Kategorie
Autor:innen
Jahr

Junge Flüchtlinge kommen ins «Pesti»

Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen hat leere Häuser. Zwei davon stehen ab Mai für Kinder und Jugendliche zur Verfügung, die unbegleitet auf Asylsuche sind. Am Donnerstag ist das Konzept vorgestellt worden.
Von  Harry Rosenbaum
Das Pestalozzidorf Trogen (Bild: Marcel Giger)

Die schmucken Häuschen im Appenzeller Stil sind etwas in die Jahre gekommen; aber vor 70 Jahren wurden sie für eine ähnliche Aufgabe erstellt, die sie jetzt in der aktuellen Flüchtlingssituation wieder wahrnehmen können: die Aufnahme kriegsgeschädigter Kinder und Jugendlicher.

Der Ausserrhoder Landammann und Vorsteher des Departements Gesundheit und Soziales, Matthias Weishaupt, sagt vor den Medien: «Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi verfügt über die geeignete Infrastruktur und stellt dem Kanton zwei Häuser zu einer reduzierten Miete zur Verfügung. Damit finden bis zu 30 Jugendliche eine Unterkunft.» Betreut werden die jungen Menschen durch den Verein Tipiti.

Gesellschaftliche und berufliche Integration

Weishaupt verweist auf die Regelung zwischen dem Bund und den Kantonen bei der Unterbringung und Betreuung solcher Flüchtlinge. «Weist der Bund Appenzell Ausserrhoden unbegleitete Jugendliche zu, werden diese für die ersten Monate im Kinderdorf Pestalozzi untergebracht und durch den Verein Tipiti betreut.» Danach würden sie in ebenfalls begleitete Jugendwohngruppen in den Gemeinden wechseln. Eine Ausnahme bildeten Kinder unter 14 Jahren, die direkt in einer Pflegefamilie unter gebracht und ebenfalls durch den Verein Tipiti begleitet würden.

Das Angebot sei unabhängig vom migrationsrechtlichen Status der Jugendlichen, betont Weishaupt. Bei der Umsetzung des Konzepts gehe es um die Beachtung individueller Bedürfnisse, aber auch um die gesamtheitliche Betrachtungen der gesellschaftlichen und beruflichen Integration. An der Finanzierung beteiligen sich der Bund, der Kanton und die Gemeinden.

Unversehrtheit schützen

Kinder und Jugendliche geniessen einen besonderen Schutz: Die Bundesverfassung, das Bundeszivilrecht sowie die UN-Kinderrechtskonvention verpflichten den Staat, ihre Unversehrtheit zu schützen und ihre Entwicklung zu fördern. Ausserhalb ihres Herkunftslandes und getrennt von beiden Elternteilen erfordern die Schutzbedürfnisse von Kinder und Jugendliche besondere Beachtung.

Neu für Appenzell Ausserrhoden ist das einheitliche Unterbringungs- und Betreuungskonzept mit altersgerechter Infrastruktur. Zur Zeit sind in der Obhut des Kantons 21 unbegleitete minderjährige Asylsuchende und 6 vorläufig aufgenommene unbegleitete Minderjährige. Aktuell sind die insgesamt 27 Personen im Asyl-Durchgangszentrum Landegg in Lutzenberg und im Thurhof in Oberbüren (SG) untergebracht.

Schulische und berufliche Ausbildung

«Im Pestalozzidorf sollen die Kinder und Jugendlichen vor allem integriert und auch auf eine spätere Rückkehr in ihre Heimat vorbereitet werden», sagt Rolf Widmer, operativer Leiter beim Verein Tipiti. An erster Stelle stehe die schulische und berufliche Ausbildung. Tipiti hat laut Widmer mit dem Konzept gute Erfahrungen bei jugendlichen Kriegsflüchtlingen aus Bosnien gemacht. Rund 75 Prozent seien mit einer Ausbildung wieder in ihr Herkunftsland zurückgekehrt.

Urs Egger, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, hebt die Erfahrungen hervor, die das Kinderdorf über mehrere Jahrzehnte mit der Betreuung von kriegsvertriebenen Jugendlichen habe sammeln können. Dass sich nun drei Partner für die Unterbringung unbegleiteter asylsuchender Jugendlicher zusammenfinden, sei etwas sehr Positives.

Fast tausend minderjährige Flüchtlinge

Seit 2013 steigen die Zahlen unbegleiteter asylsuchender Jugendlicher in Europa dramatisch an. Nach einem Bericht von Fernsehen SRF im vergangenen September sind allein 2015 fast tausend minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung durch Erwachsene in der Schweiz angekommen. In der Verwaltungssprache tauchen sie als MNA (mineurs non accompagnés) auf. Vielfach sind sie schwer traumatisiert und im Asylverfahren total überfordert.

Sache der Kantone

Unterbringung und Betreuung der MNA überlässt der Bund weitgehend den Kantonen. Es gibt unterschiedliche Konzepte. Negativ aufgefallen ist im letzten Jahr der Kanton Baselland. Er hat die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen zusammen mit Erwachsenen in Asylzentren untergebracht, so dass diese oft Zeugen von Streitereien und Alkoholmissbrauch geworden sind. Die noch Schulpflichtigen hatten in den Zentren keine Rückzugsmöglichkeiten, um in Ruhe Hausaufgaben machen zu können.

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in der Schweiz kaum wissenschaftliche Studien zur Lebenssituation von jungen Flüchtlingen. Vor allem die Auseinandersetzung mit der rechtlichen und psychologischen Seite liegt im Argen. Im Asylverfahren haben die Jugendlichen das Anrecht auf die Bereitstellung einer Rechtsvertretung, eines Beistandes oder Vormunds. In vielen Fällen klappt das aber nicht oder nur schlecht.

Streit um Altersbestimmung

Vielfach können unbegleitete minderjährige Asylsuchende ihr Alter nicht konkret belegen. Gibt es diesbezüglich Zweifel beim Staatssekretariat für Migration (SEM), wird versucht das Alter mit der Handknochenanalyse festzulegen. Die Methode ist wissenschaftlich umstritten und hat jetzt dazu geführt, dass sich verschiedene kinderradiologische Abteilungen an den Spitälern weigern, solche Untersuchungen an minderjährigen Flüchtlingen durchzuführen.

 

 

 

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39