Eines der wichtigsten Themen in einer multilingualen Welt ist, man glaubt es kaum, die Übersetzung. Spürbar ist dies in Europa tagtäglich, wenn die Staaten sich noch immer wie Nationen anfühlen müssen, weil die wenigsten befähigt sind, die Presse des Nachbarlandes kritisch zu studieren. Englisch? Ja klar, und doch. Französisch? Die alte Adelssprache, die noch Tolstoi und Dostojewski als Zweitsprache in ihre Werke einflochten, gehört in der suisse orientale nicht unbedingt zum Standard, obwohl Landessprache. Katalanisch, im europäischen Vergleich eher einfach: vergiss es. Und Deutsch, hach was können wir froh sein, die wir es nicht noch lernen müssen. Übersetzer*innen sind allseits gefragte Leute.
Übersetzung war naheliegenderweise auch in der Erfreulichen Uni im Palace Thema am vergangenen Samstag. Der mittlerweile 77-jährige Jean-Luc Nancy, der aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen konnte, wie der Philosoph Thomas Telios einleitend ausrichten musste, schrieb zwei A4 Seiten zur russischen Revolution und deren Verhältnis zum technischen Fortschritt, die von Jeffrey Zuckermann ins Englische übertragen wurden.
Der Übersetzer trug die Zeilen zu Beginn im französischen Original vor, das Publikum las eifrig mit. Nicht wenige wegen dem grossen Denker des Singulär-Pluralen und der linksheideggerianischen politischen Philosophie angereist, der bis zuletzt auch angekündigt blieb, kamen so doch auf ihre Kosten. Denn zwei Seiten Nancy können durchaus gehaltvoll sein.
Einladung an den Abwesenden
Geoffroy de Lagasnerie, längst ein arrivierter Theoretiker, ein typischer Suhrkamp-Autor gewissermassen, ist mit seinem Debut im deutschsprachigen Raum zur Kunst der Revolte – eine Diskussion neuer Formen der Dissidenz, verkörpert in den Whistleblower*innen Manning, Assange und Snowden – auch hierzulande bekannt geworden.
Mit Verurteilen – Der strafende Staat und die Soziologie, wofür er eine geraume Zeit lang Gerichtsverhandlungen beiwohnte, erschien im vergangenen September eine Art theoretischer Reportage, in der er den Rechtsstaat stilistisch beachtlich einer umfassenden Kritik unterzieht, eine Anregung zum Denken bei einem Thema, das selten wirklich hinterfragt wird.
Ende Monat erscheint schliesslich mit Michel Foucaults letzte Lektion Lagasneries Antwort auf die Polemik einer einschlägigen Interpretation, Foucault sei nach 1977 zum Neoliberalisten geworden. Ist er natürlich nicht, Lagasnerie hat sich aber erfreulicherweise die Mühe gemacht, dies durch eine umfassende Lektüre der Schriften auch glaubwürdig nachzuweisen.
Geoffroy de Lagasnerie (Bild: Twitter)
Im Palace referierte er zu seinem Unbehagen mit gewissen Revolutionsbegriffen und bot dem knapp 40 Jahre älteren Kollegen, dem abwesenden Nancy, eine dialektische Steilvorlage zu einer Ausbreitung seines Denkens.
Eine kleine Finte hat er dabei auch noch verpackt. So wartete er mit einem Rundumschlag gegen das «Wir» und Begriffe der Community auf, wohl wissend, dass diese ins Deutsche übertragen sehr problematisch mit «Gemeinschaft» übersetzt werden und damit an die faschistische Staatstheorie erinnern. Begriffe des Gemeinsamen wiederum sind eines der wichtigen Themen im Werk Jean-Luc Nancys, der deswegen im deutschen Sprachraum auch schon für rechts gehalten wurde wegen Übersetzungen wie «Die verleugnete Gemeinschaft».
Kommune Räume
Nancy hätte darauf mit seiner Interpretation des heideggerianischen Mit-Seins reagieren müssen, mit dem Singulär Pluralen als Bedingung eines brauchbaren Gemeinschaftsbegriff, der dann geradezu antifaschistisch konzipiert wäre.
Der Philosoph wäre also vor einem deutschsprachigen Publikum genötigt gewesen, Gemeinschaft zu affirmieren und Heidegger herbeizuziehen (den er nach der Publikation von dessen schwarzen Heften 2015 harsch kommentierte, nachzulesen in Die Banalität Heideggers): es wäre mit Sicherheit spannend geworden.
Lagasneries Nebelgranate ging so im Luftleeren hoch, worauf er die Antwort gleich selbst lieferte. Es ginge darum, von den Commons zu reden.
En commun statt der communauté? Ausserhalb einer Unterscheidung des Instituierenden und des Instituierten, auf welche sich Lagasnerie aber nicht bezieht, ist das konzeptueller Nonsens. Beides geht zurück auf den lateinischen munus, einer Art von Steuer an die Gemeinde, und muss folglich theoretisiert werden, um für die politische Gegenwart anders produktiv gemacht zu werden.
Einfach gesagt: mehr «common» als die Philosophie Nancys geht kaum. Wenn dieser von der communauté spricht, kann das als Theorie in der Tradition der Commons gelesen werden. Eine Übersetzung als «Gemeinschaft» macht wiederum nur mangels besserer deutschen Wörter halbwegs Sinn, inhaltlich näher lägen die Allmende, d.h. gemeinsame (kommune) Räume.
Auch das «Wir» verortet Nancy im Kommunen. Es ist dies ein äusserst kommunistisches Wir, allerdings keines einer avantgardistischen Partei der sozialistischen Übergangsphase. Es geht ihm nicht um Repräsentation, sondern um das Präsentische, dies mit einem starken anarchistischen, da gegen Herrschaft jeglicher Art gerichteten Impetus.
Sind Lagasneries revoltierende Helden allesamt einsame Wölfe oder gar anonyme Multituden, so widerspricht das einem solchen Wir keineswegs. Zur Strukturierung einer Diskussion kann eine solche Dialektik hinzugezogen werden, verbleibt aber, wie ursprünglich alle Dialektik: sophistische Rhetorik. Ohne zumindest den Traum eines Wirs gäbe es für Lagasneries Helden nämlich wenig Grund, sich durch ihre Revolte mit dem Rechtsstaat anzulegen. Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Nihilismus, und die einsame Revolte z.B. eines Snowdens, wie damit deutlich wird, eine besonders empathische, engagierte Auslegung eines Mit-Seins.
Ni dieu ni maître!
Von Lagasnerie, der gezwungen war, eine Übersetzung vorzutragen, wobei die Powerpoint-Übersetzung streikte, die dem Publikum das Mitlesen hätte vereinfachen sollen, wird man in Zukunft mit Sicherheit noch hören. Seine Themen sind hochbrisant, seine Auslegungen tiefschürfend und äusserst erfinderisch. In der erfreulichen Universität, wo er sich erst für seinen Akzent entschuldigte, der aber auch ohne Powerpoint-Support gut verständlich war, fehlte ihm zwar der angekündigte Gesprächspartner, die Fragen kamen aber trotzdem auf den Tisch.
Sagte Lenin, wie Nancys Botschaft hervorhebt, Kommunismus hiesse «Soviets plus Elektrizität», so könnte gegenüber der vermehrt kognitiven kapitalistischen Produktionsweise präzisiert werden: HDMI-Verbindungen symbolisch für Datenübertragung, Übersetzung zur Überwindung sprachlicher Grenzen und Erfreuliche Universitäten zur Verhandlung von minoritärem Wissen sind zentral.
Den eingehendsten, wohl auch schwierigsten Satz des Abends liefert der abwesende Nancy, der damit sicherlich eine interessante Diskussion mit Lagasnerie zu dessen Theorie über Snowden und damit zu hochentwickeltster Überwachungstechnologie und der damit einhergehenden technologischen Dystopie beabsichtigte: dass es nämlich unter dem Namen Soviet darum ging, ein Bedürfnis zu bejahen, das nicht aufzuhalten ist, der modernen Welt entstammt und heute noch gültig ist. Es ist dies das Bedürfnis, «dass Menschen zusammenleben können ohne Götter und Herren – auch sogar denjenigen ihrer eigenen Technologien».
Weiter geht es in der Erfreulichen Uni Morgen Dienstag um 20:15 Uhr mit einem Podium zu der Frage «Reform oder Revolte?». Es diskutieren Basil Oberholzer (Junge Grüne), Sämi Assir (anarchokommunistisch), Andrea Scheck (Juso) und ein Klartext-Aktivist. Moderiert wird das Gespräch von Rolf Bossart.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.