Jahrhunderte lang forschten Mathematiker um die Lösung des Problems, wie man mit Lineal und Zirkel aus einem gegebenen Kreis ein Quadrat mit demselben Flächeninhalt konstruieren könnte. Es erwies sich als unmöglich. Ob man allerdings über die Spisertor-Kreuzung einen Kreisel mit demselben Nutzen legen kann, wird sich erst noch zeigen. Ob das dringend ausprobiert werden sollte, war von Beginn weg stark umstritten, um dies mal neutral zu formulieren. Häufiger waren Voten wie: «Kreisel gehören auf eine Thurgauer Dorfkreuzung, doch nicht in die Stadt». Die Notwendigkeit dieses Kreisels darf wirklich stark bezweifelt werden. Der Quartierverein will nun aber «dem Kreisel eine Chance geben», wie man gestern am Einweihungsfest erfahren konnte.
Neben dem freundlichen Fest (das Restaurant Bosporus glänzte mit einem wunderbaren Apéro), wurde der Kreisel auch schon rege genutzt, wenn auch nicht unbedingt nur so wie dies am Reissbrett geplant wurde. Ein Mountainbiker, der den gefährlichen Tramschienen auswich, fuhr kurzerhand quer über den Kreisel hinaus. In regelmässigen Abständen war der sonst flüssige Verkehr vom Trogenerbähnli blockiert; wie befürchtet sind Strassenbahnen und Kreisel nicht wirklich kompatibel. Ein Lichtblick: vor dem Kiosk sind die Lichtsignale für Fussgänger verschwunden. Der Haken: Weil Autos aus der Lämmlisbrunnenstrasse nun einfach ums Eck kurven dürfen, bleibt die Situation gefährlich.
Am intensivsten genutzt wurde der Kreisel aber von einem Auto dass sich zeigen lässt. Ein 1952er DeSoto Custom kreiste gefühlte dreissig Mahl herum, gefahren von St.Gallens selbsternanntem Hofnarr Hansueli Stettler. Zwischendurch ein kurzer Stopp vor dem Festzelt um zwei Autostöppler aufzunehmen: Zwei Aktivist_innen die begleitet von Bandoneon und Violine auf dem Rücksitz ein Ständchen für Velofahrer_innen sangen. Passend zur leeren Kultursäule im Hintergrund wurde die musikalische Aktion aber nicht intergriert, sondern abgewürgt. Noch eine Runde dürfen sie fahren, dann sei aber Schluss, habe der anwesende Polizist gemeldet. Wenn der Kreisel auch gewisse humoristische Züge aufweist, hat man offenbar Mühe, dazu zu stehen.
Allerdings ist der Kreisel nicht nur humorvoll, sondern auch topmodern gestaltet. Wäre der Spisertorkreisel noch mehr Hipster, müsste man in der Mitte Koks anpflanzen. Die neue Haltestelle vom Trogenerbähnli ist vor dem alten Haus dermassen fehl am Platz, dass man sich fragt, dank welchen Visualisierungstricks dies in der Planung nicht bemerkt wurde. Ästhetisch sind am Spisertor weiterhin vor Allem die alten Bekannten: das Philosophia, Nanna’s bunte Küche, die Piadineria Rimini, und die Bäckerei G-Nuss. Dem neuen Kreisel am Spisertor, was bleibt anderes übrig, muss erst eine Chance gegeben werden.
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