Der Held des Films Im Labyrinth des Schweigens, der jetzt in St.Gallen im Kino Rex angelaufen ist, ist der junger Frankfurter Staatsanwalt Johann Radmann. In den späten 1950er-Jahren bemerkt er, dass alte Nazis wieder im Schuldienst tätig sind. Niemand hat sie für ihre Verbrechen je behelligt. Das findet er ungerecht und leitet Ermittlungen ein.
Doch er stösst auf eine Mauer des Schweigens. Niemand will etwas von der furchtbaren Vergangenheit wissen. Trotz Anfeindungen lässt sich Radmann nicht beirren. Am Schluss kommt es 1963 zum Auschwitz-Prozess, dem grössten und spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte. 17 Verantwortliche der Nazi-Todesfabrik in Polen werden für ihre Taten verurteilt.
Gegen das Schweigen
Der wahre Held war aber Fritz Bauer. Der engagierte Jurist war damals Generalstaatsanwalt in Hessen. Ohne sein unermüdliches Wirken für Gerechtigkeit wäre es nie zum Auschwitz-Prozess gekommen. Dort konnten erstmals Opfer in aller Öffentlichkeit über ihre Leiden berichten. Das Bemühen der Adenauer-Ära, die Deutschlands schreckliche Vergangenheit durch Schweigen zu entsorgen, war gescheitert.
Fritz Bauer war es auch gewesen, der aufgrund eines Hinweises erfahren hatte, dass der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann unter falschem Namen in Argentinien lebte. Weil er der deutschen Justiz misstraute, gab er den Tip den Israelis weiter. Eichmann wurde nach Israel entführt und dort vor Gericht gestellt.
Bauers legendäres Bonmot lautet so: «Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.» Damit spielte er auf die deutschen Behörden an, die weiterhin von Nazis durchsetzt waren. Bis in die höchsten Spitzen: So war Karl Globke der Kanzleramtschef von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der Karrierist Globke gehörte im Hitler-Regime zu den juristischen Wegbereitern der Judenvernichtung.
Publikationen zum 60. Gedenktag
Weil Regisseur Giulio Ricciarelli sein Werk Im Labyrinth des Schweigens nach Hollywood-Manier verfasst hat, mit Held, Liebesgeschichte und Happy End, kommt die historische Bedeutung von Akteuren wie Fritz Bauer zu kurz. Ansonsten aber setzt er die Dinge richtig ins Licht. Gekonnt gemacht die subtilen Anfeindungen, mit denen kritische Staatsanwälte von ihrem Tun abgebracht werden sollten, weil zu viele Täter befürchten mussten, nun ebenfalls ans Licht gezerrt und bestraft zu werden. In einer Szene wird der fortlebende Antisemitismus deutlich. Der Oberstaatsanwalt erklärt hinter vorgehaltener Hand Bauers Handeln so: Er sei eben ein Jude.
Letztes Jahr jährte sich der Gedenktag der Auschwitz-Prozesse zum 60. Mal. Aus diesem Anlass erschienen neue Darstellungen, etwa Devon O. Pendas Der Auschwitz-Prozess. Völkermord vor Gericht oder Ralph Dobrawas Der Auschwitz-Prozess. Ein Lehrstück deutscher Geschichte. Auch erschien eine neue Biographie von Fritz Bauer von Ronen Steinke (Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht). Und für Interessierte gibt es die Berichte der Zeugen als Live-Mitschnitte aus dem Gericht zu hören. Die «Süddeutsche Zeitung» nannte sie den «Audio-Stream aus der Hölle.»
Vorstellungen: Kino Rex St.Gallen, 14.30, 17.15 und 20.15 Uhr.
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