Auch wenn es in der Beziehung schon länger gekriselt hat, so ist das Schlussmachen nie einfach. Vor allem dann, wenn der ehemalige Gefährte schon nach gut einem Monat einen Neuen an seiner Seite hat. Und obwohl der FC St.Gallen am Wochenende auf diesen Neuen, den FC Thun, getroffen ist, kramen wir nicht das Wort «ausgerechnet» hervor. Dafür begegnet man sich in der kleinen Super League einfach zu oft.
Wer kennt es nicht? Man lernt sich kennen (Saibene löst Forte ab), ist sich sympathisch (Wiederaufstieg), verknallt sich (dritter Platz 2013), liebt sich heftig (Europa League), bekommt Beziehungsprobleme (Rückrunde 2015) und trennt sich (nach Vaduz-Niederlage).
Und sieht sich wieder.
Man würde ja tuscheln, verstohlen hinüberblicken und versuchen, sich ein Urteil zu bilden. Aber am Sonntag verhinderten unzählige Kameras und gut 6’000 Schaulustige eine unangenehme Intimität der ehemaligen Weggefährten.
Der fussballerische One Night Stand
Wie geht es dieser einst so wichtigen Person in meinem Leben ohne mich? «Es gibt genug andere», bemerkt der Freundeskreis in einer solchen Situation. Es gibt genug Trainer, dürfte der Funktionärskreis sagen. Und weil die Ligen einen solchen vorschreiben, ist die Durststrecke ohne echten Trainer meist überschaubar. Das Anhängsel «ad interim» – das fussballerische Gegenstück zum One Night Stand – hält selten lange, sieht man von der heftigen Romanze an der deutsch-holländischen Grenze zwischen Raute und Glatze ab.
Aber sowieso: Ein Wiedersehen Ehemaliger in der Super League hat nicht viel Brisanz.
Wegen des aktuellen Ligasystems – man duelliert sich mindestens viermal pro Jahr – wird das Treffen mit dem Ex-Verein zur Alltäglichkeit. Das gilt für Trainer wie für Spieler. Vor allem für letztere ist die Ausbildungsliga Super League eh oft nur Durchgangsstation. Wer viele Tore erzielt, ist beim Publikum beliebt. Wer viele Tore erzielt, ist aber auch sehr schnell weg. Das Ausland lockt, das Geld, volle Stadien, Ruhm. Es sind dann diese aussergewöhnlich talentierten Spieler, die man zwar kurz, aber umso heftiger liebt. Wie ein Ferienflirt. Man geht dann auch im Frieden auseinander, bleibt weiterhin in Kontakt. Stets mit der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehren. Im vergangenen Juli haben auch wir gehofft, aber es gab (noch) kein Liebescomeback.
Die Romanze mit Zinnbauer
Die Trainer wiederum sind in jüngerer Vergangenheit grundsätzlich im Frieden gegangen (worden). Koller verdankte man den wohl grössten Erfolg der Vereinsgeschichte, Forte den Wiederaufstieg und Saibene unverhofft magische Europapokalstunden. Die Balakovs, Looses und Castellas scheiterten, was ein weiteres Engagement in der höchsten Schweizer Spielklasse scheinbar verunmöglichte. Sowieso gilt, dass ein Trainer meist schon weg ist, bevor er grossen Schaden anrichten kann. Und bisweilen ist er schon weg, bevor er überhaupt richtig wirken kann. Wir kennen dieses Phänomen aus der Westschweiz, wo der Trainer nicht das schwächste, sondern das allerschwächste Glied ist.
Und so wird ein Rencontre mit Saibene bald nur noch ein vom Boulevard künstlich aufgebauschtes Thema sein, für das man Brisanz künstlich züchten muss. Und doch hat das Thuner Logo auf Saibenes Brust so real wie die Spielunterlage im Berner Oberland gewirkt. Dass Grün-Weiss in Thun drei Punkte entführte, grätscht eigentlich sowieso jeglichen Ansatz von Liebeskummer ab. Schliesslich haben die Espen auch einen Neuen, Joe. Nach zwei Siegen in Serie geht man so langsam vom Kennenlernen zum Sich-sympathisch-Sein über. Vielleicht wird daraus bis zum Winter eine Romanze?
Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.
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