen deutlich formuliert.
    Das kann und muss heute mit günstigen Massnahmen erreicht werden, z.b.einem Solardach, das nur sich selbst und die Schneelast tragen muss.
    Entlang der Schallschutzwand könnten in diesem Zusammenhang modulare, eventuell flexilble Bauten für Kleingewerbe entstehen, die von der Bahnhofsnähe und dem Bachquartier profitieren könnten. Eine oder zwei zusätzliche Querverbindungen zur Harzbüchelgalerie für Fussgänger würden das genügend erschliessen, für Fahrzeuge reicht die Vorfahrt zum Bahnhof St.Fiden.
    Es muss nicht immer Beton sein. Beton ist der umweltbelastendste Baustoff überhaupt…
    Die SBB sollte, wenn sie schon plant, hier irgendwann mal wieder mehr Züge abzustellen, das Gleiche ins Auge fassen: eine Leichtbau-Überdachung, die die Züge vor Schnee, Hitze und Vandalen schützt…etwas seitlich begrünt – und schon ein entspannender Anblick.
    Die Wertschöpfung auf dem ehemaligen Schrottplatz (mit Altlasten von Schläpfer AG, bitte aufräumen!!!) mit dem Verkauf der Schrottlauben ist so minimal, dass wir das darunter liegende Problem unmittelbar und sofort anpacken können. Aufgeräumt ist aufgeräumt…
    St.Gallen hat übrigens doch noch einige solcher Areale…

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