, 30. Mai 2017
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Saiten im Juni: Rorschachtest.

Ein Heft über die Stadt am See, rückwärts und vorwärts gerudert. Ausserdem: Theater-Vorlage, CVP-Rücklage, Medien-Plage.

Die Bilder zum Titelthema stammen von Marco Kamber.

Eine meiner schönsten Erinnerungen an Rorschach dreht sich um die Badhütte. Ich könnte stundenlang dort liegen und dem Wasser lauschen, wie es ums Floss schlackert, den Kopf im Horizont vergraben. Weniger gut in Erinnerung ist mir jene Nacht, die wir leidend über dem Klo verbracht haben, weil der Döner doch nicht ganz so frisch war, wie angepriesen. Besser wir hätten uns bei Nuri und Gül am Hafen einen geholt.

«Rorschach, Dönerstadt», titelte das «St.Galler Tagblatt» Mitte Mai. Eine Drittseklerin hatte sich durch alle Dönerbuden probiert und ihre Erkenntnisse in einem Kebab-Führer zusammengefasst. Weil Rorschach angeblich die höchste Dönerladen-Dichte hat. Ein Gerücht, das sich seit Jahren hartnäckig hält. So wie jenes, dass Rorschach die höchste Beizen-Dichte im Land hat – für mich zumindest den besten Griechen der Alpennordseite. Und mutmasslich eine der höchsten Dichten von Leuten ohne Stimmberechtigung.

«Problemkind am See», auch das hört man manchmal. Wenn überhaupt, müsste es Problemschwester heissen, denn wie die Stadt St.Gallen hat auch die Stadt Rorschach eine Zentrumsfunktion – mit den entsprechenden Lasten und einem stattlichen Speckgürtel rundherum. Die Bergler und Thalerinnen, Unteregger, Goldacherinnen und Tübacher jedenfalls profitieren oft und gerne vom Zentrum am See.
Nur die Stadt am See, die wollen sie nicht.

Wieder andere bezeichnen Rorschach als «Charmefleck» – weil man ja auch ein bisschen stolz ist auf diese leicht verruchte Homebase so vieler Leute aus aller Welt. Viele, die in Rorschach aufgewachsen oder gross geworden sind, verbindet eine
ewige Hassliebe zur nebligen Hafenstadt, nachzulesen im Text von Roman Elsener. Liebe vor allem, wenns um das Rorschach von Gestern geht. Oder um Handball.

Wie sieht das Rorschach von morgen aus? Der Chabisplatz tötelet. Ein wusliges Hafenareal bzw. einen klugen Plan für das Kornhaus gibt es immer noch nicht, aber im kleineren Massstab sei der Ort doch ziemlich in Bewegung, sagen Fachleute. Mehr dazu in den Beiträgen von Peter Surber und Frédéric Zwicker. Wenn Stadtpräsident Thomas «Mr. Aufwertung» Müller 2020 zurücktritt, wird er Rorschachs Gesicht massgeblich verändert haben, so viel steht fest. Ob seine Politik des Infrastrukturauf- und des Sozialabbaus nachhaltig ist, darf man getrost bezweifeln. Mit dem «Stadtwald», wo die drei Hochhäuser mit insgesamt 220 Wohnungen stehen, hat er sich zumindest ein städtebauliches Denkmal gesetzt. Bleibt abzuwarten, was aus dem Alcan-Areal wird. Oder aus dem Feldmühle-Quartier, dessen Geschichte Richard Lehner aufgearbeitet hat.

Rorschach ist ein weites Feld. Was ihn packte, als er an einer Wand «RoRschach» las, hat der Exilrorschacher Journalist Alois Bischof in einem melancholischen Text erzählt, publiziert posthum nach seinem frühen Tod 2015. Dort heisst es
am Schluss: «Die Schrift an der Wand,
und plötzlich war ich mir unsicher. Bin ich wirklich in Rorschach? Ich schritt in die Nacht. Wünschte mir, sozusagen als Beweis, den Geruch oder Gestank oder die Eindringlichkeit dieser Luft der Feldmühle – und, da bin ich mir sicher, hinten, im uralten Teil meines Gehirns, würden unzählige Erinnerungen auftauchen.»

Erinnerungen tauchen auch hier auf: vom Rorschacher Charles Pfahlbauer jr. und von der jungen Autorin Anna Stern – ihren Text finden Sie im Kulturteil. Ausserdem im Heft: viel Kunst, getarnte Werbung und eine Partei im freien Fall.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen
Blickwinkel 
von Wassili Widmer
Stimmrecht von Gülistan Aslan
Redeplatz
 mit Georges Hanimann
Herr Sutter sorgt sich… von Bernhard Thöny
Evil Dad von Marcel Müller

Rorschachtest.

Eine Stadt, die offen wäre für alle
«Tour de Rorschach» mit Otmar Elsener und Esther Widmer.
von Peter Surber

Wie ein Quartier Rorschach verändert
Das Löwenquartier als «Projet urbain».
von Frédéric Zwicker

1000m2 Zukunft
Rorschach entdeckt das Glück der Zwischennutzung.
von Peter Surber

Sozialhilfe im «Detroit der Ostschweiz»
Der Stadtpräsident und seine Sozialpolitik.
von Andreas Kneubühler

Eine linke Hand reicht
Rorschach war einmal eine Handballstadt.
von Corinne Riedener

Zwei Fische im Wappen
Eine Suche nach der Fischerei in Rorschach.
von Peter Müller

Gerstensaft vom Ordensträger
Braumeister Andreas Müller und sein Kornhausbräu.
von Frédéric Zwicker

Der ruhende Koloss von Rorschach
Das Feldmühle-Areal will neu genutzt werden.
von Richard Lehner

Geliebtes, geschmähtes Rorschach
Ein Auswanderer erinnert sich.
von Roman Elsener

Die Bilder zum Titelthema stammen von Marco Kamber.

Perspektiven

Flaschenpost
von Pascal Mülchi aus Bristol

Journalismus & Werbung
Wie Native Advertising funktioniert.
von Corinne Riedener

Quo vadis CVP?
Eine Spurensuche im dichten Nebel.
von Markus Rohner


Das Buch zum Kulturkampf

Kultur

S’isch Rorschach
von Anna Stern

Anna Sterns drittes Buch: Beim Auftauchen der Himmel.
von Eva Bachmann

Wilma Lock und Susanna Kulli halten Rückschau.
von Corinne Schatz

Vera Kappeler erinnert an den Künstler Andreas Walser.
von Ursula Badrutt

Die IG Halle feiert: «Out of the Blue» in Rapperswil-Jona.
von Kristin Schmidt

Parkplatzfest 2017: Aufwertung und Verdrängung.
von Corinne Riedener

Kulturparcours – quer durch die Ostschweiz

Mixologie
von Niklaus Reichle und Philipp Grob

Am Schalter im Juni: In the Jungle.

Abgesang

Kehl buchstabiert die Ostschweiz
Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Kreuzweiseworte
Boulevard

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