, 31. Mai 2020
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«Weit mehr als eine Gesundheitskrise»

Ausgefallene Engagements in der Schweiz, die prekäre Lage der Kultur in Frankreich und die Corona-Situation in Marseille: Tänzerin Lisa Vilret berichtet, wie sie den Lockdown erlebt hat. Ein Beitrag aus dem Juniheft.

Mit Corona sind mir mehrere Engagements weggebrochen. Ich hätte am Festival ZürichTanz vom 15. bis 17. Mai teilgenommen, das im März abgesagt worden ist. Unsere Gagen wurden bezahlt und die Aufführung wird im Mai 2021 in die nächste Auflage des Festivals übernommen. Ein weiteres Engagement in Genf ist ebenfalls auf 2021 verschoben worden. In Frankreich arbeitete ich an einem Grossprojekt mit, in Kooperation mit einem Nationaltheater, das in vollem Lauf gestoppt werden musste. Das Projekt umfasste eine Tourneeproduktion, Ateliers mit Amateuren, Interventionen in Schulen und eine filmische Umsetzung. Momentan wird versucht, auch dieses Projekt nächstes Jahr zu realisieren.

Was die Sache kompliziert macht, ist, dass die Spielzeit 2020/21 in den Theatern bereits fertig geplant ist. So muss man versuchen, die jetzt verschobenen und die bereits geplanten Aufführungen irgendwie aneinander vorbeizubringen.

Lisa Vilret. (Bild: Anaïs Stein)

Als Tänzerin war es nicht leicht, die Wochen des «confinements», der Ausgangsbeschränkung durchzuhalten. Ich habe jeden Tag via Zoom Yogaunterricht genommen und auch selber Freunde per Zoom unterrichtet. In Frankreich durften wir uns für sportliche Tätigkeiten maximal eine Stunde pro Tag im Umkreis von einem Kilometer bewegen. In diesem Rayon habe ich also meine Joggingrunden gedreht! Und immer dabei: die signierte und datierte Ausgangsbewilligung sowie die Identitätskarte für Polizeikontrollen…

Macrons «année blanche»

Mein Status als Freelancerin im Kulturbereich (in Frankreich «intermittente du spectacle») berechtigt mich zum Bezug von Arbeitslosengeldern. Wir müssen diesen Status jedes Jahr erneuern. Für eine Erneuerung muss man ein Pensenminimum (507 Stunden) ausweisen können. Infolge all der Annulationen erreichen viele jetzt das Minimum nicht, um ihren Status halten zu können.

Vor einigen Tagen hat Präsident Macron von einer «année blanche» gesprochen, die bis August 2021 dauern soll, ein zusätzliches Jahr also, um den Status beibehalten zu können. Das ist gut und beruhigend, bloss gibt es bis zur Stunde weder einen Text noch ein Dekret dazu – und wir können nur hoffen, dass der Präsident mit «année blanche» dasselbe meint wie wir, und die Regierung nicht mit Wörtern spielt.

Lisa Vilret, 1987, hat ihre Tanzausbildung in Poitiers, Bordeaux und in Istres (Provence) absolviert. Sie hat mit Michel Kelemenis, Romeo Castellucci und Cindy van Acker, Ann Van den Broek und vielen anderen Tanzschaffenden gearbeitet. Seit 2012 gehört sie der Schweizer Performancegruppe Rhodia an. Ab 2014 studierte sie an der Universität der Franche-Comté, seit einem Jahr bildet sie sich in Body Mind Centering weiter. Sie lebt in Marseille.

Es gibt allerdings auch zahllose im Kulturbereich tätige Leute, die von den Behörden vergessen werden, Teilzeitangestellte, Arbeiterinnen auf Abruf, Saisonniers, alle jene, die mit Unterbrüchen angestellt sind in der Hotellerie, der Gastronomie, der Reinigung, dem Hausdienst, der Sicherheit etc. Ihre Situation ist bis jetzt in keiner Weise berücksichtigt worden. Einige haben bereits ihre Arbeitslosengelder ausgeschöpft und sind bei der Sozialhilfe gelandet. Und dazu gibt es viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler aller Sparten, die nicht vom Status der «intermittentes» profitieren… wie sollen sie in dieser Krise überleben?

In Frankreich waren wir jetzt zwei Monate im Lockdown. Am 11. Mai gab es die ersten Lockerungen, was den Ausgang und das Maskentragen betrifft. Die Schulen sind wieder offen, die Leute, die arbeiten können, arbeiten und so weiter.

Mit leerem Kühlschrank

Marseille ist eine Grossstadt. Es gibt Quartiere im Stadtkern, die enorm unter der sozialen und ökonomischen Krise leiden. Das Quartier Belle de Mai im dritten Bezirk etwa ist das ärmste Quartier in ganz Frankreich. Corona hat die systemische Krise, die hier herrscht, noch verstärkt. Viele Kollektive und Nachbarschaftsgruppen haben sich gebildet, um den Familien beizustehen, die vom Staat ihrem Schicksal überlassen werden und ohne das geringste Einkommen dastehen, buchstäblich mit leerem Kühlschrank. Es ist viel Solidarität entstanden. Ich selber habe als Freiwillige beim Hilfswerk Emmaus für Obdachlose mitgearbeitet. Marseille zählt etwa 18’000 Obdachlose, und die Krise der Gesundheitsversorgung hat den Graben der Ungleichheit noch vertieft. Um es in den Worten eines Freundes zu sagen: Die Romantisierung des Lockdowns ist ein Klassenprivileg.

Die Spitäler sind am Rand der Erschöpfung. Seit mehreren Jahren prangern sie die Budgetkürzungen an, protestieren auf der Strasse mit Slogans wie «Das Spital ist tot – reanimiert es!» oder «Hört auf, die Spitäler auszubluten» oder auch «Personal: erschöpft». Solche Demonstrationen werden von der Polizei mit Gewalt unterbunden. Das Problem – wen lässt man sterben, wen versucht man zu retten – existiert seit langem, weil es an Betten und medizinischem Material mangelt.

Ich hoffe, wir geraten nicht in eine neue Welt der ultrahygienischen Ausgrenzung, in der sich die einen vor den anderen in acht nehmen müssen. Die Frage der Gesundheitsversorgung lässt sich nicht trennen von der Frage der ökonomischen, der sozialen, politischen und ökologischen Situation. Was wir aktuell durchmachen, ist weit mehr als eine Krise des Gesundheitswesens.

Übersetzung aus dem Französischen: Peter Surber

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

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