Ende der 90er-Jahre begegneten sich Stefan Haupt, der Regisseur des Films, und sein späterer Protagonist, der griechisch-schweizerische Physiker, Lehrer, Dichter, Übersetzer und Entwicklungshelfer Argyris Sfountouris das erste Mal. Von Beginn an war Haupt von Sfountouris begeistert; von dessen Persönlichkeit, seiner Lebensgeschichte und Zeitzeugenschaft.
Dermassen intensiv und nachhaltig war der Eindruck, dass Haupt mit dem Gedanken spielte, einen Dokumentarfilm über Sfountouris zu drehen. Erst zehn Jahre später sollte dieser Film realisiert werden.
Den Ausschlag gab eine existentielle Notlage: Haupt reiste mit seiner Familie Anfang der 2000er-Jahre nach Kreta. Sie gerieten in ein Unwetter. Ihr Boot drohte zu kentern. Mit einem Mal erlebte Haupt Todesangst. Dieses Ereignis, so sagt er später, habe den Ausschlag gegeben, den Film zu drehen – ein einfühlsames Porträt über einen, der überlebt hat.
«Eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges»
Der Film beginnt mit einem langsamen Schiff, von links ko mend, dann eine Möwe von rechts, ihr segelnder Flug über den Bildschirm, begleitet von einer friedvollen, an eine Spieluhr erinnernde Melodie. Schnitt. Die Melodie setzt sich fort – ein Teppich aus Klang.
Doch plötzlich sind da Jagdbomber im Bild. Schnitt. Eine Grossstadt. Schnitt. Erneut ein Bomber, unverkennbar ein deutsches Fabrikat. Schnitt. Ein zerbombtes Schiff. Schnitt. Deutsche Wehrmachtssoldaten in Mannschaftswagen. Schnitt. Ein Foto eines kleinen Jungen – weite offene Augen, der Mund nur ein Strich.
Dann setzt eine ruhige Erzählerstimme (Hanspeter Müller- Drossaart) ein: «Dies ist die Geschichte von Agryris, Agryris Sfountouris. Ein einziger Tag hat sein ganzes Leben verändert. Niemand weiss, wie es sonst gekommen wäre.»
Das Schwarz-Weiss-Foto mit dem kleinen Jungen spricht Bände: Die dunklen Augen lassen Angst erkennen. Ein Blick, der immerzu Fragen stellt. Was soll nur werden?, meint man aus ihm zu lesen. Aufgenommen wurde das Foto im Sommer 1944, wenige Tage nach dem 10. Juni, dem Tag des Massakers in Distomo, bei dem 218 Dorfbewohner von der SS kaltblütig massakriert wurden. Darunter die Eltern und 30 weitere Familienangehörige von Argyris Sfountouris.
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe nannte das Massaker 2003 eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges. Dass er überlebt hat, diesem Massaker entkommen konnte, hat er, laut eigener Aussage, dem Umstand zu verdanken, dass einer der SS-Leute ihm bedeutete, wegzulaufen.
Das hat er dann auch getan. Ein Dreijähriger auf der Flucht. Man stelle sich vor: Von einem Moment auf den anderen werden ganze Biografien gekappt und Familien auseinandergerissen; ein existentieller Bruch sondergleichen.
«Ich habe 1944 meine Eltern verloren und bin an der Hand meiner Schwester aus dem brennenden Haus geflohen», sagt er im Film einmal. Man könnte meinen, dass nach diesen Gräueltaten alles verloren ist. Jedwede Hoffnung gekappt. Sfountouris ist auf dem Foto gerade mal dreieinhalb Jahre alt.
Umso erstaunlicher folgende Aussage: «Mit einer Mutter, drei älteren Schwestern und vielen Verwandten konnte ich so viel Liebe und Kraft und Sicherheit speichern, dass es bis heute ausreicht, und die Kraft wächst in kritischen Situationen immer wieder nach.»
Waisenhaus, Kinderdorf, Promotion, Aktivismus
Diese Kraft ist es wohl, die ihm bis heute Hoffnung gibt, ihn antreibt im Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Im Film, der mit zahlreichen Interviews und klug eingesetztem Archivmaterial arbeitet, wird das an vielen Stellen deutlich.
Ein Lied für Argyris: 6. September, 11 Uhr, Kinok St.Gallen, anschliessend Gespräch mit Argyris Sfountouris und Regisseur Stefan Haupt, moderiert von Hans Fässler
kinok.ch
Dabei war sein Lebensweg alles andere als vorgezeichnet: Nach aufreibenden Jahren in einem Waisenhaus und einem Kinderheim in Griechenland, kam er mit acht Jahren über die Vermittlung einer Rot-Kreuz-Delegation ins Pestalozzidorf nach Trogen. Er korrespondierte mit Albert Einstein, maturierte, und promovierte. Eine Zeitlang arbeitete er als Gymnasiallehrer, entschloss sich aber mit Anfang 40, in der Entwicklungshilfe aktiv zu werden.
Jahrelang setzte er sich mit Gleichgesinnten für eine sogenannte Wiedergutmachung in Form von Reparationszahlungen ein, klagte vor Gerichten, bekam Recht zugesprochen.
Am Ende musste er aber einsehen, dass eine Entschädigung auf juristischem Wege unmöglich war. Der Gegner – die ehemalige Besatzungsmacht – blieb weithin mächtig; wollte keinen Präzedenzfall. Auf eine offizielle Entschuldigung von Seiten der Bundesrepublik musste Sfountouris 70 Jahre warten.
Die Geschichte von Argyris Sfountouris ist eine ganz und gar ungewöhnliche Lebensgeschichte. In der sehenswerten Filmdokumentation von Stefan Haupt ist sie eingebettet in die Geschichte Griechenlands. Wer die Sogwirkung des Films miterleben will, sollte die einzige Kinok-Vorstellung diesen Sonntag nicht verpassen.
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