Kategorie
Autor:innen
Jahr

Een Gesprek 3: «Alles hat nebeneinander Platz»

Velofahren in Belgien will gelernt sein - ebenso wie die familiäre Kommunikation von Sattel zu Sattel. Das dritte Brüsseler Gesprek ihres Aufenthalts als Artist in Residence führt Schauspielerin Jeanne Devos mit ihrer Mutter.
Von  Gastbeitrag

Wissen Sie, was ein Knotenpunkt ist? Bis vor kurzem hätte ich gedacht, es müsste etwas mit Segeln zu tun haben. Oder mit Mathematik. Als ich dann mit meiner Mutter vor ein paar Tagen eine dreitägige Fahrradtour von Brüssel nach Gent unternommen habe, wurde mir bewusst, dass hier die Fietsers (Fahrradfahrer) tatsächlich nach Zahlen fahren. Es gibt in Belgien ein sogenanntes Knotenpunktnetz. An jedem Knotenpunkt steht eine Infotafel, die ihnen die kommenden Knotenpunkte auf ihrer jeweiligen Route anzeigt.

Das klingt sehr logisch und unkompliziert – ist es aber nicht! Ständig stehen andere Zahlen angeschrieben, als man sich in der Karte eingezeichnet hatte. Übereinstimmende Zahlen fühlen sich an wie Geburtstag oder Weihnachten. Die grösste Schwierigkeit aber liegt darin, den richtigen Einstieg in dieses Knotenpunktnetz zu finden. Bis wir den Weg raus aus Brüssel geschafft haben, sind Stunden vergangen und wir von unterschiedlichen Leuten in unterschiedliche Richtung geschickt worden. Eine emotionale Zerreissprobe für Mutter und Tochter! Ich glaube, vor etwa zehn Jahren hätten wir das nicht bewältigt. Ich bin zwar meistens ein freundlicher Mensch, neige jedoch in Stresssituationen leider zu sehr plötzlichen und heftigen Wutausbrüchen.

Trotz Anfangsschwierigkeiten wird diese Reise eine Begegnung auf Augenhöhe. Und das Wetter hält alles für uns bereit, was Belgien zu bieten hat. Selbst der Platzregen am dritten Tag ist von feinster Feinfühligkeit!

Nach Stadtbesichtigung in Gent, und Rückreise mit dem Zug nach Brüssel, führe ich abends een Gesprek mit meiner Mutter. Wir reden über die Schönheit des Reisens und natürlich: Brüssel!

 

Jeanne: Du bist eine viel und weit Gereiste. Was begeistert dich am Reisen?

Mutter: Das Schönste am Reisen ist, Neues zu entdecken und sich damit auseinanderzusetzen. Es macht Spass, fremde Menschen zu treffen, eine kurze Zeit miteinander zu verbringen und dann wieder weiterzuziehen. Ich mag unterwegs die Unverbindlichkeit des Moments.

Jeanne: Hattest du auf deinen Reisen nie Heimweh?

Mutter: Nie! Aber du ja auch nicht! Kamen wir früher aus den Ferien nach Hause, hast du dich immer wochenlang geweigert, deinen Koffer auszupacken.

Jeanne: Seit ein paar Jahren machen du und Papa mehrmonatige Fahrradtouren durch ganz Europa und darüber hinaus. Was reizt euch daran?

Mutter: Wir sind beide gerne draussen und lieben die körperliche Betätigung. Auch schon die Vorbereitung für solche Reisen macht ungeheuer viel Spass. Seit wir nicht mehr arbeiten, haben wir endlich die Zeit, so lange unterwegs und von zuhause weg zu sein. Das empfinde ich als grossen Luxus.

Jeanne: Und funktioniert das gemeinsame Fahrradfahren mit mir auch so gut wie mit Papa?

Mutter: Es funktioniert bestens mit dir! Du hast ein sehr angenehmes Tempo. Auch habe ich mich gefreut, dass du bei dem plötzlichen Regenguss am dritten Tag nicht auf den Zug umsteigen wolltest. Überhaupt hat das ganze Krisenmanagement zwischen uns sehr gut funktioniert.

Jeanne: Weisst du was für mich der schönste Moment auf unserer Tour war? Als du in einer Kirche verschwunden bist, um für dich und Papa eine Kerze anzuzünden. Ich hoffe, dass ihr noch viele gemeinsame Reisen zusammen machen könnt.

Übrigens: Was sind deine Tips und Tricks für Reisende?

Mutter: Wenig und das richtige Gepäck. Flexibel sein. Und immer etwas zu essen und zu trinken dabei zu haben.

Jeanne: Und nun zu Brüssel. Wie empfindest du diese Stadt?

Mutter: Brüssel fühlt sich für mich an wie die ganze Welt. Ich weiss gar nicht mehr, welche Sprache ich sprechen soll. Beim Essen und der Architektur ist es dasselbe. Alles hat nebeneinander Platz. Ausserdem bin ich überrascht, wie sicher ich mich fühle, auch wenn ich alleine unterwegs bin. Ich kannte diese Stadt ja bislang nur aus den Nachrichten. Weisst du eigentlich, warum das EU-Parlament seinen Sitz ausgerechnet in Brüssel hat?

Jeanne: Keine Ahnung. Aber das können wir ja zuhause nachrecherchieren. Hast du das Gefühl, dass ich viel von meinem Stipendium und dieser Stadt profitiere?

Mutter: Absolut! Überhaupt finde die Idee einer solchen Residency super. Sie erweitert deinen Horizont. Auch das Tanzen tut dir gut. Natürlich körperlich – du bist jemand, der seine Grenzen spüren muss. Die Herangehensweise von Tänzerinnen ist bestimmt ganz anders, als du es vom Schauspiel kennst. Das verändert auch was im Kopf.

Jeanne: Und nun die Frage des Abends: Brüssel oder Gent?

Mutter: Gent!

Jeanne: Mit dieser Antwort provozierst du gerade die erste Krise unseres Zusammenseins hier!

Nächste Woche folgt Een Gesprek mit Tijen Lawton – langjährige Tänzerin der Needcompany in Brüssel.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01