Wände, Decke, Fussboden, Leitungen, jeder Millimeter ist bemalt mit Graffiti, handgeschriebenen Botschaften, Namen von Jugendlichen. Kleber auf dem Boden fragen: «Zu welchen Communities gehörst du?» Der Raum im Keller ist nicht gerade das, was man sich unter einem «Museum» vorstellt – aber er ist einer der vielen eindrücklichen Zeugen der Geschichte des Pestalozzidorfs in Trogen.
«Das Dorf ist selber auch ein Denkmal, beziehungsweise ein Denk-mal», sagt Marcel Henry, der bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi für Ausstellung und Sammlung zuständig ist.
Marcel Henry im «Graffitiraum». (Bilder: Ueli Steingruber)
Die Häuser, vor 75 Jahren unmittelbar nach Kriegsende gebaut und bis heute praktisch unverändert, verkörpern die Idee eines «Weltdorfs der Kinder», die der Publizist und Philosoph Walter Robert Corti hier verwirklicht hat: Französische, italienische, finnische, deutsche Kinder sollten hier einen sicheren Ort finden und trotz verfeindeter Nationen friedlich zusammenleben.
Später, ab 1960, kamen Kinder aus Tibet hinzu, dann aus Korea, aus afrikanischen Ländern. Seit 1981 engagiert sich das Kinderdorf mehr und mehr für Entwicklungszusammenarbeit vor Ort – mehr als die Hälfte der Gelder der Stiftung fliessen heute nach Südostasien, Ostafrika, Zentralamerika und Südosteuropa. In Trogen selber steht seit 1996 die interkulturelle Bildung im Zentrum. Die einstigen Nationenhäuser bewohnen heute wochenweise Kinder aus ganz Europa. Unten im graffitigeschmückten Keller haben sich vor allem Jugendliche aus osteuropäischen Ländern ihr Denkmal geschaffen. Sie kamen und kommen zu Sommercamps und Begegnungswochen ins Pestalozzidorf, zusammen mit Schweizer Kindern.
Das Bild der Waisenkinder bleibt
In vielen Köpfen sei das Kinderdorf aber weiterhin untrennbar mit dem Schicksal der Kriegswaisen verbunden, sagt Henry. Die neue Ausstellung, die Ende April eröffnet wurde, baut zum einen darauf auf: Sie ist in einem der Kinderhäuser am Dorfeingang eingerichtet und führt durch Essraum, Schlafräume, das einstige Schulzimmer und die Keller- und Waschräume, erbaut in jener schlichten Holzbauweise, wie sie Architekt Hans Fischli für das ganze Dorf entwickelt hatte.
16 Kinder wohnten hier pro Haus mit ihren Hauseltern, hatten Schule in ihrer eigenen Sprache, damit sie später in ihre Heimat zurückkehren könnten – «was ehrlicherweise nicht immer gut funktioniert hat». Ein Teil der Waisen blieb hier und dem Kinderdorf ein Leben lang verbunden, wie Videogespräche mit einstigen Dorfkindern bezeugen. Und viele erinnern sich an den legendären Esel Coco, der in den Anfangsjahren die Kinder im Dorf begleitete – und jetzt auch die Museumsbesucher:innen am Eingang empfängt.
Die Dauerausstellung im Pestalozzidorf Trogen ist Di – Fr 13.30 – 17 Uhr und So 10.30 – 16.30 geöffnet.
pestalozzi.ch
Zum andern aber ist in den alten Räumen die Gegenwart allgegenwärtig: Im engen Flur sind Schränke mit nationalen «Stereotypen» gefüllt, ein Kinderrechts-Stempel gehört zu jedem Zimmer, mit dem Pestalozzi-Pen, einem sprechenden Stift, kann man Informationen und Geschichten abrufen. In einem der Schlafzimmer wird am Beispiel von Honduras gezeigt, was Migration heute heisst: Tausende Minderjährige verlassen das Land jährlich aus Not, die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi hilft bei Projekten der Re-Integration im Land mit.
Nebenan ist das European Youth Forum vorgestellt: Jährlich treffen sich in Trogen Jugendliche aus zehn Nationen, diskutieren über Identität, Diskriminierung oder Demokratie und leben miteinander. Sarah, eine Schweizer Teilnehmerin, sagt im Video: «Am meisten fasziniert hat mich, wie verschieden wir waren und trotzdem: wie gleich.»
Auch die jährliche Kinderkonferenz findet in Trogen statt. Passend dazu ist im ehemaligen Schulzimmer ein Kinderrechtslabor eingerichtet – wer es erfolgreich absolviert hat, kann das Haus auf einer riesigen Rutsche verlassen. Und den Rundgang zum Beispiel in der ehemaligen Trafostation fortsetzen: Dort sind Kinderzeichnungen aus dem Archiv der Stiftung vergrössert an den rohen Wänden platziert.
Empathie üben
«Räume entdeckbar machen» nennt Henry die Grundidee: Aus Häusern mit Geschichte wird ein «lebendes Museum». Es hat weitere Ableger im Medienhaus, von wo auch das Kinderdorfradio power up sendet, im Andachtshaus von Ernst Gisel (1967) und im Schulhaus von Max Graf (1959/60). Beides sind ihrerseits architektonische «Ikonen», in die die Gegenwart einbricht: Im Schulhaus etwa sind Klimakrise und Nachhaltigkeit das Thema, ein Video zeigt, wie aus einer Bagatellsituation Gewalt eskalieren kann, und die jugendlichen Besucher:innen werden zu einem «Empathievertrag» ermutigt. Geplant ist zudem ein «Peace Lab».
In Trogen wie auch im Dunant-Museum Heiden entsteht das Bild eines Kantons, in dem Weltoffenheit und humanitäres Engagement gelebt worden sind – und wo Leute am Werk sind, die auf diesem Erbe nicht ausruhen wollen.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.