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Kinder – Kirche – Kernkraft

Aus demNovember-Heft: Wie mich St.Fiden politisiert hat. Die Erinnerungen von Walter Siering.
Von  Gastbeitrag

Es mag 1968 oder 1967 gewesen sein, mein Vater hatte mit seiner makellosen Federschrift in mein Kirchengesangsbuch mit Goldschnitt «St.Fieden» geschrieben, mit «ie». Wir waren eben erst zugezogen. Fasziniert stand ich am Fenster und schaute, wie fahrende Schausteller von der Rorschacherstrasse bis hoch zum Giebel des Hauses, wo heute der Metzgerverband drin ist, ein Drahtseil gespannt hatten, auf welchem nun kühne Hochseilakte, sogar mit Motorrad, geboten wurden. Und ich höre noch den Sprecher, wie er bedauerte, dass es nicht möglich gewesen sei, das Seil bis zur Kirchturmspitze zu spannen, wie in anderen Dörfern. «Arme Leute, arme Kinder», sagte ich, «was die tun müssen, um zu überleben, haben nur einen Wohnwagen und kein Heim». – «Spinnst du, die haben sicher mehr als wir», sagte meine Mutter und riss mir ihr Portemonnaie wieder aus den Händen.

Mein Heim war eher der Hinterhof als die Wohnung. Dort holten mein Freund Dino und ich vom Usego die leeren Depotflaschen und spazierten damit vorne wieder rein, um unser Taschengeld aufzubessern. Falls Sie das lesen, Fräulein Süess (sie war vierzig Jahre später immer noch dort angestellt), bitte nicht böse sein! Wir brauchten das Geld, um beim Nagel, dem Gemischtwarenhändler mit den zittrigen Händen und dem wackelnden Kopf, der immer «Nein» zu sagen schien, Schwärmer zu kaufen; die gabs da nicht nur zum 1. August. Für Süssigkeiten fuhren wir mit dem Velo in die Stadt, in die Migros. Da gab es Selbstbedienung, was wir sehr wörtlich nahmen und so regelmässig alle Kinder im Hof beschenken konnten. Mit Schleckwaren wurden die Kinder auch von Frau Wild belohnt. Sie platzierte Joghurtbecher auf dem Grund des (Dorf-)Brunnens, und wem es gelang, ein Steinchen darin zu versenken, der durfte sich beim Fässler ein Glacé zu 25 Rappen holen.

Aber ich will hier nicht weiter von unserer Kindheit schwärmen, unseren Jagdausflügen mit dem Blasrohr (Spritzennadeln fliegen am besten), unseren Bomben (Kaliumpermanganat mit rotem Phosphor in Alufolie mit einem Schlagbolzen, Vorsicht beim Mischen!), vom heimlichen Rauchen und der abgebrannten Campingausstellung, wo heute der Silberturm steht. Dino und ich hatten schon damals jeweils eine Besprechung, um zu verschweigen, was niemand wissen sollte, und um Missetaten zu erfinden,die wir getrost beichten konnten.

Freier Geist im «Forum»

Frisch aus der Flade («Wie lange noch dieses Geschlämp (Haare)! Du Seeräuber, du Pirat, du Zigeuner, du!») und Frischlehrling bei der Ferd. Rüesch AG («Wenn man mit Erwachsenen redet, nimmt man den Kaugummi aus dem Mund»), war ich eingeschüchtert und betreffs der vom Rektor oder vom Präfekt angekündigten Exerzitien auf das Schlimmste gefasst. Von Beichten und so war zu meinem Erstaunen dann aber wenig die Rede in der katholischen Jugendgruppe, dem «Forum der Jugend». Georg Schmucki, dem Vikar, und Erich Kirtz, dem Laien, lag anderes am Herzen, soziales Leben statt Sünden, Mitgestaltung statt kirchliche Traditionen. Es war ganz schön schwierig, da noch pubertär zu provozieren, Ton Steine Scherben als Untermalung des Gottesdienstes reichte da schon nicht mehr, und gekifft haben wir nur heimlich – Georg und Erich, habt ihr das eigentlich mitbekommen? Nur zweimal hats dem Georg ausgehängt: im Lager in Ulrichen, wir am ersten Abend alle sturzbesoffen, und in Obersaxen, als ein Grossteil von uns Burschen die Nacht im Nachbardorf verbrachte, wo deutsche Mädchen im Skilager waren. Wie ich mich erinnere, machte dem Georg aber nicht der Gedanke an eventuelle, quasi unter seiner Obhut gezeugte, uneheliche Kinder zu schaffen, sondern die Sorge um unsere Gruppe, die auseinanderzufallen drohte.

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Tischset vom Rest. Toggenburg (von Werner M. Schmid)

Wir hatten unseren Raum, wo wir uns wöchentlich trafen. Wir konnten im grossen Saal vom Pfarreiheim Disco machen, was sich in anderen Pfarreien herumsprach. Wir veranstalteten Konzerte (die Gruppennamen Airport und Moby Dicks habe ich noch im Ohr) und alljährlich ein Handballturnier, wobei später ein Alkoholverbot verhängt wurde, was uns zur Einführung eines Fairness-Preises zwang, nämlich ein Harass Bier, den wir natürlich uns selbst verliehen. Kudi schlug sogar vor, eine eigene Disco zu eröffnen und sie «Plattenhaus» zu nennen, auch in Erinnerung an Fritz Platten, dessen Namen ich damals das erste Mal hörte, und von dem wir immer gern sagten, dass er auch ein Sampfidler war.

Silberturm und Kaiseraugst

Irgendwann ist die Politik über uns hereingebrochen, in Form des Autobahnanschlusses Splügen und des Grossackerzentrums. Aus unserer Sicht wurde letzteres nur mit Blick auf den kommenden Fahrzeugstrom gebaut. Wir wollten mehr wissen und luden junge Gemeinderäte ein, mit uns zu diskutieren. Erich Ziltener (CVP, Lehrer im Grossacker, heute abgewandert und vergessen) lehnte mit gemässigten Worten den Autobahnanschluss ab, Paul Rechsteiner (nicht abgewandert, nicht vergessen) redete vehement dagegen. Beide Bauten bedeuteten massive Eingriffe, hier ein Schnitt mit bleibender Narbe, dort ein künstliches Glied, das für sich den Namen «Zentrum» beansprucht. Plötzlich war auch für uns Junge Handeln mit Plan angesagt. Im August 1975 war die Eröffnung, wir waren mit einer bewilligten Standaktion dabei. Die Scheitlins von damals haben uns wahrscheinlich belächelt.

Gegen den Splügenanschluss regten sich auch im Quartierverein Stimmen, also sind einige von uns beigetreten. Es kam zur Wahl eines neuen Präsidenten, der schliesslich unsere Anliegen ins Parlament tragen sollte. Erich Ziltener war der einzige Kandidat, wir waren zuversichtlich. Bevor er den Saal im «Hirschen» zwecks Wahrung des Wahlgeheimnisses verlassen musste, wandte er sich noch an die Versammlung: Nur um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, er sei dann im Fall für den Splügenanschluss. Ein Politiker als Hoffnungsträger? Im Buch St.Gallen, Stadportrait (von Daniel Ammann, Marcel Elsener, Andreas Kneubühler und Reto Voneschen, 1999) lese ich über Ziltener: «(…) hatte der den Quartierverein neu aufgebaut und diesem ein Sprachrohr gegeben» und «Um Visionen für die Stadt ist der Bauvorstand nicht verlegen. Das Gebiet Güterbahnhof dient ihm als Beispiel städtischer Brachen», und in einem Anflug von gallusʼscher Cholerik hätte ich beinahe Zilteners Portrait aus dem Buch gerissen, doch was soll ich einen alten vom Sockel zerren, wo es doch neue Visionäre gibt.

Jedenfalls glaubten einige von uns nach diesem Polittrick, noch bevor wir das eidgenössische Wahlrecht hatten, dass wir es nie ausüben würden. Stattdessen begannen wir uns vermehrt ausserparteilich zu engagieren. Es war die Zeit der Anti-AKW-Bewegung. Und wieder überraschte mich ein Kirchenmann. In St.Fiden war damals ein Pfarrerstift im Praktikum, der Walti aus Basel. Dorthin hatte er uns zu seiner Primiz eingeladen, seiner ersten eigenen Messe. Die war just am gleichen Tag wie die zweite Gösgendemo. Wir erklärten ihm also, wir müssten seine Feier eben wegen dieser Demo früher verlassen. Er, das geplante AKW Kaiseraugst im Kopf, meinte, wir sollten Knüppel mitnehmen, nach dem, was die Woche zuvor passiert war, könnten wir die sicher gebrauchen.

Trotzdem, das Forum war keine politische, sondern eher eine kirchliche Dorfjugend-Gruppe. Immer noch sangen wir auf den Weekend-Ausflügen «Laudato si, o-mi Signore» und «Es gibt kein Bier auf Hawaii», daneben aber auch «War einmal ein Revoluzzer. Im Zivilstand Lampenputzer» und die «Internationale», welche uns aber reichlich antiquiert schien, so dass wir sie unter der Federführung von Hannes (ich vermisse ihn) umdichteten mit dem Refrain:

Leute haut Euren Bossen

Auf die Flossen und singt

Das Lied der Unterdrückten,

Das wie Befreiung klingt.

Omnibus im «Toggenbürgli»

Befreiend waren für mich Teenager auch die Heiligabende in der Wohnung von Georg Schmucki, weg von der Schürze der Mutter, rein in den Schoss der Gemeinschaft. Diese war kunterbunt und spannend. An so einem Heiligabend erzählte einer von einem, der aussehe wie ein schwuler Güggel. Wir waren noch weit weg von politischer Korrektheit. Ein Kind, war es die kleine Petra?, fragte Georg, was ein schwuler Güggel sei. Der erklärte es ihr sachlich, worauf das Mädchen haarscharf schloss: «Denn isch de Bongos (Scharleiter der Jungwacht) de schwul Güggel vo de Mary (Scharleiterin des Blauring)». Georgs Wohnung stand aber auch an weniger heiligen Tagen jederzeit jedem und jeder offen. Und ich weiss nicht, wer sonst noch dort sein oder ihr erstes Mal … aber lassen wir die meinerseits wenig rühmliche und nicht sehr berauschende Angelegenheit.

Räusche gab es eher im «Toggenbürgli», der Beiz im Quartier. Man traf da Hippies beim Schachspiel mit Pensionären. Bis zehn Uhr war die Vitrine mit Fliegengitter der prominente Kasten in der Wirtsstube, danach, wenn die Alten weg waren, stellte Hampe, der Wirt, die Lautsprecherboxen auf. «Seid ihr Freaks?» fragte er einmal. Waren wir Freaks? Natürlich nicht. Aber das sagten wir ihm nicht, und er steckte den Joint an und reichte ihn weiter. Alkopops waren noch nicht erfunden, drum soff ich oft eine Mischung von Himbeersirup, Henniez und Kirsch («Omnibus» hiess das, «für alle»), was mir dann auch diesen bescheuerten Übernamen einbrachte, den ich hier mit gutem Grund verschweige. Manchmal, nach dem Wirtewechsel öfter, verliessen wir das enge «Toggenburg», um unseren Horizont in der Spanischen Weinhalle zu erweitern. Diese war der Treffpunkt für die wenigen Verqueren der Stadt. Ein Lüftchen von diesem Hauch der Unangepasstheit sollte auch uns umwehen. Anfangs trugen wir dabei natürlich unsere Jungwachtpullis, man sollte uns doch als Sampfidler erkennen. Solche Uniformierung war später nicht mehr nötig.

1979 schloss ich meine Lehre bei Ferdinand Rüesch ab, der, in der Notkersegg wohnhaft, war ja ebenfalls quasi St.Fidler und ebenso grosszügiger Donator des Klösterli, wie er auch den Pfadfindern immer wieder mal etwas stiftete. Man händigte mir ein Sparbuch aus mit dem Zehnten von meinem Lohn, den man mir wie allen andern 26 Lehrlingen über vier Jahre zurückbehalten hatte, selbstredend unverzinst. Da wusste ich, warum Lehrlinge auch Stifte heissen. Aber diese Geschichte gehört nicht mehr hierher, denn da wohnte ich schon mit meiner ersten WG im Linsebühl.

Walter Siering,1959, nach St.Georgen und St.Fiden jetzt in St.Otmar wohnhaft, findet es nicht mehr so schlimm, im Westen zu wohnen und das Sankt nicht ganz losgeworden zu sein.

 

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Konstantin,  

Herrlicher Artikel. Sehr Amüsant. Danke für den Einblick in das Quartier leben dieser Zeit!

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