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«Ah, du bist Moslem, soso…»

Zum Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak: der St.Galler Kurde Ciwan* über die Bedeutung der autonomen Region Rovaja und die Schweizer Angst vor dem Islam.
Von  Corinne Riedener , 

Saiten: Kobanê ist Teil des autonomen kurdischen Gebiets Rojava an der syrisch-türkischen Grenze. Die IS-Angriffe haben seit Mitte September eine Massenflucht der dortigen, mehrheitlich kurdischen Bevölkerung ausgelöst. Was weisst du über die momentane Situation?

Ciwan: Die Stadt ist fast leer. Viele sind in den umliegenden Flüchtlingscamps, einige sind bei Verwandten untergekommen. Nach allem, was wir hören, hat es im Nahen Osten selbst unter Saddam Hussein keine vergleichbaren Taten gegeben wie die des IS. Derzeit sieht es so aus, als ziehe der IS Truppen in Aleppo und Raqqa ab, um sie nach Kobanê zu verschieben. Einerseits befürchten wir einen weiteren Genozid, andererseits hat das Gebiet für uns Kurden auch eine politische Funktion.

Rojava hat für viele Kurden Modellcharakter. Was bedeutet dir dieses Gebiet?

Viel, denn es orientiert sich wie die Schweiz an basisdemokratischen Strukturen. Zwischen Efrîn, Kobanê und Cizîre leben derzeit über drei Millionen Menschen verschiedenster Kulturen und Religionen. Ziel ist es, die alten Clanstrukturen aufzubrechen und durch emanzipatorische, gleichberechtigte Instrumente zu ersetzen, wie von Abdullah Öcalan propagiert. Er nennt das den «demokratischen Konföderalismus», eine Art eigener Kanton, in dem die kurdische Lebensweise gelebt werden kann.

Seit Januar 2014 existiert in Rojava eine demokratisch- autonome Selbstverwaltung. Was heisst das konkret?

Die politischen Strukturen sind zwar noch im Aufbau, aber es existieren mittlerweile regionale Verwaltungen, Kommissionen und eine Art Parlament mit Exekutivfunktion, in dem alle ethnischen und religiösen Minderheiten vertreten sind, selbst wenn sie zahlenmässig noch so klein sind. Auch Gleichberechtigung ist ein grosses Thema: In Rojava gibt es eine Vierzig-Prozent-Frauenquote. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in den oberen Führungsetagen von Politik und Militär.

Wie real schätzt du die Gefahr eines «echten» Islamistischen Staats ein? Offenbar hat auch der IS ein behördliches System aufgebaut in den besetzten Gebieten.

Das ist so. In Syrien werden die IS-Kämpfer mittlerweile besser bezahlt als Assads Männer, allein schon deswegen laufen viele über. Die Beamten der IS-Verwaltung verdienen umgerechnet etwa 400 Dollar im Monat, heisst es. Verschiedene Berichterstatter sagen, der IS sei eine Art «transnationaler Staat», da etwa ein Viertel der IS-Kämpfer aus dem Ausland kommt. Um ihm aber langfristig etwas entgegenzusetzen, sind die Ressourcen auf kurdischer Seite alleine zu klein.

In Europa fürchtet man sich vor IS-Rückkehrern, vor «orientalisch wirkenden Männern mit Bärten».

Ich möchte die Gefahren nicht herunterspielen, die radikalislamische Szene in Europa ist gefährlich und muss gestoppt werden. Dies darf aber nicht auf dem Rücken der friedlichen und moderaten Muslime, die immerhin die grosse Mehrheit stellen, geschehen. Es muss aber in Zukunft klarer differenziert werden. Die Vorurteile sind heute schon greifbar: Selbst wenn ich jemanden kennenlerne, werde ich oft als erstes nach meinem Glauben gefragt. «Ah, du bist Moslem, soso…», heisst es dann misstrauisch, obwohl ich eigentlich aus einem nicht-muslimischen, aus einem alevitischen Elternhaus komme.

Wehrst du dich dagegen?

Ich engagiere mich seit Jahren politisch und versuche, wo ich kann, die Leute aufzuklären. Früher habe ich manchmal Leserbriefe geschrieben, beispielweise zur Kopftuchdebatte, und daraufhin Droh- und Hassbriefe zugeschickt bekommen – von Menschen, die mich aufforderten, wieder dorthin zu gehen, wo ich hergekommen bin, wenn es mir hier nicht passe.

Du bist in Solothurn geboren und im Alter von vierzehn Jahren mit deinen Eltern nach St.Gallen gezogen. Das Klima scheint sich verschärft zu haben.

Die Anti-Islam-Kampagnen laufen ja schon seit Jahren, aber seit der Minarett-Initiative hat der Hass nochmal massiv zugenommen. Es ist zum Heulen, was ich teilweise in den Online-Kommentaren der grossen Zeitungen lese – vor allem, dass solche menschenverachtenden Aussagen gegenüber Muslimen mittlerweile als völlig normal empfunden werden. Spreche ich mit den Leuten, stelle ich leider immer wieder fest, dass viele gar keine Ahnung haben vom Islam und seinen verschiedenen Facetten. Trotzdem wissen sie «ganz genau Bescheid». Deshalb setze ich mich dafür ein, dass endlich differenziert wird zwischen normalen Muslimen und den Islamisten. Andererseits vermisse ich auch die tolerante Grundhaltung, die man anderen gegenüber haben sollte: Ich frage ja auch nicht einfach wildfremde Europäer auf der Strasse, ob sie vielleicht irgendeinem radikalen Katholiken-Zirkel angehören. Mich hingegen fragen die Leute – rein aufgrund meines Aussehens – ständig, was ich vom Islamischen Zentralrat (IZRS) oder dem IS halte.

Ein Grossteil der Opfer und Flüchtlinge in Syrien und im Irak ist selber muslimisch.

Ja, die Leidtragenden sind neben den Minderheiten die Muslime selbst, wie die sunnitischen Kurden beispielsweise, die kürzlich aus Rojava geflohen sind. Aber das vergisst man oft in Europa: IS-Führer Al-Baghdadi ist alles andere als ein Heiliger – ihm geht es nur um Geld und Macht. Es ist lächerlich zu denken, der IS habe irgendwas mit dem Islam zu tun.

Ciwan (Name der Redaktion bekannt), 25, wohnt in St.Gallen und ist Mitglied des demokratisch-kurdischen Gesellschaftszentrums in St.Gallen. Er studiert Geschichte und Philosophie in Zürich. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Erzincan im Osten der Türkei (Nord-Kurdistan).

Kurdische Filmtage im Kinok St.Gallen:
«Hêvî» (Hoffnung), in Anwesenheit des Regisseurs Yüksel Yavuz: Sonntag, 9. November, 12.30 Uhr
«Mavi ring» (Der blaue Transporter), in Anwesenheit des Regisseurs Ömer Leventoğlu: Sonntag, 16. November, 12.30 Uhr
Weitere Infos: kinok.ch

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