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Es geht um den Zugang

Vor der Ausstellungzum Darknet: Ein Gespräch aus dem Heft mit Kurator Giovanni Carmine und Domagoj Smoljo von Bitnik über das Darknet und Strategien im unsichtbaren Raum kollektiver Anonymität.
Von  Katharina Flieger , 

Saiten: Warum müssen wir uns mit dem Darknet befassen?

Giovanni Carmine: Eine Metareflexion über das Darknet fehlte bis heute, sie ist gerade im Entstehen begriffen. Als Kunstinstitutionen müssen wir uns jetzt und auf physi­scher Ebene mit dem Internet auseinandersetzen. Dazu gehört auch, sich mit Phänomenen aus dem Untergrund zu befassen: Mit dem Onionland, der Meme-Kultur, mit Imageboards oder auch Anonymisierung. In fünfzig Jahren wird es interessieren, wie die betroffenen Menschen zu Beginn mit dem Wandel umgegangen sind. Wir befinden uns in einem Pioniermoment, müssen uns auf allen – auch auf künstlerischen – Ebenen mit dieser Entwicklung ausein­andersetzen. Sonst verlieren wir komplett das Verständnis dafür, was eigentlich geschieht.

Und: Was geschieht?

GC: Wir dachten, dass wir im Darknet viele Antworten zu den prägenden Phänomenen des Internets finden wür­den. Bis wir merkten, wie schwierig es ist, unter der Oberfläche zu tauchen: Diese Bewegung zwischen Sichtba­rem und Unsichtbarem ist zwar ein sehr spannendes Gefühl, entzieht sich aber jeglichen Ordnungsversuchen. In diesem Sinne kann Unsichtbarkeit einerseits ein problematisches Hindernis, aber gleichzeitig auch eine nützliche Strategie sein. Es gibt beispielsweise im Darknet viel Sichtbares, das wir nicht sehen wollen: weil es uns fremd ist, zu krass oder zu problembehaftet, zu links oder zu rechts, was auch immer. Zugleich ist die grundsätzliche Unsichtbar­keit, die das Onionland bietet, auch eine Antwort auf das Problem des gläsernen Menschen: Alles was wir heute im Surfaceweb tun, ist sichtbar und wird getrackt. Als Reak­tion darauf wollen wir gewisse Dinge nicht mehr zeigen und verstecken uns – diese Ambivalenz ist ein interessanter Zustand. Wir versuchen, ihn als zeitgenössisches Phänomen, das über die digitale Welt hinausgeht, zu begreifen.

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!Mediengruppe Bitnik, Delivery for Mr. Assange (Videoinstallation), 2014

Domagoj Smoljo: Wir verstehen das thematisch nicht so ein­geschränkt, wie es zurzeit im Netz verhandelt wird. Einer­seits geht es uns in Bezug auf das Internet darum zu sagen, dass es mehr gibt als das, was von Google auffindbar ist. Das Internet ist vergleichbar mit dem berühmten Bild des Eisbergs: Das uns bekannte Surface-Web ist nur eine relativ kleine Spitze, unter der noch viel mehr schlummert.

GC: Metapher und Realität des Darknets lassen sich nicht komplett auseinandernehmen. Im Laufe unserer Recherchen entwickelten wir ein urbanes Bild des Themas als gesell­schaftliches Phänomen rund um die Frage: Was bedeutet es, Zugang zu haben?

DS: In Zürich gibt es zum Beispiel eine Kultur versteckter Restaurants, die für kurze Zeit auftauchen und rasch wieder verschwinden – eine Art temporäre Präsenz im Stadtraum. Um aber Zugang zu diesen Orten zu bekommen, muss man vernetzt sein, man muss wissen, wann und wo etwas stattfindet. Da spielen – ähnlich wie im Netz – Codes eine wichtige Rolle. In diesen Netzwerken wird eine starke subkulturelle Identität zelebriert. Das ist zwar recht spezifisch, aber durch­aus vergleichbar mit den Funktionsweisen des Darknet. Dabei stellen sich im Darknet spannende Fragen: Wie vertraut man einander, obwohl man nicht weiss, wer das Gegen- über ist? Und welche Rolle spielt dabei die Verschlüsselung?

Wer mit Tor im Darknet surft, hat durch die Ver­schlüsselung mit langsamen Ladevorgängen und toten Links zu kämpfen. Dies läuft dem Trend der immer schnelleren Allverfügbarkeit entgegen. Wie interpretiert ihr das?

DS: Das Onionland hat eine viel höhere Beweglichkeit der Inhalte: Ständig tauchen Webseiten auf und verschwin­den wieder. Alles ist viel temporärer als im Surfaceweb. Daher auch die toten Links. Im Temporären liegt aber auch eine Qualität: Anders als im Surfaceweb ist kein leistungs-starker Server mit stabilem Internetanschluss nötig, um im Netz sichtbar zu werden. Im Onionland kann auch ein Handy oder ein Minicomputer als Webseite dienen. Tor wird aber natürlich nicht nur zum Surfen im Onionland genutzt, sondern vor allem auch verwendet, um anonym im In­ternet zu surfen. Wenn das Internet wegen Zensur oder staatlicher Überwachung nicht oder nur unter grossen per­sönlichen Risiken zugänglich ist, bietet Tor einen nicht rückverfolgbaren Zugang zum Internet, der es erlaubt gefahr­los Zensur und Überwachung zu umgehen. Die Langsamkeit, die sich aus dem technischen Verfahren hinter Tor ergibt, ist dabei wohl ein Preis, den Aktivistinnen, Verfolgte und Überwachte gerne bezahlen.

Was interessiert Euch am Tor-System ?

DS: Die kollektiven Prozesse: Man muss Teil des Netzwerkes werden, damit es überhaupt existieren kann. Das ist ein Kontrast zu der angesprochenen allgegenwärtigen Service­logik des Surfaceweb, in der stets alles vorhanden sein und funktionieren muss. Tor und das Onionland haben viel vom Charme des ganz jungen Internets beibehalten: Man wird selber aktiv, kann mitgestalten, es ist experimen­tell, roh und immer für eine Überraschung gut.

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!Mediengruppe Bitnik, Delivery for Mr. Assange (Röntgenscan), 2013

GC: Nicht unbedingt, die gab es schon immer, wie etwa die Hausbesetzerszene vor dreissig Jahren. Heute aber ist es dank des Netzes möglich, sich auf globaler statt lokaler Ebe­ne sehr schnell zu organisieren. Die digitalen Möglich-keiten und technischen Werkzeuge beschleunigen und po­tenzieren das Ganze.

Ihr interpretiert die Enthüllungen von Edward Snowden als eine Zäsur, mit der sich Sichtweisen und Machtverhältnisse verschoben haben. Was ist gemeint?

DS: Das Medium unserer künstlerischen Arbeit ist das Netz. Uns war stets bewusst, welches Überwachungspotential da drin steckt. Deshalb haben wir immer darauf geachtet, al­les selber zu machen, einen eigenen Server zu betreiben und Alternativen zu Google zu benutzen. Nach den Enthüllun­gen von Snowden jedoch wurden unsere schlimmsten Vorstellungen von dem, was an Überwachung möglich ist, Realität bzw. gar übertroffen.

GC: Ihr hattet zumindest eine Vorstellung davon! 95 Prozent der Weltbevölkerung hatten davon keinen Schimmer.

DS: Offline und Online verzahnen sich immer mehr, was be­deutet, dass auch die Überwachung in immer stärkerem Masse alle unsere Lebensbereiche durchdringt. Mit den Ent­hüllungen von Edward Snowden wird plötzlich sehr deut­lich, dass Überwachung alle etwas angeht. Denn es liegt in der Natur dieser Art von Überwachung, dass sie zwar in der Gegenwart geschieht, doch in Zukunft als immenser Da­tasatz zur Verfügung steht und jederzeit gegen einen ver­wendet werden kann.

Was ist die Konsequenz – sollte ich nun meinen gesamten Datenverkehr verschlüsseln?

DS: Sich zu verstecken, ist keine Lösung. Das wäre, als wenn in den 80ern jemand, der eine Fiche hatte, nicht mehr ausser Haus gegangen wäre. Nein, das muss auf einer gesellschaftlichen Ebene gelöst werden. Dazu braucht es einen Diskurs: Vielleicht können wir mit unserer Ausstellung da einen Beitrag leisten. Als Einzelperson ist das nicht lösbar. Auch in dieser Hinsicht ist das Darknet interessant, da es aus der simplen Logik heraus entwickelt wurde, dass man als Individuum kommunizieren können muss, ohne dass einem zugeschaut bzw. zugehört werden kann. Wir werden als Gesellschaft für die Einführung und Durch­setzung grundsätzlicher Rechte im Internet kämpfen müssen. Ähnlich wie wir um die Einführung des Briefgeheimnisses gerungen haben.

06_Meme

Anonymus, Meme, Archiv Valentina Tanni, unbekannt

DS: Auch im Darknet gibt es natürlich Kulturproduktionen. Ich denke dabei an die Meme-Kultur oder Anonymous. Die Elemente dieser Kulturen sind temporär, sie spielen da­mit, nicht archivierbar zu sein. Deshalb zeigen wir in der Ausstellung etwas zur Geschichte von Anonymus. Robert Sakrowski untersucht die kollektive Identität Anonymus, welche aus der Webplattform «4chan» herausgewachsen ist. Das ist ein Imageboard, welches kein Gedächtnis, kein Archiv hat. Jeder Post löscht sich nach einer gewissen Zeit wieder, nichts ist google-indexierbar und somit nicht archivierbar. Das Tolle an dieser Plattform, auf der alle per default als Anonymous posten, ist, dass sich keine Reputation aufbauen lässt. Es spielt keine Rolle, was jemand in der Community oder anderswo bereits geleistet hat, sondern nur ob dein Post/deine Idee in dem Mo­ment gut und interessant ist. In einer Art Schwarmlogik wird mit Identität gespielt. Robert Sakrowski untersucht die Performativität von Aktionen der letzten vier, fünf Jahre: Dinge wie kollaborative Hacks im Netz oder die aktive Ein­mischung in den syrischen Konflikt, wo Aktivisten und Aktivistinnen Internetleitungen zur Verfügung gestellt wurden. Was man aber auch nicht vergessen sollte: Das Darknet ist auch Big Business. Das verstecken wir nicht, die Arbeit von Simon Denny beispielsweise setzt sich mit der Figur von Kim Dotcom, dem Betreiber von Megaupload auseinan­der. Uns war wichtig, dass der mit der Digitalisierung einhergehende Gigantismus und solch kontroverse Figuren auch vorkommen.

In den Arbeiten von Bitnik scheint es oft auch um eine Umkehr des Blickes zu gehen – spielte dieser künstlerische Ansatz auch für diese Ausstel­lung eine Rolle?

DS: Ja, es gibt ein paar solche Positionen, wie etwa die von Heath Bunting. In seinem bereits seit zehn Jahren dau­ernden Projekt «Staus Project» fragt er, wodurch persönliche Identität definiert wird. Diese Frage stellt er aus ei­ner abstrakten Datenbank-Perspektive heraus. Wie er-hältst du einen Bankaccount? Dafür musst du gewisse Sachen mitbringen – du musst zum Beispiel dein Geschlecht und deine Adresse angeben können. Bunting hat die letzten Jah­ren eine riesige Datenbank dazu aufgebaut und kann da­durch für Grossbritanien relativ einfach neue Identitäten kreieren – Identitäten, welche Postadressen, Telefonnum­mern, aber auch Sozialversicherungsnummern besitzen. In einem Workshop im Rahmen der Ausstellung wird Bunting versuchen, eine Schweizer Identität zu kreieren.

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Aram Bartholl, Forgot your Password?, 2013

DS: Allen Künstlern gemein ist ein pointierter Umgang und ein grosses Wissen in der Auseinandersetzung mit Themen wie Netzwerk, Internet, Darknet, Identität und Kontrollgesellschaft.

GC: Uns war es wichtig, eine Ausstellung zu machen, die auch visuell überzeugt; der Input kam von Bitnik.

Will Bitnik für einmal den virtuellen Raum gegen den Ausstellungraum eintauschen?

DS: Immer beides: Der Ausstellungsraum ist genauso inter­essant für uns wie der virtuelle Raum, weil er durch die Distanz einen Moment der Reflexion ermöglicht, der in un­seren Liveperformances normalerweise nicht stattfinden kann. Wir gingen auf die Kunsthalle St.Gallen zu, weil wir in ihr eine der wenigen Partnerinstitutionen in der Schweiz sehen, mit der man Inhalte gemeinsam füllen, neue Formen ausprobieren und sich forschend in Neuland vorwagen kann.

Wird dem Publikum der Ausstellung das Darknet erklärt?

GC: Nein. Wir wollten keine didaktische Ausstellung ma­chen, sondern eine Stimmung schaffen, die gewisse Themen wie Identität, Anonymität, Netzwerk, Verbindung On-Offline, Darknet, Internet, Subkultur und die damit einhergehende Bildproduktion dort sichtbar machen und Interesse wecken soll. Auch wir wissen noch nicht genau, was es wird. Wir sehen die Ausstellung auch als Platt-form, um unsere Recherche zu vertiefen. Wir hoffen, dass wir die Fragen weiterentwickeln und Diskussionen anregen können. Es ist zu früh, ein präzises Statement zu ma­chen, auch wir sind von der aktuellen Entwicklung überfordert.

DS: Es soll eine Art Kick Off werden, um sich dem Thema künstlerisch anzunähern.

GC: Der Live-Charakter ist wichtig, vermutlich wird die Aus­stellung am Ende anders aussehen als zu Beginn. Ich hoffe, dass sich eine Dynamik ergibt und neue Leute hinzustossen. Das entspricht der Logik des aktuellen Geschehens im Darknet.

Was gibt es darüber hinaus zu sehen?

GC: Mit den Begleitveranstaltungen wollen wir das Netz auch als Plattform nützen, indem wir beispielsweise einen Vortrag im Darknet streamen. Damit bezwecken wir eine Wechselwirkung zwischen dem Innen- und dem Aussenraum und bestärken den osmotischen Charakter, die Ambivalenz des Themas. Wir wollen beim Publikum die Frage auslösen: Wo bin ich – in der Kunsthalle oder im Dark­net? Oder ist die Kunsthalle ein Knoten des Darknet? Uns als öffentlicher Institution ist es wichtig, das öffentliche Bewusstsein für das Darknet und das, was ausserhalb von Google stattfindet, zu stärken. A propos Zugang: Uns ist sehr bewusst, dass wir es hier mit einem westlichen, männlichen Phänomen zu tun haben. Wir bemühen uns, dies aufzufangen; wissen aber noch nicht wie.

«The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration.»: 22. Oktober bis 4. Januar 2015, Kunsthalle St.Gallen, Vernissage: Freitag, 17. Oktober
Spezialveranstaltungen, Workshops und weitere Infos: kunsthallesanktgallen.ch

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