Jürg Frischknecht ist als Journalist und Buchautor ein Experte für Rechtsextremismus, Faschismus, Antifaschismus und Emigration in der Schweiz. Er geht dem Auf- und Abstieg des leidenschaftlichen und umtriebigen Alpinpublizisten und überzeugten Nationalsozialisten Walt(h)er Flaig nach.
Mit Passname Walter kommt er 1893 in Aalen (Baden-Württemberg) zur Welt und tritt 1912 in die Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins ein. Im Ersten Weltkrieg wird er schwer verwundet und traumatisiert. 1921 erwirbt er das Diplom als Landwirt. Seine Leidenschaft aber, geteilt von seiner Gattin Hermine, gehört den Bergen, die er möglichst «judenfrei» haben möchte.
Tourismus und Spionage
So ist Flaig aktiv mit dabei, als die Hauptversammlung des Alpenvereins 1924 in München die mehrheitlich jüdische Alpenvereinssektion Donauland ausschliesst. Im gleichen Jahr wird er Mitglied der Sektion St.Gallen des SAC und schreibt wiederholt für deren Club-Nachrichten. Bei Kriegsbeginn gibt er den Austritt.
Walther Flaig (1893 – 1972)
Flaigs Lieblingsberggebiete sind Silvretta, Rätikon, Engadin und Bergell. 1962 erscheint sein heute noch gelesenes und hoch gelobtes Buch Bernina – Festsaal der Alpen. Während mehreren Jahren arbeitet Flaig in der Tourismuswerbung in Graubünden. Nach dem Mord an Wilhelm Gustloff, dem Leiter der NSDAP-Landesgruppe Schweiz, 1936 in Davos verliert er die meisten Aufträge und verlässt mit seiner Familie das Prättigau. Noch schwerer trifft ihn eine 1944 lebenslängliche Einreisesperre in die Schweiz, verhängt als Strafe für den von ihm von Salzburg aus dirigierten Einsatz von Spionageagenten.
Walther Flaig: Ein Nazi im St.Galler Alpenclub – Vortrag von Jürg Frischknecht und Gespräch mit Stefan Keller: 9. März, 19.30 Uhr, Buchhandlung Comedia St.Gallen
Als Flaig 1972 im vorarlbergischen Bludenz stirbt, erscheinen zahlreiche Nachrufe. Diese würdigen rund 50 Erstbegehungen, seine Bergbücher und Dutzende von Gebiets- und Skitourenführer, erwähnen aber – bis auf eine Ausnahme – nicht sein aktives Eintreten für den Nationalsozialismus und seine Spionagetätigkeit. Die Ausnahme schliesst mit der Bitte an «liebe Schweizer Freunde»: «Lasst doch unserem Walt(h)er Flaig Gerechtigkeit widerfahren. Er hat für euer schönes Vaterland mehr getan und mehr an Liebe geopfert als die meisten anderen.»
Raggenbass’ «heilige Pflicht»
Über Otto Raggenbass, 1905 in Sirnach geboren und 1965 in Orselina gestorben, und seine Verwicklungen mit dem Nationalsozialismus berichtet der deutsche Historiker Arnulf Moser. Er weist dem von 1938 bis zu seinem Tode amtierenden Bezirksstatthalter in Kreuzlingen nach, dass er jüdische Flüchtlinge zurückgeschickt, jüdische Schulkinder aus Konstanz zurückgewiesen, Fluchthelfer bestraft und Entlassung von deutschen Grenzgängern empfohlen hat.
Wolfgang Proske (Hg.): Täter, Helfer, Trittbrettfahrer. Band 5: NS-Belastete aus dem Bodenseeraum. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2016. ns-belastete.de
Die harte Linie von Raggenbass entspricht der damaligen offiziellen Haltung des Kantons Thurgau, der keine Flüchtlinge zu- lassen will. Raggenbass schreibt 1938 dazu: «Es ist oft schwer, angesichts der bestehenden Tatsachen Leute auszuweisen und über die Grenze zu stellen, doch ist es die heilige Pflicht der Behörden, Land und Volk vor den ernsthaften Gefahren der Überfremdung und der antisemitischen Bewegung zu schützen.»
Gemeint ist damit, dass jüdische Flüchtlinge den Antisemitismus in der Schweiz schüren könnten. «Oder mit anderen Worten», kommentiert Moser, «die Juden sind selbst schuld am Antisemitismus.»
Otto Raggenbass (1905 – 1965)
In seinem 1964 erschienenen Erinnerungsbuch Trotz Stacheldraht, 1939–1945 geht Raggenbass nur bezogen auf des Kriegsende auf Flüchtlinge ein. Viel mehr dagegen ist von ihm über seine Beziehungen zur Stadt Konstanz zu dieser Zeit zu erfahren. Er nimmt für sich in Anspruch, die Deutschen zur kampflosen Übergabe von Konstanz und insbesondere der Rheinbrücke bewogen zu haben. 1968 wird er dafür von Konstanz, die ihn bereits 1947 gewürdigt hat, mit der Umbenennung der Schwedenstrasse in Otto-Raggenbass-Strasse direkt an der Grenze geehrt.
Seither sind viele neue Fakten über und zu Raggenbass bekannt geworden, die ein düsteres Bild von seinem damaligen und späteren Wirken zeichnen. «Raggenbass und Haudenschild (ehemaliger Thurgauer Polizeikommandant) sind», schreibt der Historiker Reto Wissmann, «das Kontrastprogramm zum St.Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger.»
Seit einigen Jahren wird in Konstanz über eine erneute Umbenennung der Raggenbass-Strasse diskutiert und gestritten. Bis jetzt ist sie nicht erfolgt.
Mehr zu Otto Raggenbass in unserem aktuellen Heft auf Seite 55 im Interview mit Historiker Arnulf Moser. Dieser Text erschien ebenfalls im Märzeheft von Saiten.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.