Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der utopische Körper des Textes

Anfang der 2000er-Jahre ist sie mit ihren Gedichten, wenig später mit ihren Romanen bekannt geworden. Am 7. März liest Silke Scheuermann, die mit fast allen grossen deutschsprachigen Literaturpreisen geehrt wurde, im Kult-Bau und stellt ihren neuen Roman vor. von Clemens Umbricht
Von  Gastbeitrag
Silke Scheuermann, fotografiert von Alexander Paul Englert.

«Auseinandersetzungen über den Realismus sind / obsolet geworden, weil wir alle Wirklichkeiten / gleich behandeln, / gleich schlecht.»

Diese beinahe prophetischen Zeilen finden sich im Gedicht Skizze vom Gras im gleichnamigen Gedichtband von 2014. Von der Auflösung des «Ministeriums für Pflanzen» wird darin berichtet. Die Erde beherbergt nicht mehr genug Arten, für die sich der Aufwand lohnen würde. Übrig bleibt das Gras, das über alles wächst. In stummer, aber nicht wortloser Dankbarkeit schätzt es den Raum, den wir ihm geben. «Wirte dieser Dankbarkeit» sind die Dichter, die wahre Dinge leise und schön aussprechen: «Wie das Gesumme der Bienen / in einem Dickinsongedicht / erfüllt es die Himmel unserer Phantasie».

Zwölf Bücher hat Silke Scheuermann seit 2001 veröffentlicht. Diese Autorin scheint sich nicht nur in den verschiedensten Genres wie selbstverständlich zu bewegen, bemerkenswert ist auch die Kadenz, mit der ihre an Umfang und Gehalt beachtlichen Werke erscheinen. Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays und sogar ein Kinderbuch bilden das Korpus ihrer Arbeiten. Mit Wovon wir lebten liegt nun ihr vierter, über 500 Seiten umfassender Roman vor. Er schildert die Lebensgeschichte des jungen Marten aus Offenbach bei Frankfurt und seine fast schon filmreife «Tellerwäscher-Karriere».

Vom Drogenkurier zum Sterne-Koch

Martens Startchancen sind in der Tat alles andere als rosig. Sein Vater ist ein selbstsüchtiger Familientyrann, neben dem es nur Schwächlinge gibt. Seine Mutter schwankt zwischen Alkohol und Resignation. Halt gibt ihm einzig sein Freund Micha und sein Schwarm, die geheimnisumwitterte Stella von Sternberg. Und da gibt es auch noch den zwielichtigen Rainer und seine Jungs vom Boxclub, «die coolsten Typen überhaupt».

Besagter Rainer handelt mit Drogen und setzt den Schüler Marten als Kurier ein. Bei einer Razzia schmuggelt Marten in seinem Rücksack ein Kilo Kokain an der Polizei vorbei und bewahrt die heisse Ware bei sich zu Hause auf. Als er Rainer von seiner Heldentat erzählt und ihm das Kokain zurückgibt, hat er in ihm einen Verbündeten gefunden. Nach einer Lehre und Arbeit als Maschinenführer und dem totalen Drogenabsturz lernt er die «richtigen Leute» kennen. Mit deren Hilfe und Geld eröffnet er, ein Naturtalent im Anrichten exquisiter Gerichte, ein Sterne-Lokal in Frankfurt. Das In-Lokal «Happy Rabbit» ist bald als Gourmet-Tempel in aller Leute und Medien Mund, Martens «american dream» ist Realität geworden.

Dass das alles nicht ohne Friktionen und überraschende Wendungen abläuft, versteht sich von selbst. Silke Scheuermann schildert Martens Coming-of-Age-Geschichte so unterhaltsam wie realistisch und so spannend wie menschennah. Dabei gelingt ihr das keineswegs einfache Kunststück, die männliche Perspektive des heranwachsenden Ich-Erzählers glaubwürdig zu vermitteln.

Offene Hand des Romans, geschlossene Faust des Gedichts

Hier die Romanautorin Scheuermann mit weit ausgreifenden Lebensbeschreibungen, dort die hochkonzentrierte und artistische Poetin – wie geht das zusammen?

Im Buch Und ich fragte den Vogel, einer Kollektion von «lyrischen Momenten» und Selbstauskünften, spürt die Autorin einer Vielzahl von Dichterinnen und Dichtern von Inger Christensen über Charles Simic bis Sylvia Plath und Anne Sexton nach und erweist sich als kenntnisreiche Femme de lettres. Vielleicht lässt sich Scheuermanns «Doppelbegabung» als Verfasserin von Romanen und Gedichten mit der vergleichbaren realistischen Herangehensweise an beide einkreisen.

In Sylvia Plaths Erzählung Ein Vergleich heisst es: «Wenn das Gedicht konzentriert ist, eine geschlossene Faust, dann ist der Roman eine offene Hand, ausgreifend und entspannt: hat Strassen, Umwege, Bestimmungen; eine Herzlinie, eine Kopflinie, Geld und Sitten geraten hinein. Wo die Faust ausschliesst und erschlägt, kann die offene Hand in ihren Reisen vieles berühren und erfassen».

Silke Scheuermann liest am 7. März um 20 Uhr, bei Noisma im Kult-Bau, Konkordiastrasse 27, 9000 St. Gallen, kultbau.org

Tatsächlich besitzt Scheuermann sowohl mit der offenen Hand des Romans als auch mit der geschlossenen Faust des Gedichts ein enormes Sensorium für realistische Darstellungen. Sie sagt dazu in ihrer Rede zur Verleihung des Hölty-Preises 2014: «… für mich darf auch das Gedicht nicht ganz den Rückbezug zur sichtbaren Realität verlieren, reines Sprachspiel und sich selbst genug sein, sondern es muss eine gewisse Objektivität haben. Dazu gehört, den Abstand zwischen der Wirklichkeit und ihren Abbildungen mitzubedenken.» Gedichte, heisst es weiter, seien «betretbare Bilder»: «So lese ich Lyrik, das ist mein Kriterium: Zeigt mir dieses oder jenes Gedicht, wie ich in der Sprache sehen kann?»

Auch in ihren Romanen gibt es diese Augenblicke, in denen der Leser «in der Sprache sehen kann». Die Wirklichkeit und ihre Abbildungen wiederspiegeln in der Prosa wie in den Gedichten eine Utopie des Schreibens, die Scheuermann so formuliert: «Anders in der Welt zu stehen. Einen anderen Körper zu haben, einen weniger beschädigten, weniger angreifbaren – einen Körper aus Text.» Voraussetzung für diesen utopischen Textkörper ist eine Verwandlung. Die heisse Energie dafür liefert das gefährliche Duo von Kreativität und Destruktion. In letzter Konsequenz handelt es sich um den Preis, den eine Autorin, ein Autor für die fatale Sehnsucht nach der Vollkommenheit des Textes bezahlt.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess