, 8. April 2020
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Die Ängste. Und die Chance.

«Ich bin, und man kann es nicht anders sagen, überflüssig geworden.» Das schreibt Jeanne Devos zur Lage der Schauspielerin in der Coronakrise. Umgekehrt die Hoffnung: dass das Virus die Machtstrukturen an den Theatern verändern könnte.

Was tun, wenn man nicht arbeitet? In meinem Fall: arbeiten! Wir Schauspieler*innen tun dies, auch wenn wir nicht proben oder auf einer Bühne stehen. Denn unser Beruf ist weit mehr, als nur auswendig gelernte Texte zu stemmen. Wir sind darum bemüht, Zustände und Ängste in und um uns herum zu erspüren und erfahrbar zu machen.

Vielleicht ist gerade dies eine Chance: Wenn die Theater ihre Bühnen wieder öffnen, und wir diese vielen Stücke über Notzustände spielen, finden wir vielleicht endlich die richtigen und wahren Gesten. Ich bin mir sicher, dass diese dann erkannt und verstanden werden. Denn wir teilen in dieser Zeit etwas, das uns alle angeht. Der schönste Moment des Tages ist für mich momentan das Ende der Tagesschau. Wenn die Sprecherin oder der Sprecher sich mit den Worten verabschiedet: «Bliibet Sie gsund!»

Einerseits ist da immer wieder diese mich selbst irritierende leichte Euphorie. Auch durchaus ein kindliches Interesse an der Katastrophe. Dann lächle ich über die Verhaltensweisen gewisser Menschen. Fühle mich erfinderisch und leicht. Hecke Ideen aus.

Andrerseits bleibt diese Krise trotz der krassen Veränderungen im Alltag und der existenzbedrohenden finanziellen Ausfälle auch abstrakt. Denn die Ängste spielen sich im Innern ab. Und dort sind sie stark. Dann bricht alles zusammen. Die Routinen wirken aufgesetzt. Warum soll ich morgens aufstehen? Warum mich waschen? Mich fit halten? Pläne schmieden, wo doch gerade nichts planbar ist? Ich bin, und man kann es nicht anders sagen, überflüssig geworden. Das ist nicht leicht für eine Schauspielerin, wo man doch angetreten ist, um gesehen zu werden und präsent zu sein.

Aber was, wenn wir nicht zurückmüssen zu den altbewährten Rollen? Wenn sich durch diese Krise womöglich sogar die Machtstruktur an den Theatern ändert? Und wir in der Arbeit solidarischer miteinander umgehen werden?

Mir ist klar, dieser Gedanke ist utopisch, aber ich habe ja jetzt genügend Zeit zu träumen.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

Jeanne Devos ist freischaffende Schauspielerin. Sie ist in Appenzell Ausserrhoden aufgewachsen und lebt in Zürich. Unter anderem spielte sie 2016 Hamlet am Theater St.Gallen und schrieb auf saiten.ch das Tagebuch «Dans-Boek» aus Belgien.

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