Wo einst die Stadt aufhörte und Straubenzell und Tablat anfingen, weiss heute vermutlich kein Mensch mehr. Die Grenzen (im Osten zum Beispiel beim Kantonsspital, im Westen im Vonwil) sind unsichtbar geworden, St.Gallen wirkt als «natürliche» Einheit. Dabei hat der Prozess der Fusion fast zwei Jahrzehnte gedauert.
Grüne Stadtmitte: St.Leonhard um 1850. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum)
Reiche Stadt, arme Nachbarn
Der erste Anstoss kommt im Jahr 1900 zuerst von Straubenzell und dann von Tablat, wie das Buch «1918 – 2018» nachzeichnet. Grund ist das wirtschaftliche Gefälle – zwar sind die Aussengemeinden wie die Stadt während des Stickereibooms stark gewachsen, doch wohnen in Straubenzell und Tablat meist ärmere Leute. Neue Strassen, neue Schulhäuser, Kanalisation, öffentliche Beleuchtung und andere Investitionen können sich die beiden Gemeinden allein nicht mehr leisten.
Der Stadt ihrerseits fehlt es an Platz für neue Anlagen. So entsteht ein neuer Friedhof im Feldli, eine Kläranlage wird auf Tablater Boden geplant – und die Kritik der Aussengemeinden lässt nicht auf sich warten: Die Stadt besitze die schönsten Flecken und überlasse «den Straubenzellern die Toten, den Tablatern die Fäkalien».
St.Fiden und Grossacker vor der Stadtverschmelzung, 1900-1910 (Bild: Stadtarchiv)
Hindernisse sind einerseits juristischer Art, andrerseits geht es um Machtfragen, etwa um die bis dahin unabhängigen Schulgemeinden, um die Ängste des städtischen Freisinns, an Einfluss einzubüssen, oder die Befürchtung der Tablater, ihre katholischen Schulen «an die Freimauerei und den Sozialismus» zu verlieren, wie es in zeitgenössischen Medienberichten heisst. Den Wittenbachern, die spät auch noch auf den Fusionszug aufspringen wollen, zeigt die Stadt die kalte Schulter.
1918 sind die Hindernisse beseitigt, auf den 1. Juli tritt die Fusion in Kraft. Zu den 37’869 Einwohnern der Stadt (Volkszählung 1910) kommen mit der Fusion auf einen Schlag 15’305 (von Straubenzell) und 22’308 (von Tablat) hinzu, das Stadtgebiet vergrössert sich um das Zehnfache, und St.Gallen wird nach Zürich, Basel, Genf und Bern zur fünftgrössten Schweizer Stadt.
Sprungschanze, Drogenszene…
Grund genug für ein Buch zum Doppeljubiläum 100 Jahre Stadtverschmelzung und 100 Jahre Stadtparlament. Herausgeber ist im Auftrag der Stadt der Leiter des Stadtarchivs, Marcel Mayer. Weitere Texte verfassten Gitta Hassler vom Stadtarchiv, Dorothee Guggenheimer und Thomas Ryser vom Archiv der Ortsbürgergemeinde, die Historikerinnen Nicole Stephan und Mirjam Mayer und Stadtschreiber Manfred Linke.
Sprungschanze im Riethüsli, um 1950 (Bild: Ski Club Riethüsli)
Umfassend wird die Fusion samt ihrer Vorgeschichte bis zurück zur mittelalterlichen Stadtrepublik dargestellt. Ebenso ausführlich kommt im zweiten Teil die Entwicklung des Stadtparlaments zur Sprache, samt einigen kontroversen Themen, von der Arbeitslosenversicherungskasse über Radioaktivität im Trinkwasser bis zum Polizeireglement.
Marcel Mayer (Hrsg): 1918-2018. Vereinigte Stadt – getrennte Gewalten, VGS St.Gallen 2018, Fr. 29.-
vgs-sg.ch
Die Folgen der Fusion für die Stadtentwicklung sind dagegen wenig thematisiert beziehungsweise in den assoziativen Bildteil ausgelagert. Eine Bildstrecke zeigt die Stadtveränderung in Etappen: Bahnhofbau, Rathaus-Neubau, Verschwundenes wie das einstige Ausflugsrestaurant auf dem Freudenberg, die Sprungschanze im Riethüsli, die Radrennbahn im Krontal. Oder die Rondelle auf dem Brühltor für den Verkehrspolizisten, der für Ordnung zwischen Fussgängern, Trams und Velos zu sorgen hatte, wie ein Bild von 1949 zeigt.
Kreuzung Brühltor während der Olma, 1949 (Bild: Stadtarchiv)
Hinzu kommen Stadtereignisse – der kurzzeitige Linienflugbetrieb vom Breitfeld aus, Demos gegen die Luftverschmutzung oder für das Volkshaus, die Pionierzeit des Openairs, Jugendhaus-Eröffnung und Theaterschliessung, die erste Parlamentssitzung mit Gemeinderätinnen 1973, Pic-o-Pello-Theater und Kinderfest, Drogenszene im Stadtpark, Solidaritätshaus, der Brandanschlag auf das Rathaus 1999 und zuletzt: die binäre Bahnhofsuhr.
Die Stadt war vor 100 Jahren eine sehr andere als heute – ohne Frauen in öffentlichen Ämtern, ohne Autos, mit gewaltigen Grünflächen und (aber vielleicht ist das bloss eine nostalgische Täuschung) einer fast dörflichen Beschaulichkeit. Klein-St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.