Was wäre anders, wenn die Kinder das Sagen hätten? Gar nicht so einfach, darauf eine Antwort zu geben, finden Even und Faniel Michael. Even, der Jüngere der beiden Brüder, hat nach kurzem Nachdenken dann aber die zündende Idee: ein Spielort in der Innenstadt, wo Kinder sich treffen und austoben können, während die Eltern Einkäufe machen. Praktisch für die Erwachsenen, weil sie dann nicht ständig achtgeben müssten, was die Kids im Laden treiben – und perfekt für die Kinder, weil «Lädele» auf die Länge ja doch nur mässig spannend sei.
Falls die Taskforce zur Innenstadt-Belebung und zum Kampf gegen das Ladensterben hier mitliest: Evens Idee könnte man vermutlich mit wenig Aufwand verwirklichen. Faniels spontaner Vorschlag hat dagegen etwas grössere Dimensionen: ein Fussballstadion auf der Kreuzbleiche!
Wir haben uns mit den beiden eritreischen Buben, zehn und 14 Jahre alt, an einem Ort getroffen, der für Kinder keine Wünsche offen lässt: auf der Brache Lachen. Kathrin Rieser und Peter Olibet betreuen dort einen Ableger des Kinderlokals tiRumpel, ein Projekt der offenen Arbeit mit Kindern im Quartier.
Die Brache ist ein Gemeinschaftswerk von tiRumpel mit dem Gartenprojekt des HEKS, der Gartenkind-Initiative von Bioterra und dem dezentralen Wohnen der Valida. Sie wird seit drei Jahren den Sommer über als eine Art Robinson-Spielplatz, als Gemüsegarten und Ort für vielfältiges kreatives Tun betrieben (mehr dazu auf saiten.ch und brachelachen.ch). Jetzt, in der ersten Herbstferienwoche, war jeden Nachmittag Hochbetrieb, ein «Kindermuseum» entstand, Ideenlieferanten nebst den Angeboten durch das Betreuerteam: natürlich die Kinder selber.
«Kinder können sehr viel Verantwortung übernehmen»
Offene Arbeit mit Kindern, sagt Kathrin Rieser, ist zum einen praktische Quartierbelebung, ein niederschwelliges betreutes Freizeitangebot für Kinder. Zum andern hat sie auf politischer Ebene das Ziel, die Lebensqualität für Kinder in der Stadt zu verbessern. «Entscheidend ist dabei, dass die Kinder selber gefragt werden und sich einbringen können». Dazu gehöre erstmal, dass man den Kindern überhaupt zutraut, ihre eigene Stimme zu erheben und eigene Meinungen zu haben. Und dass die Erwachsenen bereit seien, Verantwortung auch mal abzugeben.
Das heisse auf der Brache Lachen, dass Kinder ihre Ideen mitbringen, sie gemeinsam realisieren und aufkommende Konflikte möglichst selber lösen. Als Betreuerin greife sie dann ein, wenn sich ein Kind nicht selber wehren kann oder wenn respektlos miteinander umgegangen wird. «Kinder können sehr viel Verantwortung übernehmen», ist Kathrin Rieser überzeugt. Der jährlich zum Tag der Kinderrechte stattfindende Kinder-Kiosk des tiRumpel vor der Migros Lachen sei ein gutes Beispiel dafür: «Die Kinder sind mit riesiger Begeisterung dabei und so gut organisiert, dass Erwachsene etwas davon lernen könnten.»
Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Ernstgenommenwerden: Das ist im «Kleinen» nicht nur hier auf der Brache Lachen, sondern auch in vielen Schulzimmern und an anderen kinderfreundlichen Orten eine Selbstverständlichkeit. Nicht aber im «Grossen»: Sobald es um politische Prozesse geht, haben Kinder nichts zu sagen und es entscheiden die Erwachsenen. Selbst bei einem Neubau oder Umbau eines Schulhauses jurieren Planerinnen, Architekten, Lehrerinnen, Ingenieure unter Ausschluss der eigentlichen Experten, der Kinder.
Kathrin Rieser findet das stossend. Kinder hätten oft andere, manchmal auch die besseren Ideen als Erwachsene. Sie müssten daher mit einbezogen sein zumindest bei Themen, die sie direkt betreffen – und das wären viele, wenn man die Stadt als Lebensraum für alle gestalten will: Verkehr, Gebäude, Schulwegsicherheit, Freiräume, Lärmtoleranz…
Stadt St.Gallen: Noch weit entfernt von kinderfreundlich
Die Stadt St.Gallen ist bisher nicht durch besondere Kinderfreundlichkeit aufgefallen. Anders als etwa Rapperswil, wo es ein Kinderparlament gibt, oder Orte, die das Label «Kinderfreundliche Gemeinde» der Unicef tragen – in der Ostschweiz sind Arbon, Flawil, Frauenfeld, Rapperswil-Jona, Ruggell FL, Teufen, Uznach und Wil bereits ausgezeichnet oder rezertifiziert.
In seiner «Vision 2030» strebt aber auch der St.Galler Stadtrat das Ziel einer kinderfreundlichen Stadt an. Ebenso legen die Legislaturziele 2017–2020 einen Schwerpunkt auf Kinderfreundlichkeit. Wichtiges Element einer «kinderfreundlichen Stadt» ist die Teilhabe: Kinder sollen das Recht haben, sich zu informieren, sich frei zu entscheiden und bei Themen, die sie betreffen, mitzubestimmen.
Jetzt gehe es um die Konkretisierung, sagt Kathrin Rieser: «Die städtischen Dienststellen Kinder, Jugend, Familie und Gesellschaftsfragen haben ein Gesamtprojekt lanciert, welches umfassend die Thematik Kinderinformation/Kinderpartizipation angeht.» In einem ersten Schritt soll eine Vorstudie klären, ob und inwiefern die Kinder in der Stadt St.Gallen informiert werden und welche Möglichkeiten der Beteiligung sie haben. Aufgrund dieser Ergebnisse soll in einem zweiten Schritt ein Konzept einer zukünftigen Kinderinformation/Kinderpartizipation für die Stadt entstehen und dieses den politischen Gremien unterbreitet werden.
Zwar können Kinder bereits bisher ihre Anliegen bei den Behörden vorbringen – dies allerdings kaum ohne Hilfe Erwachsener. Immerhin sei auf diesem Weg bereits einiges erreicht worden: Vor dem Kindertreff Tschudiwies wurde eine Begegnungszone eingerichtet, beim «Schwarzen Platz» neben dem Athletikzentrum konnte ein «Ballfang» installiert werden, damit die Bälle nicht mehr auf die Steinachstrasse rollen, und beim Fussgängerstreifen Singenberg wurde auf Anregung der Kinder die Grünphase probeweise verlängert. (Infos zum Partizipationsartikel gibt es hier.)
Faniel hätte auch in Sachen Stadtentwicklung gute Ideen: eine Spielstrasse, auf der Wettrennen veranstaltet werden können. Stadtfeste, bei denen Kinder genauso erwünscht sind wie Erwachsene. Veranstaltungen zu günstigen Preisen, damit auch weniger reiche Familien dabei sein können. Vielleicht sogar eine gerechtere Verteilung des Geldes… Das Thema der Gerechtigkeit taucht immer wieder auf im Gespräch mit den beiden eritreischen Buben.
Im tiRumpel gibt es einen «Kinder-Schalter», in dem Anregungen und Wünsche eingebracht werden können. Oft seien es materielle Wünsche, welche Kinder als erstes anmeldeten, hat Kathrin Rieser festgestellt. Das sei einerseits verständlich, andrerseits wohl eine Folge der Tatsache, dass im gesellschaftlichen Alltag Kinder bei grundsätzlicheren Fragen gar nicht einbezogen werden und damit auch noch wenig Routine in Sachen politischer Partizipation haben.
Im November: Eine Konferenz und ein Flashmob
Ein Übungsfeld dafür ist die jährliche Kinderkonferenz im Pestalozzidorf Trogen. Sie fand dieses Jahr vom 15. bis 18. November statt und stand unter dem Motto «Mach dich stark für deine Meinung!». 50 Kinder zwischen 10 und 13 Jahren aus verschiedenen Ländern beschäftigten sich dort mit den Kinderrechten und mit politischen Zukunftswünschen. Faniel Michael war vor zwei Jahren dabei, sein jüngerer Bruder Even hatte sich dieses Jahr an die Konferenz angemeldet – was ihn da genau erwartet, wusste er im voraus zwar noch nicht, aber mit anderen Kindern zu diskutieren, sei auf jeden Fall spannend. Infos zum Ergebnis hier.
Und am 20. November ist der Internationale Tag der Kinderrechte. Dann werden sich die Kinder in der Innenstadt bemerkbar machen, unter anderem mit einem Flashmob am Bärenplatz. Was die Erwachsenen dort zu sehen und zu hören bekommen, wird noch nicht verraten. Artikel 16 der Kinderrechts-Konvention sagt nämlich ausdrücklich: Kinder haben das Recht auf Geheimnisse… Sicher ist nur: An Ideen wird es ihnen nicht fehlen.
Die Kinderrechts-Konvention:
Die Konvention über die Rechte des Kindes, die ausser von den USA und Somalia von allen Staaten der Erde ratifiziert worden ist, legt in 54 Artikeln die Rechte und Schutzansprüche von Kindern fest. Die Konvention hat, wie die Uno-Kinderorganisation Unicef selber einschätzt, seit der Deklaration im Jahr 1989 einerseits markante Fortschritte namentlich in Afrika und Asien bewirkt – unter anderem sank die Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren von 12,5 Millionen auf 5,6 Millionen pro Jahr (1990–2016), und die Schulbildungsrate stieg auf 91 Prozent, bei Mädchen wie Buben. Andrerseits leiden weiterhin Millionen von Kindern unter Gewalt, Vernachlässigung oder Diskriminierung; über 150 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren verrichten Kinderarbeit, schätzungsweise 200 Millionen Mädchen und Frauen sind beschnitten und rund 50 Millionen Kinder sind durch humanitäre Krisen gefährdet.
Kritische Anmerkungen zur Kinderrechts-Situation in der Schweiz finden sich im 2014 veröffentlichten Bericht des Netzwerks Kinderrechte Schweiz. Insbesondere bemängelt der Bericht, dass das übergeordnete Wohl des Kindes, einer der zentralen Grundsätze der Kinderkonvention, von den Behörden zu wenig berücksichtigt und in der Gesetzgebung vernachlässigt werde.
unicef.ch/de/so-helfen-wir/kinderrechte netzwerk-kinderrechte.ch
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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