Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Magie des Widerhalls

Indoor war einmal: Nach Moderne Pilger in der Kletterhalle St.Gallen verlegt das Panorama Dance Theater seine Kletterpartien in den Alpstein: ECHOS wird zum Trip in die Höhe – für die Mitwirkenden und fürs Publikum, schreibt Saiten-Tanzexperte Stefan Späti.
Von  Gastbeitrag

Warum man sich so etwas antut? Weil es sich lohnt! So viel vorneweg. Aber erst einmal zurückgespult: Wer ECHOS (von Kompanie-Mitgründer Tobias Spori) mit vier Tänzerinnen, einem Tänzer, einem Sänger und zwei Musikern sehen will, muss hoch hinauf. Ab Brülisau gehts los zu Fuss bis zum Fälensee. Gleich mal wird es anstrengend, und das nicht zu knapp: Der Weg zum Plattenbödeli ist ein Saucheib, ein steiler.

Nach und nach verstummt die eben noch redselige Gruppe regulärer Städter, die an diesem späten Nachmittag einem irregulären Freitagabend-Programm entgegenkeucht. Dann jedoch, nach gut zwei Stunden, die Belohnung. Die Stille da oben, der Blick auf die umliegenden Gipfel in der Abendsonne – und schliesslich der Fälensee unterhalb des Gasthauses Bollenwees, der seelenruhig und gestochen scharf die umliegenden Felswände, Hänge und Bäume spiegelt.

Naturgeformte Arena

Nach kurzer Rast im Gasthaus Bollenwees geht die Performance los. Ann Katrin Cooper, Produktionsleiterin und Panorama Dance Theater-Mitbegründerin, führt das Publikum zum Wanderweg neben dem Gasthaus. Das Setting ist minimal: Auf der Wiese neben dem Weg stehen vereinzelte Scheinwerfer. Unten am Seeufer liegen fünf rote, zu Häufchen zusammengeraffte Tücher. Und dort am Wasser sitzt auch Karl Schimke, Tubist im St.Galler Sinfonieorchester, der jetzt mit dem Alphorn den Start der Performance signalisiert.

Der Klang des Instruments hallt von den umliegenden Felswänden wider und vervielfacht sich in den Ohren des mucksmäuschenstillen Publikums. Dann kommt Bewegung in die Ruhe. Die fünf Tänzerinnen und Tänzer steigen von verschiedenen Seiten die steilen Grashänge zum See hinab. Zu hören sind nur das Plätschern von Quellwasser und die Schritte der Akteure, die sich schliesslich bei den Tüchern bereitstellen. Das Publikum blickt hinunter in eine massive, von der Natur geformte Arena.

Ein schönes erstes Bild entsteht, wenn Tänzerinnen und Tänzer Steine über die Wasseroberfläche gleiten lassen. Eine kurze, wellige Nervosität, und schon liegt der See wieder ruhig. Der darauf folgende Bewegungsteil wirkt dagegen etwas unbeholfen auf dem steinigen Untergrund. Fast stören die synchron angelegten, organisiert wirkenden Bewegungen die bisherige Ruhe und Natürlichkeit.

Spiderwoman an der Felswand

Die Abendsonne, die auf der Wanderung noch real zugegen war, wird nun vom orangen Licht der Scheinwerfer auf den senkrecht abfallenden Felsen hinter den Zuschauenden projiziert. Die Akteure haben mittlerweile ihren Standort am Wasser verlassen und sind über die Wiese zum Publikum hochgeklettert. Eine erste Tänzerin wird am Seil hochgezogen, hängt über den Köpfen der Umstehenden und bewegt sich langsam und gelenkig in der Luft. Dazu die Stimme von Sänger Jordan Shanahan, dessen Gesang samt Echo an ein arabisches Abendgebet erinnert.

Furchtbar hoch hinauf geht es dann für Tänzerin Emma Skyllbäck, die ganz nach oben gezogen wird, bis dorthin, wo Büsche und kleine Bäume aus der Felswand wachsen. Kurz verweilt sie, um sich anschliessend zu drehen und wie eine Spinne kopfüber die steile, glatte Wand runterzukraxeln.

Vom Fuss des Felsens kommt ihr Kollegin Sandra Klimek entgegen. Die beiden Frauen treffen sich in der Mitte, und nun beginnt, was zum eindrücklichsten Teil der Performance werden soll. Zu den rhythmischen Klängen von Manolo Riederer am Schlagzeug beginnen die beiden ein dynamisches, kraftvolles Duett, das mit seiner beeindruckend synchronen Ausführung in den Bann zieht. All das hängend an einer Felswand, leicht bekleidet, bei gefühlten oder auch realen fünf Grad Celsius. Und wieder einmal zeigt sich, was Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Körpern, der ihnen eigenen Koordination und Konzentration schaffen, wenn sie sich darauf einlassen – weit entfernt von einem Ballettsaal mit Spiegeln, Stangen und elastischem Schwingboden.

Von der Felswand zur Spielwiese

Alphornklänge und Gesang lotsen zum letzten Teil der Performance direkt vor dem Gasthaus. Langsam wird es dunkel. Düsterer Nebel umhüllt den gegenüberliegenden Berggipfel, die Kälte kriecht dem Publikum die Beine hoch. Alle Akteure sind nun gemeinsam versammelt. Musiker und Sänger auf einer Anhöhe, Tänzerinnen und Tänzer auf einer leicht vertieft gelegenen Grasfläche, die durch die weissen, zu exotisch anmutenden Bäumchen zusammengebundenen Ballons zur Spielwiese wird.

Die Bewegungen sind anfangs zaghaft, steigern sich jedoch zum schneller werdenden Schlagzeugbeat. Die Mimik der Akteure und die weissen Kostüm-Oberteile sind dagegen von einer Harmlosigkeit, die sich nach dem kraftvollen Part an der Felswand nicht ganz erschliessen lässt. Der Song, interpretierbar als Hymne an die Natur, den alle Mitwirkenden zusammen zum Schluss anstimmen, macht dann schliesslich klar: So harmonisch menschengemachte Klänge sein mögen, sie können mit der stillen Kraft dieser Berglandschaft nicht konkurrieren.

Das Lied klingt aus, das Stück ist zu Ende. Begeisterter Applaus für eine weitgehend ästhetische, kraftvolle und kreative Performance, welche die Herausforderung, einer solch magischen Landschaft als Kulisse gerecht zu werden, fast durchgehend schafft. Man möchte hoffen, dass es nicht bei dieser einen Vorstellung bleibt.

Taschenlampe raus – Jackenkragen hoch: Die Wandergruppe macht sich an den Abstieg nach Brülisau. Am Ende noch einmal der steile Saucheib, der in entgegengesetzter Richtung und kompletter Dunkelheit nicht sympathischer wird. Er setzt jedoch den prägnanten Abschluss für einen aussergewöhnlichen Abend, nach dem ein entspanntes Wochenende guttut. Auch wenn man nicht getanzt hat.

 

Vergangenen Freitag war die bisher einzige geplante Vorstellung. Mehr Infos zur Kompanie hier.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285