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Een Gesprek 8: Aus der Theaterhauptstadt

Wo die Theater aufregender und die Sparten durchlässiger sind als bei uns: Von London handelt das letzte «Gesprek», das die Schauspielerin Jeanne Devos als Artist-in-Residence von Appenzell Ausserrhoden in Brüssel für ihre Saitenkolumne geführt hat.
Von  Gastbeitrag

Ich bin mal wieder 15 Minuten zu früh. Diese Angewohnheit habe ich mir anscheinend von den Belgiern nicht nehmen lassen. Gott sei Dank ist Mélanie auch Schweizerin, und war schon vor mir da. Das Café Orphée ist eine wunderschöne Brasserie, welche sich jedoch nicht in Brüssel befindet, sondern in Regensburg an der Donau. Hier fand gestern die Premiere von Maria Stuart statt. Mélanie Huber hat dieses Stück inszeniert und ist durch einen kurzfristigen Ausfall im Ensemble gleich selber auf die Bretter gesprungen. Das war sehr aufregend. Wie im Übrigen die ganze Inszenierung.

Szene aus der Regensburger «Maria Stuart». (Bild: Jochen Quast)

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich mich mit ihr für dieses Gesprek verabredet habe. Vielleicht ein bisschen – aber eigentlich nein. Ich möchte mit Mélanie über ihren Artist-in-Residence-Aufenthalt in London sprechen. Dort war sie bis vor ein paar Monaten als Stipendiatin der Landis & Gyr Stiftung. Für mich ging vorgestern das Artist-in-Residence-Kapitel Brüssel, finanziert durch Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden, zu Ende. Und so sitze ich nun mit Mélanie im Orphée und führe seit langem wieder einmal ein Gesprek auf Schweizerdeutsch. Viel Zeit haben wir nicht, Mélanie muss in einer Stunde bereits wieder zu Umbesetzungsproben ins Theater.

 

Jeanne: Guten Morgen! Wie geht es dir?

Mélanie: Etwas erschöpft von der Premiere. Und dir?

Jeanne: Ich habe einen kleinen Kulturschock. Bin ja quasi direkt aus Brüssel angereist.

Mélanie: Stimmt. Über deine Tanzerfahrungen musst du mir bei Gelegenheit unbedingt mehr erzählen.

Jeanne: Das mache ich gerne. Aber nun zu dir. Du warst ein halbes Jahr als Artist-in-Residence in London. Was hast du dort gemacht?

Mélanie: Um genau zu sein, war ich sechs Monate da und habe dann nochmals um zwei Monate verlängern können. Erst einmal ging es natürlich darum, diese unglaubliche Millionen-Stadt aufzusaugen. Es hat etwas gedauert, bis ich mich zurecht gefunden habe. Aber die Leute waren sehr offen und redselig. Von Anfang an hat ein sehr guter Austausch stattgefunden. Auch habe ich natürlich intensiv englisch gelernt. Dann habe ich eine Kolumne für den SRF über Brexit & Kulturschaffende gemacht, an einem Kurs bei der Royal Shakespeare Company teilgenommen und insgesamt etwa 60 Theaterproduktionen – von der Crazy-Christmas-Show bis zur avantgardistischen Tanztheater-Produktion – gesehen.

Mélanie Huber.

Jeanne: Was war dein Eindruck von der britischen Theaterlandschaft?

Mélanie: Die Briten haben eine grosse Freude an Sprache. Das wird den Kindern quasi mit der Muttermilch eingeflösst. Schon im Kindergarten spielen sie vereinfachten Shakespeare. Theater ist ein grosser Teil der englischen Kultur. Zudem setzen die Theater-Ausbildungsstätten auf Handwerk. Das Niveau in Sprache, Körper und Musik ist oft sehr hoch. Auch empfinde ich die Arbeiten als sehr mutig und direkt. Es gibt kaum Zynismus oder die Tendenz, sich zu distanzieren. Und sie feiern das Theater als Event. Da es keine Subventionen gibt, sind Theaterkarten sehr teuer. Doch die Leute leisten sich diese und bringen für die Pausen einfach ihr Essen von Zuhause mit.

Jeanne: Hat sich durch deine Zeit in London etwas in deiner Art zu inszenieren verändert?

Mélanie: Ich glaube, ich habe einfach mehr Mut, Sachen auszuprobieren. Und ich habe noch mehr Lust bekommen, die Disziplinen zu mischen.

Jeanne: Was man ja sowohl in England als auch in Belgien viel mehr macht als bei uns. Ich habe Brüssel vor allem zu Fuss erkundet. Ist so etwas in einer Stadt wie London überhaupt möglich?

Mélanie: Oh ja. Ich habe in meiner Londoner-Zeit drei Paar Turnschuhe durchgelaufen und war abends immer total erschöpft. Einmal hatte ich ein Bewerbungsgespräch auf der anderen Seite der Stadt. Es wurde ein U-Bahn-Streik angekündigt. Also habe ich auf Google-Map nachgeschaut, wie lange ich zu Fuss brauche, das waren 3,5 Stunden, habe meine Turnschuhe montiert und bin losgestapft. Es hat eine regelrechte Völkerwanderung stattgefunden. Ganz London war zu Fuss oder per Fahrrad unterwegs. Irgendwann ging gar nichts mehr. Ein riesiger Stau. Zum Glück kam der andere auch zu spät, und so haben wir das Bewerbungsgespräch auf einen Tag später verschoben. Ich bin dann ins Museum gegangen und war plötzlich alleine dort. Ein phantastischer Moment.

Jeanne: Würdest du gerne irgendwann nach London zurückgehen oder vielleicht sogar dort leben?

Mélanie: Es hat mich wirklich verblüfft, wie warmherzig London ist. Durch die Grösse der Stadt muss man aufeinander Rücksicht nehmen, und das machen die Leute auch. Ausserdem gibt es in den einzelnen Vierteln total dörfliche Strukturen. Auch in der Theaterbranche, welche ja bei uns total verschlossen ist, gibt es ein hohes Grundinteresse. Aber London ist auch ein hartes Pflaster. Um wirklich gut dort leben zu können, braucht man Geld. Es gibt zum Beispiel kein funktionierendes Gesundheitssystem. Ich mag den hohen Drive der Stadt, aber wenn man einmal durchs Netz fällt, wird es schwierig.

Jeanne: Kannst du noch kurz was zum Artist-in-Residence Stipendium an sich sagen? Was bringt so etwas?

Mélanie: Ich habe es als totalen Luxus empfunden, eine Zeit lang nicht selber produzieren zu müssen, sondern einfach nur aufsaugen zu können. Das ist natürlich einfacher, wenn man weiss, dass im Anschluss gleich wieder Projekte folgen. Aber dieses «sich selber ins kalte Wasser schmeissen» setzt unglaubliche Energien frei. Vielleicht sollte man die eigene Stadt auch mehr mit diesen neugierigen Augen betrachten.

Jeanne Devos, in Heiden aufgewachsen, hat Schauspiel in Bern und Zürich studiert, war 2010-2013 am Deutschen Nationaltheater Weimar engagiert und ist seither als freischaffende Schauspielerin tätig. In «Hamlet», der Eröffnungspremiere der Spielzeit 2016/17, war sie als Gast am Theater St.Gallen zu sehen sein. Ihr erstes «Dans-Boek» aus Brüssel, wo sie mit einem Artist-in-Residence-Stipendium von Kanton und Kulturstiftung von Appenzell Ausserrhoden Tanz studierte, erschien seit Anfang Mai 2016 auf saiten.ch. Seit acht Wochen hat sie nun in Gesprächsform von ihrem zweiten Brüssel-Aufenthalt berichtet.

Mehr zu Jeanne Devos hier.

 

 

 

 

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