Ab April 2015 ist die SP wieder Teil der St.Galler Stadtregierung. Das ist erfreulich. Wird unsere Stadt jetzt sozialer? Offener? Gemütlicher? Oder bleibt sie mehr oder weniger die Alte? Wir werden es noch früh genug herausfinden. Der sozialdemokratische Slogan verspricht ja schon recht viel: Für alle statt für wenige. Und Jans bedankt sich ganz ähnlich auf seiner Website. Wenn das mal keine Ansage ist.
Saiten nimmt die Linke selbstverständlich beim Wort und hat sich – beflügelt vom Abstimmungsresultat in Rehetobel – auf die Suche nach diesem diffusen «Alle» gemacht und die «Dus und Ichs» der Strasse ausgehorcht, Stimmrecht hin oder her. Schliesslich müssen auch jene zu Wort kommen, die sonst nie oder nur selten gefragt werden, wenn Jans’ To-Do-Liste nicht für wenige sein soll.
Nach der Wahl haben wir drum abseits der Realpolitik drauflos gefragt. Etwa so: Wenn du bei Peter Jans einen Wunsch frei hättest, was wärs? Hier die ungeschönten Antworten der Innenstadt:
Andrea
Andrea, 24: «Es bräuchte dringend eine Art Gebrauchsanleitung für städtische Behörden und Ämter. Nichts geht, ohne dass man sich zuerst durch einen Berg von Formularen kämpfen muss, habe ich den Eindruck. Alles muss man selber rausfinden. Manchmal ist das so kompliziert, dass man gar nicht erst anfängt. Wer mal Stipendien beantragt hat, weiss, wovon ich spreche. Und ich bin hier aufgewachsen, für Migrantinnen und Migranten sind diese bürokratischen Hürden noch viel abschreckender. Dabei kann es doch nicht so schwer sein, jemanden kurz und bündig über seine Möglichkeiten aufzuklären, nicht?»
Hedi, 79: «Kaum sind sie weg vom Arbeitsmarkt, werden die Pensionierten unwichtig für die Politik, habe ich manchmal das Gefühl. Dabei könnten wir vieles beitragen, jetzt, wo wir doch die Zeit haben. Aber für den Rest der Welt sind wir unnütz, uninteressante alte Leute. Ich würde Herrn Jans darum bitten, sich für die Generation 60+ stark zu machen. Nicht für Altersheime, Renten und dergleichen, sondern für mehr gesellschaftliche Teilhabe und eine bessere Vernetzung der Altersgruppen. Davon würden wir letztlich alle profitieren, weil so vielleicht weniger Menschen auf sich alleine gestellt wären – egal ob Pensioniert, Verwitwet oder Alleinerziehend.»
Seyarani und Kulanuyaqam
Seyarani, 45, und Kulanuyaqam, 53: «Wir sind beide berufstätig, ich bin im Reinigungsdienst, mein Mann ist Lagerist. Aber das Geld wird knapper, je schlechter das Verhältnis von Lohn und Lebenskosten wird. Unser Arbeitsweg zum Beispiel war viel weniger teuer, als wir 1984 von Sri Lanka in die Schweiz gekommen sind. Uns würde es helfen, wenn etwas gegen die steigenden ÖV-Preise unternommen werden könnte, damit wieder mehr Geld für unsere Kinder übrig bleibt.»
Pajtim, 57: Auch als Sozialdemokrat sollte man die Einwanderung im Auge behalten. Ich bin 57 und wurde an meiner letzten Arbeitsstelle durch einen billigen Rumänen ersetzt. So geht es vielen in meinem Bekanntenkreis, auch wenn die Sozis unsere Sorgen für irrationale Ängste halten. Wer aber die Leute ignoriert, muss sich dann auch nicht wundern, wenn die SP bereits wieder in hohem Bogen aus der Exekutive fliegt 2016.
Marco
Marco, 30: «Ich bin Bosnier, aber hier in St.Gallen aufgewachsen. Mit der Einbürgerung hat es leider nicht geklappt, da ich als Teenager eine Straftat begangen habe. Politisch hätte ich dennoch gerne ein Mitspracherecht, schliesslich habe ich mein ganzes Leben hier verbracht. Mein Wunsch wäre, dass sich Herr Jans für ein richtiges Ausländerstimm- und -Wahlrecht einsetzt – ohne Kompromisse, egal wie ablehnend man dieser Forderung gegenüber steht.»
Tobias, 35: «Die Durchsetzung gewisser Vorschriften und Gesetze in St.Gallen empfinde ich als absolut unverhältnismässig, etwa wenn es um den Lärm geht. Städte wie Zürich und Basel sind da um einiges offener. Nehmen wir das Kugl: Es kann doch nicht sein, dass ein Kulturbetrieb beinahe die Existenzgrundlage verliert aufgrund einer fragwürdigen Einzelklage. Das verlangt nach mehr Handlungsspielraum im Umgang mit solchen Gesetzen. Deshalb wünsche ich mir von Herrn Jans, dass er sich für unser Stadtleben einsetzt, dass er auch mal ausspricht, was viele denken: Das Leben undseine Geräuschemissionen gehören zu einer Stadt und wer damit nicht klarkommt, soll sich überlegen, aufs Land zu ziehen. Oder zumindest etwas ausserhalb vom Zentrum zu wohnen.»
Laura und Samir
Laura, 18: Ich wünsche mir vom neuen Stadtrat, dass auch er sich für eine Cannabis-Legalisierung stark macht. Oder zumindest dagegen ankämpft, dass THC ständig verteufelt wird, während der Alkohol bei jedem Apéro völlig selbstverständlich schon um die Mittagszeit fliesst. Mit einem solchen Zugeständnis würde die Drogenpolitik der realität wohl ein ganzes Stück näher kommen.
Samir, 15: «Ich habe überhaupt nichts gegen Drogenabhängige, nur gegen ihre Abfälle. Auf manchen Spiel- und Pausenplätzen liegen teilweise dutzende Spritzen und andere Fix-Utensilien. Für die Kinder ist das enorm gefährlich. Herr Jans könnte sicher dafür sorgen, dass solche Plätze etwas regelmässiger kontrolliert und gereinigt werden. Oder er könnte sich dafür einsetzen, dass die Drogenabhängigen gar nicht erst nicht an solchen Orten konsumieren müssen.»
Alex, 30, und Roland, 54: «Ganz klar: Die Stadt braucht einen warmen Raum, wo sich Leute wie wir ohne Kontrollen und Konsumzwang aufhalten können. Die Notschlafstelle ist ja bekanntlich geschlossen tagsüber und im Zentrum sind wir vielerorts unerwünscht, abgesehen vom Kathi-Treff. Und wenn man dort auch noch in einem geschützteren Umfeld seinen Stoff konsumieren dürfte, wäre damit nicht nur den Süchtigen geholfen, sondern auch dem Putzpersonal, das jeweils die Folien, Spritzen und anderen Abfälle in den öffentlichen Toiletten wegräumen muss.»
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