Kategorie
Autor:innen
Jahr

Dans-Boek 7: Realitätsversüssung

Schauspielerin Jeanne Devos ist seit Anfang Mai als Artist in Residence in Brüssel. Mit anderen Worten: Es geht, in ihrem Wochen-Tagebuch für Saiten, um die verflixte Woche sieben.
Von  Gastbeitrag

IMG_0135Ich komme morgens meistens eine halbe Stunde vor Beginn des Trainings ins Tanzstudio. Und oft bin ich dann nicht die erste. Tänzer sind nämlich pünktlich  – zumindest wenn es ums Tanzen geht. Wir putzen gemeinsam die Bühne, reden ein wenig über dies und das und wärmen uns auf. Die Einfachheit dieses Tagesabschnitts schätze ich sehr.

Für eine andere Sache habe ich allerdings nach wie vor keine Lösung: nämlich was das eigene Putzen angeht. Soll ich mich vor oder nach dem Tanzen, oder sogar zweimal pro Tag waschen? Dies scheint eine lächerliche Angelegenheit zu sein, beschäftigt mich aber jeden Tag aufs Neue.

Raus aus den Mustern

Denn diese Woche wird wieder richtig getanzt. Aber was bedeutet tanzen? Und was ist schon richtig? Ich mache gerade einen Workshop, der sich mit sehr kleinen, feinen Bewegungen beschäftigt, welche das Hirn und Nervensystem ankurbeln sollen. Das Training ist nicht unbedingt schweisstreibend, was sich positiv auf mein Waschproblem auswirkt. Dagegen wird meine Geduld und Konzentrationsfähigkeit bis aufs Äusserste beansprucht. Feldenkrais kenne ich noch von der Schauspielschule, und ich war vermutlich die einzige in der Klasse, die daran Freude hatte. Wenn meine Kollegen montags um 9 Uhr überhaupt zum Unterricht kamen, schliefen sie entweder ein oder kriegten schlechte Laune.

Zum Verständnis: Feldenkrais versucht Systeme zu kreieren, in denen man neue Möglichkeiten von Bewegungen ausprobieren kann. Oder einfacher gesagt: Versuche den simpelsten Weg einer Bewegung zu wählen, ohne dabei einem Automatismus zu verfallen! Das klingt einfach – ist es aber nicht! Für Babys und Kinder scheint dieses organische Lernen kein Problem zu sein. Erwachsene jedoch tun sich schwer damit, aus ihren gewohnten und meist auch ungesunden Bewegungsmuster wieder auszubrechen.

Und so fühle ich mich nach dieser Woche ziemlich müde und abgekämpft. Überdies beschäftigt mich seit ein paar Tagen der Gedanke, dass meine Freiheit hier in Brüssel bald ein Ende haben wird. In knapp zwei Wochen muss ich wieder zurück in die Schweiz. Zurück ins alltägliche Theater-Karussell. Dass ich bereits wieder Text lernen, mich um bevorstehende Termine und mögliche Arbeitsbeziehungen kümmern sollte, macht mich mürrisch und eng.

Ab an den Stadtrand

Einziges Mittel gegen die aufkommende Schwermut: Ich kaufe bei meinem Lieblings-Chocolatier Frederic Blondeel eine Packung Pralinen, setzte mich damit in die Metro und fahre an den Stadtrand von Brüssel. Dort lebt Isabelle mit ihrem Freund und seinen drei Kindern in einem süssen Häuschen mit Garten. Isabelle ist auch Schweizerin, auch Schauspielerin, und wegen der Liebe hierher gezogen. Es gibt Spargel, Bier und ein offenes Feuer, um welches wir noch bis in die späten Abendstunden sitzen. Etwa um Mitternacht breche ich auf.

Nachts alleine auf die Metro zu warten fühlt sich irgendwie beklemmend an. Überhaupt ist die Metro der einzige Ort in Brüssel wo ich mich zuweilen unwohl fühle. Natürlich hat das mit den Anschlägen vor ein paar Monaten zu tun. Die Fernsehbilder davon sind in meinem Kopf verankert. Deshalb verstehe ich auch die Sorgen meiner Angehörigen, als ich mich im April entschieden hatte, für zwei Monate nach Brüssel zu ziehen. Denn sie haben Brüssel nicht mit ihren eigenen Augen erfahren. Oder wohl mit eigenen Augen, doch nicht an Ort und Stelle. Wir alle sind Fernseher, Fernhörer und Fernwisser.

Apropos: Sich an einem verregneten Sonntagnachmittag in einem alten Kino in den «Galeries Royaeles Saint-Hubert» den neuesten Woody Allen-Film anzuschauen, ist eine andere, wunderbare Möglichkeit, der Realität für 90 Minuten zu entschwinden.

jeanne1 Kopie

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, wird sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Sie berichtet auf saiten.ch bis zum Sommer im Tagebuch «Dans-Boek» aus Brüssel.

 

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2