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St.Fiden-Heiligkreuz: Der Nebel lichtet sich

Seit vielen Jahren totgebaut: Jetzt sucht das Gebiet St.Fiden-Heiligkreuz eine Zukunft als neuer St.Galler Stadtteil. Der Schlussbericht der Testplanung ist am Donnerstag den Medien und der Bevölkerung vorgestellt worden.
Von  Harry Rosenbaum

Eisenbahn und Autobahn zersägen heute St.Fiden und seine Umgebung. Das Kerngebiet der Ortsgemeinde Tablat ist schwergewichtig möbliert durch die Hallen der Olma Messen und den Migros-Supermarkt. Es herrscht allenthalben städtebauliche Seelenlosigkeit, und aus der Autobahn-Galerie summen die Reifen des Transitverkehrs.

(Bild: Harry Rosenbaum)

An diesem Unort soll ein neuer Stadtteil entstehen, der die Quartiere St.Fiden und Heiligkreuz verbindet und sich als Bijou präsentiert. Fachexpertinnen und -experten aus Städtebau, Freiraum, Verkehr, Stadtsoziologie, Stadtökonomie, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung haben sich zusammengesetzt und in fünf Workshops viele Fragen und Lösungsvorschläge diskutiert. Die fachliche Bearbeitung nahmen vier interdisziplinäre Planungsteams an die Hand.

Ausgegangen wurde von der Entwicklung möglicher Szenarien. Mit individuell gesetzten Leitplanken erarbeiteten die Planungsteams anschliessend ihre Gesamtkonzeptionen. Diese sind von den Fachleuten und dem Begleitgremium bewertet und in einer Synthese zusammengefasst worden.

Der Schlussbericht der einjährigen Testplanung, für die das Stadtparlament 1,48 Millionen Franken bewilligt hatte, hält die wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen für die weiteren Planungsarbeiten fest. Er ist auf www.stadtsg.ch/stfiden einsehbar.

Akzentsetzende Hochhäuser

Die Testplanung sieht vor, dass die heutige Öde zum reizvollen Stadtteil mutiert. Dabei spielt das Areal der Werkhöfe an der Steinachstrasse eine wichtige Rolle als Scharnier zwischen Olma-Messen und Kantonsspital. Im Talboden St.Fidens akzentuieren in den Planungsfantasien Hochhäuser die Schwerpunktgebiete und stehen in architektonischer Beziehung zueinander. Zu den Hochbauten soll es weiter keine grossflächigen Transformations- und Interventionsgebiete geben. Stattdessen sind Nachverdichtungen und punktuelle Eingriffe vorgesehen.

Die beiden Stadtachsen St.Jakob-Strasse/Langgasse und Rorschacher Strasse behalten ihre Strukturen und werden darin noch bestärkt. Die bestehenden Quartiere werden in der Testplanung zu wichtigen Elementen dieses Stadtteils erhoben und stehen für dessen Qualität und Identität.

Entwicklungspotenzial beidseits der Gleise

Für das Kerngebiet Bahnhof St.Fiden mit dem Entwicklungsschwerpunkt auf der Nordseite schlägt der Schlussbericht zur Testplanung auf der Südseite ein adäquates städtebauliches Gegenüber vor. Im Betriebsareal der SBB auf der Südseite der Gleise hat die Testplanung ebenfalls grosses Entwicklungspotenzial entdeckt. Um es brauchbar zu machen, müssten aber die Lärmemissionen der Autobahngalerie reduziert werden. Sie beeinflussen heute stark die Nutzungsmöglichkeiten und auch die Wohnqualität im Quartier. Sowohl im Charakter wie auch in der Nutzungsausrichtung schlägt die Testplanung bei den Bebauungen nördlich und südlich der Gleise unterschiedliche Konzepte vor.

Für die Nordseite wird ein neues Zentrum mit hoher Dichte und publikumsorientierten Nutzungen beziehungsweise Dienstleistungs- und Mischnutzungen angestrebt. Hier können sich die Planer auch ein Hotel vorstellen. Die Migros soll mit einem Neubau am jetzigen Standort auf der Nordseite verbleiben. Für die Bachstrasse sieht die Testplanung einen Ausbau zum attraktiven Stadtraum vor.

Die südliche Bebauung soll das angrenzende Wohn- und Gewerbequartier abschliessen. Hier sind Mischnutzungen mit höherem Wohnanteil angedacht.

Passerelle, aber kein Deckel

Beim laufenden Verfahren hat sich eine neue Passerelle für den Langsamverkehr herauskristallisiert. Sie soll die Quartiere miteinander verbinden, den Perronzugang ermöglichen und ein attraktiver Ort für Aufenthalt und Begegnung sein. Zudem soll sie Bestandteil einer Langsamverkehrs- und Freiraumverbindung zwischen den beiden bestehenden Stadtachsen werden und die Anbindung ans neue Zentrum sicherstellen.

Die Erkenntnisse und Empfehlungen der Syntheseergebnisse werden vom Stadtrat unterstützt. Die Testplanung habe aufgezeigt, dass die Voraussetzungen für einen dichten, urbanen und lebendigen Stadtteil gegeben seien, heisst es weiter.

Keines der Teams der Testplanung habe die vollständige Überdeckung des Areals vorgeschlagen, wie es zur Zeit in der St.Galler Öffentlichkeit diskutiert werde. Der Stadtrat wolle sich dieser Vision jedoch nicht verschliessen.

Keine einfache Sache

«Das Ganze ist noch sehr abstrakt», sagt Stadträtin Maria Pappa von der Direktion Bau und Planung zu den Testplanungs-Ergebnissen. Auf der Konzeptebene sehe man jetzt aber, was entwickelbar sei. Zu den Rahmenbedingungen für das grosse Planungsgebiet meint Pappa: «Sie sind nicht einfach.» Teilweise herrsche Termindruck, beispielsweise durch die Sanierung der Autobahn, durch das Aggloprogramm des Bundes und durch den geplanten Bahnhofumbau der SBB.

Faszinierend findet die Stadträtin, dass St.Gallen die seltene Chance bekomme, einen Stadtteil zu bauen. Eine besondere Herausforderung dabei sei die Verbesserung der Siedlungsqualität von zwei recht unterschiedlichen Quartieren. «Wir wollen baulich verdichten und trotzdem attraktive Freiräume schaffen», sagt Pappa weiter. «Zudem geht es auch darum, die Erschliessung von St.Fiden und Heiligkreuz zu optimieren, Grundlagen für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu schaffen und die Aspekte von SmartCity einzubringen.» Durch die Testplanung hätten die vielen Interessen, die mit St.Fiden-Heiligkreuz zusammenhängen, umfassend eruiert werden können.

Die vier beigezogenen Planungsteams haben unterschiedliche Lösungsansätze entwickelt.

Ein Vorschlag (Team Harder Spreyermann) sieht als Verbindung zwischen St.Fiden und Heiligkreuz eine grosszügige Grünfläche, einen Naturpark vor.

Der zweite (Team KCAP) stützt sich auf eine starke bauliche Verdichtung im Kerngebiet, ein neues Zentrum.

Ein dritter Vorschlag (Team Morger Partner) beinhaltet ebenfalls die starke Verdichtung im Kerngebiet, den Bau von Hochhäusern und die Errichtung von zwei Zentren, je eines im nördlichen und eines im südlichen Bereich des Planungsgebietes.

Der vierte Vorschlag (Team Salewski & Kretz) schliesslich sieht drei Hochhäuser, eine Brücke für den ÖV und Langsamverkehr und die Ausgestaltung der Bachstrasse zum beidseitig bebauten Boulevard vor.

«Die Planungsteams haben keine Projekte, sondern Zukunftsbilder für St.Fiden-Heiligkreuz entwickelt», sagt Stadtplaner Florian Kessler und streicht einerseits das hohe Entwicklungspotenzial im Kerngebiet um den Bahnhof St.Fiden und andererseits im Bereich Olma Messen und Kantonsspital heraus.

Investoren, Euphorie und Knatsch

Für den Bau eines neuen Stadtteils braucht es Geld. Im Januar 2018 plant die Stadt schon mal einen Informationsanlass für mögliche Investoren. Interessierte hätten sich bereits gemeldet, heisst es. 2022 soll ein Masterplan für die Zukunft des geplanten neuen Stadtteils St.Fiden-Heiligkreuz vorliegen.

Wie viel ist euphorisch und wie viel realistisch-umsetzbar von den Plänen? Stadträtin Pappa geht davon aus, dass sich die meisten Ergebnisse der Testplanung umsetzen lassen.

Ein Stadtteil soll entstehen. Da muss mit der grossen Kelle angerichtet werden. Wird es, wie meistens bei solchen Vorhaben, politischen Knatsch geben? Stadtplaner Kessler meint Nein. Es müssten ja keine Quartierteile abgebrochen werden und so komme es auch zu keinen Verdrängungen von Bewohnerinnen und Bewohnern aus dem Gebiet St.Fiden-Heiligkreuz.

Die Mitberichte zum Schlussbericht der Stadtverwaltung zeigen aber die teils gegensätzlichen Erwartungen der verschiedenen Player. So äussern sich sowohl die Migros als auch Wirtschaftsverbände kritisch zur Synthese. Die Wirtschaft setzt auf stärkere Verdichtung zum Beispiel durch eine Gleisüberdachung. Die Migros sieht ihre Bedürfnisse im Bericht ignoriert; weder mit der Lage des Neubaus noch mit der Neugestaltung der Bachstrasse und der angedachten Offenlegung des Gerhaldenbachs sei sie einverstanden.

 

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