Als ich Hana Kolic vor ein paar Wochen das erste Mal getroffen habe, sah sie anders aus. Sie trug Trainingsklamotten, und wir schwitzten uns wie alle anderen durch den Workshop. Ich hielt sie für eine Tänzerin. Erst nach ein paar Tagen erfuhr ich, dass Hana für die Europäische Kommission im Departement für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz arbeitet. Hier sind wir heute zum Gesprek verabredet. Wir hatten ausgemacht, dass ich mich beim Empfang melde und sie mich dann dort abholt. Naiv wie ich bin, habe ich allerdings meinen Ausweis zuhause gelassen, und nun verweigert mir der Wachmann den Zutritt.
Es braucht einige Überzeugungsarbeit, bevor ich schliesslich das Gebäude betreten und mir Hana die Räumlichkeiten des Departements und ihr Büro zeigen darf.
Ich muss zugeben, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was ihr hier genau macht. Kannst du mir das erklären?
Hana Kolic: Wie der Name des Departements schon sagt, beschäftigen wir uns hier mit den internationalen Katastrophenherden, und wie wir den betroffenen Staaten helfen können. Nehmen wir zum Beispiel die Waldbrände in Südeuropa in diesem Sommer: Wir wurden um Hilfe gebeten und hatten dann zu entscheiden, ob und wie wir diese Regionen unterstützen können. In einem solchen Fall fordern wir die Mitgliedsstaaten zum Einsatz auf und koordinieren dann das Ganze. Nur ausserhalb Europas können wir auch mit finanziellen Mitteln agieren.
Und was ist deine Funktion hier?
Hana: Ich bin für die Reduzierung des Katastrophenrisikos zuständig.
Das heisst, du betreibst Präventivmedizin?
Hana: Genau. Ich schaue mir die Problemzonen der verschiedenen Länder an und überlege, wie man beispielsweise in den betroffenen Regionen Waldbrände verhindern oder mindern kann.
Wie sieht ein normaler Arbeitstag von dir aus?
Hana: Der grösste Teil meiner Arbeit ist Kommunikation. Ich habe sehr viele E-Mails zu beantworten und muss täglich an Meetings teilnehmen. Wenn ich Zeit habe, entwickle ich neue Ideen und Konzepte. Etwa einmal im Monat muss ich zu einer Konferenz nach Genf. Wir arbeiten auch eng mit dem Roten Kreuz zusammen.
War es dein Wunsch, irgendwann für die Europäische Kommission zu arbeiten, oder ist es eher ein Zufall, dass du hier gelandet bist?
Hana: Ich habe zuerst Wirtschaft in meinem Heimatland Kroatien studiert. Dann habe ich einen Master in International Development and Management in Schweden gemacht. Für meine Masterarbeit war ich zehn Monate in Jordanien und habe dort untersucht, welchen Einfluss das Wasserproblem auf die Rechte der Frauen hat. Nach meinem Studium wollte ich unbedingt an internationalen Entwicklungs-Projekten weiterarbeiten. Da aber damals Kroatien noch nicht Teil der EU war, war es fast unmöglich, in diesem Bereich einen Job zu finden. Ich musste also bis zum Beitritt 2013 warten. Seitdem arbeite ich hier und bin bislang die einzige Kroatin im Departement.
Weisst du eigentlich, dass euch die Belgier «Les Immigrés de luxe» nennen und es gemeinhin heisst, ihr würdet nur unter euch bleiben?
Hana: Es stimmt, dass ich im Eurokraten-Viertel wohne. Dies hat einen ganz praktischen Grund: ich möchte keinen langen Arbeitsweg. Auch habe ich viele Freunde, die bei NGOs sind oder in irgendeiner Form für die EU-Institution arbeiten. Das ist aber in jedem Bereich so. Ich und meine Freunde nehmen durchaus am Leben der Stadt teil.
Deine Art aus dem Alltag auszubrechen ist das Tanzen, richtig?
Hana: Ja. Hier habe ich tagtäglich mit negativen Informationen umzugehen. Auch wird zu jeder Zeit eine Antwort von mir gefordert. Da erleichtert es mich manchmal sehr, nicht mit Leuten von der Arbeit zusammen zu sein. Das Tanzen ist meine persönliche Friedenszone.
Verbringst du deine Lebens- und Freizeit lieber mit Tänzern oder mit Leuten von der Arbeit?
Hana: Das Tanzen fördert meine Kreativität und mein innovatives Denken. Das hilft mir auch bei der Arbeit. Allerdings bin ich immer wieder erstaunt, wie viel Konkurrenzkampf die Tanzindustrie hervorbringt. Das spüre ich oft auch bei den Trainings. Ich bewundere Künstler für ihre Spontanität und die Unabdingbarkeit, mit welcher sie ihren Beruf ausüben. Hier haben die meisten Leute ihre Karriere und ihr Leben durchgeplant. Trotzdem arbeiten auch viele Menschen für die Kommission, die wirklich die Welt verbessern wollen.
Du glaubst also nach wie vor an das Projekt EU?
Hana: Es ist klar, dass sich mit dem Auszug der Briten und dem enormen Rechtsrutsch hier in Europa einiges verändert hat. Diesen Veränderungen muss sich die EU in irgendeiner Form anpassen. Auch gibt es viele Agitationen von verschiedensten Seiten gegen die EU und die EU-Kommission in Brüssel. Die Menschen haben vergessen, wofür die Europäische Union steht und woran wir hier arbeiten. Aber wusstest du zum Beispiel, dass die EU auch regelmässig kulturelle Institutionen oder gar Festivals wie das Kunstenfestivaldesarts unterstützt? Wie auch immer. Für mich ist die EU in erster Linie eine moralische Institution, und daran glaube ich absolut. Ich finde es notwendig, an dem Gedanken «Frieden» festzuhalten.
Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Jetzt berichtet sie in wöchentlichen Gesprächen von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
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Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
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Neue Eigenproduktion
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