«Wozu leben, wenn niemand zusieht?» Der Mann, der erst am Schluss des Stücks einen Namen bekommt, schreit es in die Stille der Berge hinaus. Unten im Tal nimmt die Eintönigkeit ihren Lauf. Tag für Tag dieselben Routinen. Er ist vor seiner eigenen Geburtstagsfeier geflüchtet, vor seinen unzähligen Freunden und seiner unerträglichen Beliebtheit, hoch hinauf auf einen Berggipfel. Höher geht nicht. Die Zurückgebliebenen sorgen sich und schicken eine Frau hinterher, um nach ihm zu sehen.
Eine solide Ausgangslage für ein Drama inklusive Liebesgeschichte. Doch was, wenn der Mann gar nicht auf dem Berg steht, sondern wissentlich auf der Bühne? Und wenn die Frau nicht von Freunden geschickt wurde, sondern von der Autorin des Stücks? Dann ist man mittendrin in einem Spiel zwischen Fiktion, Wirklichkeit und Inszenierung. Oder Theater im Theater.
Überforderter Gesellschaftsjunkie
«Mein Herz ist ein Dealer» ist der zweite Aufzug aus dem Projekt «Mensch! – Ein Showbusiness» der Performerin und Autorin Beatrice Fleischlin und des in Berlin lebenden St.Galler Regisseurs Jonas Knecht. Die beiden geben damit ihrem «gemeinsamen Grübeln über das Existenzielle in der heutigen Wettbewerbsgesellschaft» eine Plattform. Beatrice Fleischlin, die auch für den Text verantwortlich zeichnet, und der Schauspieler Axel Röhrle liefern sich einen imposanten Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit. Er will sie vom Publikum, sie will sie von ihm. Er fühlt sich in seiner eitlen Selbstinszenierung gestört, sie klaut seinen Monolog, kritisiert, flirtet, greift ihn an, sowohl rhetorisch als auch physisch. Sein Job besteht darin, den überforderten Gesellschaftsjunkie («einen der Geilen») darzustellen. Sie wurde angewiesen, eine Liebesszene mit ihm zu improvisieren, trägt dafür eigens eine blondgelockte Perücke.
Das klingt verwirrend, und das ist es auch. Die Ebenen prallen aufeinander, bringen unerwartete Wendungen und einseitige Interaktion: Das Publikum wird zwar direkt angesprochen, dabei aber ausdrücklich angewiesen, nicht zu antworten. Eine durchgehende Handlung ist nicht der Anspruch des Stücks. Hier übernimmt der starke Text. Zwischen Monolog und Dialog, kraftvoll, fluchend, kritisch, poetisch und komisch zugleich führt er durch die existenzielle Gratwanderung. In einem sind sich die Streithähne auf der Bühne einig: dass sie von Arschlöchern umgeben sind – und dass auch sie welche sind.
Sturm, Chaos und Showbusiness
Es wird jedoch nicht nur gesprochen auf dem fiktiven Berggipfel, sondern auch gesungen. Das Geschehen ist weitgehend musikalisch unterlegt. Anna Trauffer am Kontrabass und Andi Peter mit der E-Gitarre halten sich mal im Hintergrund, mal beeinflussen sie direkt den Ablauf. Die feinen choreographischen Einlagen (Cornelia Lüthi) sind passend platziert, und zum dramatischen Höhepunkt hält sogar ein waschechter Schneesturm Einzug – schliesslich geht es um Showbusiness. Jonas Knecht ist als Regisseur präsent und greift hie und da in die Szenerie ein, und doch hat jede Figur ein Eigenleben, egozentrisch bis selbstverliebt sichern sich alle ihre Position im Experiment.
Irgendwann sind Sturm, Chaos und Sich-auf-die-Fresse-Geben vorbei. In der Ruhe wird aus ihr Alex und aus ihm Bastian. Mit den Namen kommt die Trennung. Was bleibt, ist die Feststellung, dass alles nur Performance ist, und ein letzter Song, dem das reichlich suspekt ist. Ein teilweise verwirrender, doch intelligent-witziger Abend. Empfehlenswert – nicht nur für Selbstverliebte.
Weitere Vorstellungen: Mi 28. und Do 29. Mai, je 20 Uhr
Bilder: Iko Freese / drama-berlin.de
theater-konstellationen.net
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.